Entfremdung und Aufhebung

Hegelinschrift an der Außenfassade des Hauptbahnhof Stuttgart (Foto: © Welf Schröter)

Hegelinschrift an der Außenfassade des Hauptbahnhof Stuttgart (Foto: © Welf Schröter)

Philosophische Annäherungen an den Arbeitsbegriff – Ein Beitrag von Matthias Mayer

In Ansehung philosophie-geschichtlicher Kontextualisierung ist Hegels Versuch einer Definition der Arbeit (die vorher kaum Gegenstand philosophischer Reflexion war) als eine Rechtfertigung zu verstehen. Rechtfertigung wofür? – der produzierenden und kommerzialisierenden Bourgeoisie seiner Zeit, die noch Schuldgefühle in sich trug, weil sie die bis dato herrschende Klasse der Aristokratie durch die Guillotine hat beseitigen lassen, um selbst sich „auf deren Stühle zu setzen“ (Bloch). Seither und aus diesem „schlechten Gewissen“ heraus regiert uns das von Max Weber erkannte protestantische Arbeitsethos (= Ichideal), welches Jean-Paul Sartre in seinem Flaubert als „Ethik der Anti-Physis“ beschreibt und dessen tiefenpsychologische Antriebe Sigmund Freud und – in unseren Tagen – Arno Gruen analysiert haben.

Für Hegel ist der Satz „Ich bin Ich“ (A = A ) die kleinstmögliche aller existierenden „Arbeitseinheiten“. Anders: Selbstbewusstsein (als Identitätsformel) wird von ihm als Bewegung verstanden, als Akt und damit bereits als Arbeit.

„Das arbeitende Bewusstsein ist der Anfang der Bildung, der Anfang der Erfahrung seiner selbst als eines selbstständigen Wesens, als eines Selbstbewusstseins, das sich selbst als ein Selbst erfasst. In der Arbeit als Bildung ist der Anfang der Selbsterfahrung des Selbstbewusstseins als Ich bin Ich zu suchen.“ (Eberhard Braun)

Diese zunächst rein mentale Bewegung (Denken = Überschreiten) erweitert sich durch „Entäußerung“, d. h. im „Kampf um Anerkennung auf Leben und Tod“ zwischen „Herr und Knecht“ sowie um die Arbeit als Stoffwechsel und Ringen mit der Natur sowie um die Arbeit am realen Gegenstand. So bildet sich die Prämisse jenes Arbeitsbegriffs, auf dem der Marxismus seine Theorie vom dialektischen und historischen Materialismus hat errichten können.

„Arbeit, so muss man schließen, ist nicht allein Formieren äußerer Gegenstände, sie ist auch ein Formieren des Bewusstseins. In der Arbeit formiert das Bewusstsein sich selbst; es reflektiert sich selbst und erhebt hierin sich zum wahrhaften Selbstbewusstsein, welches die Form der Allgemeinheit, der bleibenden Gegenständlichkeit erhält.“ (Eberhard Braun)

Der Arbeitsbegriff Hegels entspringt einer Komponente seiner Ontologie (= Logik), welche (bereits) existentialistische Züge aufweist und auf der Sartre später aufbauen wird: der Gegenstand als „Nicht-Ich“ zeigt mir mein „Nichts-Ich“, d. h. mein Ich, das „Nichts“ ist, an, „füllt es aus“. Hegel: „Das Ding ist Ich“ (vielleicht der bedeutendste Satz der „Phänomenologie des Geistes“).

Von Schelling herkommend, hat Hegels Konstruktion des Selbstbewusstseins noch etwas Erzeugendes an sich – daher wird sie von ihm auch als Arbeit (ursprünglich der Natur) gefasst und bezeichnet. Dieser Aspekt entfällt bei Sartre. Ihm genügt schon der reine „Blick des Anderen“, um Ich-Gefühl und Selbstbewusstsein herbei zu führen.

Was bleibt uns also als Erbe des Hegelschen Arbeitsbegriffs? Arbeit verweist uns je auf uns selbst, erfüllt somit eine grundlegende ontologische Funktion. Entfällt diese, beherrschen Entfremdung und Verdinglichung unsere Lebens- wie Arbeitswelt.

 

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