Die Metamorphose der Kommunikation

© Foto: Welf Schröter

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Es war Alexander Kluge, der schon in seiner einschlägigen Edition „Chronik der Gefühle“ aus dem Jahr 2004 einen gut zu findenden Schlüsselsatz versteckte: „Die Kommunikation beruht auf Vertrauen, über das Ohr verknüpft.“ Er fügte hinzu: „Es funktioniert gegen alle Wahrscheinlichkeit.“

Wer vor mehr als einem Jahrzehnt – noch vor dem sich alsbald beschleunigenden Prozess der Informatisierung, Digitalisierung und Virtualisierung unserer Lebens- und Arbeitswelten – diese Aussage las oder hörte, fand schnell zu einem zustimmenden Kopfnicken. Heute aber sieht uns dieser Satz fremd, wenn nicht ver- und entfremdet an.Inzwischen hat der Einsatz der Informations- und Kommunikationstechniken den Kern dieser ohrbezogenen Analyse beinahe hinweggespült. An die Stelle der gleichzeitig-synchronen Kommunikation von Menschen zu Mensch ist inzwischen eine technisch reduzierte, zumeist asynchrone „Kommunikation“ von „Mensch zu Maschine“ und „Maschine zu Mensch“ geworden. Fachleute aus der Informatik und aus den Ingenieurwissenschaften bezeichnen einen zielgerichteten und strukturierten Datenaustausch nun als „Kommunikation“.

© Foto: Welf Schröter

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Der ganzheitlich kulturell-soziale Begriff Kommunikation, bei dem Menschen von Angesicht zu Angesicht, mit Worten, Gesten, Mimik, Augenkontakt und Körpersprache Botschaften austauschen, wird aus dem Zukunftsszenario „Industrie 4.0“ schrittweise ausgegrenzt. Statt nach Vertrauen in den Menschen fragen wir nach „Vertrauen“ in das IT-System. Der echtzeit-automatisierte, re-sychronisierte virtuelle Transaktionsraum will Daten durch Daten, Softbots durch Softbots, Maschinen durch Maschinen abprüfen lassen, um verlässliche Ergebnisse bzw. Befehle als „vertrauensvoll“ einordnen zu können, um die Bestätigung der Geschwindigkeit als Vertrauenssignal zu deuten.

Das Ohr im Klugeschen Sinne ist nicht mehr im Zentrum unserer Wahrnehmung. Im Hinblick auf unsere Medien- und Netznutzung stehen wir an der Schwelle zu einem gravierenden Wechsel: Bald wird die „Kommunikation“ im Netz mehrheitlich eine „Kommunikation“ zwischen Dingen, zwischen Geräten, zwischen materiellen und immateriell vorgespiegelten Gegenständlichkeiten sein.

In der zwischenmenschlichen Kommunikation vermittelt(e) die Sprache und die sie ergänzenden Ausdrucksformen den Vorschein, die Möglichkeit der Vertrauensbildung. Vertrauen wuchs durch sinnlich-körperliche Kommunikation. Die individuelle Identitätsarbeit für das Entstehen des eigenen Ichs realisierte sich vorwiegend entlang unseres kommunikationskulturellen Verhaltens. Der Sozialpsychologe Heiner Keupp spricht zu Recht von einer zu erreichenden Kohärenz: „Identitätsarbeit hat als Bedingung und als Ziel die Schaffung von Lebenskohärenz.“

Die paradigmatische Verschiebung des Schwerpunktes im öffentlichen Kommunikationsverständnis stellt nicht nur eine technische Herausforderung dar. Es ist vor allem ein ganzheitlich-kultureller Prozess, der die Erbschaft der bisherigen Errungenschaften humaner Sozialität in Frage stellt und das Unabgegoltene und Ungleichzeitige in der Ich-Werdung aufdeckt. Identität will in der Virtualität und aus der Virtualität entstehen. Die biografisch erworbene „Identitätskonstruktion“ (Keupp) konfrontiert sich mit dem virtuell modellierten Identitätsmanagement: „Biografisches Ich“ und „Virtuelles Ich“ (Schröter) beginnen sich zu polarisieren und fragmentieren die ungleichzeitige Identitätsarbeit. Das gesellschaftliche Werden und der Erwerb von solidarischer Sozialkompetenz stehen am Scheideweg angesichts der sich atomisierenden Identitäten im Netz.

Die zunehmenden Digitalisierungen von Arbeitswelten und Gesellschaft verlangen heute vor allem einen nichttechnisch ausgelegten Rückgriff auf unsere öffentlichen Emanzipationsmuster einer demokratischen Zivilgesellschaft. Lange war Blochs Diktum nicht so aktuell wie heute: „Ich bin. Aber ich habe mich nicht. Darum werden wir erst.“ – Das „Wir“ gilt es zu betonen.

(Dies ist der 100. Beitrag im bloch-blog.)

 

Am 7. März wäre Rudi Dutschke 75 Jahre alt geworden

Im Alter von nur 39 Jahren war Rudi Dutschke, Christ und Kriegsdienstverweigerer aus der DDR, an den Folgen des Attentats von 1968 am Weihnachtsabend 1979 gestorben. Als Kritiker des Vietnamkrieges und Unterstützer des „Prager Frühlings“, als Unterstützer Sacharows und Gegner des Militärputsches in Chile war der am 7. März 1940 in Luckenwalde geborene Sozialist in den Jahren 1967/68 von einschlägigen Medien angegriffen und für beinahe vogelfrei erklärt worden. Ein junger Mann aus der rechten Szene nahm die Denunziation ernst und schoss auf ihn. Drei Kugeln verletzten Rudi Dutschke schwer.

Seine langsame Gesundung und Rekonvaleszenz wurde von einem intensiven Briefwechsel mit dem Philosophen Ernst Bloch begleitet. Die Briefe spiegeln nicht nur die persönliche Lebensgeschichte wider, sie geben zugleich Einblick in die Zeitgeschichte der siebziger Jahre.

Vor 27 Jahren erschien dieser legendäre Briefwechsel zwischen Dutschkes und Blochs. „Lieber Genosse Bloch …“ So hieß das von Karola Bloch herausgegebene Buch, das Ende der achtziger Jahre einen ersten Einblick in das produktive Freundschaftsverhältnis zwischen Dutschkes und Blochs eröffnete.

Sowohl Rudi Dutschke wie auch Karola und Ernst Bloch kamen aus der DDR kurz vor dem Mauerbau in den Westen. Nach der Kritik an der DDR folgte die Kritik an der westdeutschen Gesellschaft. Rudi Dutschke missbilligte Bloch lange Zeit als zu starren Denker. Erst mit dem 1968 erschienenen Werk Blochs „Atheismus im Christentum“ näherte sich der linke Christ Dutschke dem linken Atheisten Bloch an. Die Diskussion über den Utopie-Gehalt der Religion führte beide Männer zusammen.

 

 

Richard von Weizsäcker und Karola Bloch

Denkmal zur Erinnerung an den jüdischen Aufstand im Warschauer Ghetto (Foto: © Welf Schröter)

Denkmal zur Erinnerung an den jüdischen Aufstand im Warschauer Ghetto (Foto: © Welf Schröter)

Es war das Jahr 1984. Karola Bloch hatte ihren 79. Geburtstag gefeiert. Als Polin, Deutsche, Jüdin und Antifaschistin wurde sie Wochen später gefragt, ob sie bereit wäre, eine symbolische Kandidatur zum Amt einer Bundespräsidentin anzunehmen. Der offizielle Kandidat hieß damals Richard von Weizsäcker.

Karola Bloch zögerte mit ihrer Antwort auf die im kleinen Kreis in ihrer Tübinger Wohnung gestellte Frage. Ein langer Zug an ihrer Zigarette. Schließlich lehnte sie mit vorsichtigen Worten ab. Die deutsche Gesellschaft sei noch nicht reif für eine jüdische Kandidatin aus Polen. Sie wollte die deutsch-polnischen Beziehungen nicht belasten. Sie dachte an die Ermordung ihrer Familie im KZ Treblinka, die zuvor im Warschauer Ghetto von den Nationalsozialisten interniert war.

Wenige Monate vor seinem Tod zollte Richard von Weizsäcker noch einmal seinen Respekt vor Karola Bloch. Die beiden waren sich nie begegnet. Sie hätten sich mit Hochachtung die Hand gereicht.

Als Antje Vollmer bei der Trauerfeier für den verstorbenen Bundespräsidenten an dessen Rede zum 40. Jahrestag der Befreiung am 8. Mai 1985 einging, verglich sie deren Wirkung mit dem Kniefall Willy Brandts in Warschau. Er kniete vor dem Ehrenmal zur Erinnerung an die Toten des jüdischen Aufstandes im Warschauer Ghetto.

Antje Vollmer gab dem Kniefall und der Rede eine besondere Bedeutung, die in ihrer Tragweite erst heute richtig erkennbar wird:

„Beide Politiker nahmen so ein wenig den traumatisierten europäischen Nachbarn die Angst vor den Deutschen und sie erlaubten uns, den damals Jüngeren, ganz vorsichtig wieder einzuwandern in das eigene Land, in dem wir gelebt hatten wie Fremde. Es war wie eine Eisschmelze – es konnte wieder Vertrauen investiert werden.“

 

Der gedankliche Pfeifenqualm des Philosophen

(Foto: © Welf Schröter)

(Foto: © Welf Schröter) (Ein Klick auf das Foto erhöht die Lesbarkeit.)

In den sechziger und siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts waren es junge Frauen und Männer im Alter von Mitte zwanzig, die begannen, sich mit der Lebensphilosophie, der Lebenshaltung, dem politischen Imperativ und dem Wissen eines besonderen Ehepaars zu befassen. Die Achtundsechziger und ihre politischen Nachkommen in den neuen sozialen Bewegungen der Folgejahre entdeckten das Denken des Philosophen Ernst Bloch und die politische Widerständigkeit der Architektin Karola Bloch.

Nachdem Ernst Bloch am 4. August 1977 im Alter von 92 Jahren starb, gab die Generation des Protestes über Nacht in einer heimlichen Sprühaktion der Tübinger Universität einen neuen Namen: Für die Jungen hieß die Alma Mater von nun an „Ernst-Bloch-Universität“. Seit dieser Zeit rieben und reiben sich nachwachsende Studentengenerationen an dieser symbolischen Umbenennung. Sie ringen mit dem damit verbundenen zivilgesellschaftlichen und gesellschaftspolitischen Anspruch.

(Foto: © Welf Schröter)

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Nun haben sich 38 Jahre nach Blochs Tod und mehr als zwanzig Jahre nach dem Tode Karola Blochs rund zwanzig Studentinnen und Studenten aufgemacht, die Geschichte des Protestes und die Historie der „Ernst-Bloch-Universität“ neu zu erkunden. Am 5. Februar 2015 stellten sie das Ergebnis ihrer Recherchen in einer öffentlichen Ausstellung in einem städtischen Gebäude Tübingens vor. Nun durchzieht der gedankliche Pfeifenqualm des Philosophen bis zur Sommerpause ein Fachwerkhaus in der Altstadt.

(Foto: © Welf Schröter)

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Die Suchenden von heute fragen nicht nur nach den umtriebigen erlittenen Exilbiografien der Blochs, sie fragen auch nach deren Rollen als Mentoren des rebellischen Geistes und deren Symbolpräsenz im Alltag der Aufmüpfigen der siebziger und achtziger Jahre. Es klingt erfrischend ermutigend, wenn die Jungen von heute in ihrer Abhandlung zum Entstehen der „Ernst-Bloch-Universität“ abschließend schreiben:

„Die Proteste von 1977 sind somit nicht gescheitert, sondern dauern in einer anderen Form noch immer an: Als Erinnerung an eine Zeit, in der viele heutige Selbstverständlichkeiten, wie die lückenlose Aufarbeitung nationalsozialistischer Verstrickungen, hart umkämpft waren; gleichzeitig als Mahnung an kommende Generationen, sich ihrer Kritikfähigkeit zu bedienen, wann immer sie gebraucht wird.“ (Zitat aus dem Ausstellungskatalog)

 

 

Nichts ist vergessen

(Foto: © Welf Schröter)

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Siebzig Jahre nach der Befreiung des KZ Auschwitz durch die Rote Armee der Sowjetunion ist die Erinnerungsarbeit inzwischen auch auf die „Dritte Generation“ übergegangen. Die unauslöschliche Traumatisierung wächst hinüber in die Leben der Nachgeborenen. Die Verantwortung geht in neue Hände.Wer von Traumata geplagt und geprägt ist, kann Forderungen nach einem sogenannten „Schlussstrich“ und nach dem verletzenden Ausruf „Nun muss das aber mal endlich ein Ende haben“ nur mit ungläubigem Kopfschütteln und begründetem Widerspruch  beantworten. Die Erwartung eines „Schlussstrichs“ entstammt dem Denken der Täter, auch der „Zweiten Generation“ der Täter. Diese und deren Nachkommen werden die andauernde Wirkmächtigkeit der Traumatisierungen anerkennen und respektieren müssen.

Die Shoah ist in unser aller Bewußtseinsschichten eingebrannt. Vielleicht lässt sich das Denken an den Holocaust zuweilen im Alltag überdecken und zeitweise verschütten. Doch dieses Brandmal wirkt in unseren sich zeitlich überlappenden Erfahrungsschichten ungleichzeitig weiter. Die Shoah wird nie abgegolten sein. Dieses Weiterwirken kann vielleicht durch verantwortungsgetriebenes Rückerinnern gelindert, nicht jedoch aufgehoben werden.

Wie sehr unreflektierte Tätersprache noch immer aktuell ist und verletzen kann, lässt sich an zwei journalistischen Formulierungen aus Tageszeitungen des Januar 2015 ablesen. Da wird vom „Ghetto Lodz“ und vom „polnischen Auschwitz“ geschrieben. Man muss nicht zur jüngsten Trauma-Generation gehören, um festzustellen, dass es das deutsche KZ „Litzmannstadt“ auf dem Boden der polnischen Stadt Lodz war. Auf der Gemarkung nahe der polnischen Stadt Oświęcim wurde das deutsche KZ Auschwitz errichtet.

Verletzend wirkt auch jene Aussage öffentlicher Amtsträger, die eine Einladung an Vertreterinnen und Vertreter der „Dritten Generation“ der Opfer mit dem Hinweis ablehnen, es sei nun genug getan und alles weitere sei Privatsache. Eine solche Haltung beleidigt nicht nur die Nachkommen der Überlebenden.

Vor diesem Hintergrund ist der Satz von Bundespräsident Joachim Gauck „Es gibt keine deutsche Identität ohne Auschwitz“ eine ermutigende Positionsbestimmung und Haltung. Die Erbschaft jener Zeit darf heute nicht auf Täterdenken verkürzt und verdreht werden. Es gilt, die Legenden der Täter offen zu legen und den inneren Erbschaften der Opfer und ihrer Nachkommen zuzuhören.

Das Unaussprechliche befindet sich nicht im Wort „damals“ sondern in der Ortsangabe „dort“. Der Raum wirkt im Gegenwärtigen.

Das Unabgeltbare der Shoah weitet die Unabgegoltenheit erinnerter Spuren. Die Shoah wurde und wird auch Teil von Ernst Blochs Genesis-Perspektive. Das Ungleichzeitige durchdringt den Wunsch nach dem werdenden Wir. Die Shoah entzieht sich dem Bestreben nach dialektischer Aufhebung.

 

 

Konstruktion und De-Konstruktion von Identität

(Foto: © Welf Schröter) Konfrontationen der Identität - Konfrontationen der Architektur

(Foto: © Welf Schröter) Konfrontationen der Identität – Konfrontationen der Architektur

Ist die Herausbildung von Identität „ein lebenslanger Prozess der Konstruktion und Revision von Selbstbildern“? Erreicht der Mensch „Identität“ oder bestenfalls „Identitäten“? – In einer modernen Welt soll und muss Identität widersprüchlich sein, soll und muss Identitätswechsel erlaubt sein. Identität ist somit formbar und veränderbar. Parallel zum arbeitsweltlich-philosophischen Diskurs über „Identität in der Virtualität“, bei dem Identitätsbildung aus der Digitalisierung und Virtualisierung von Industrie- und Dienstleistungsarbeit abgeleitet werden soll, gab die Staatliche Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart Impulse zur Identitätsdebatte aus künstlerischer und musikalischer Arbeitsperspektive. In ihrer Zeitschrift „Spektrum #23“ durchstreiften Schaffende unterschiedlichster Fachumgebungen ihren Alltag, um Identitätsstiftendes zu finden. Deren Lektüre regt zur konstruktiven Aufhebung an.

„Du wirst, was Du tust“, ruft es aus der tanzenden Musik. Identität ist nicht zwangsläufig vorhanden. Identität ist Werden, ist Prozess. Von Identität lässt sich nicht im Singular sprechen. Identität ist Vielheit, besser noch Vielfalt. Identität entsteht durch Offenheit, mehr noch durch Protest, durch Handeln.

Die Humanisierung der Identität wäre die Forderung nach komplexer Identität. Identität entsteht und wächst durch Differenz. Identität folgt der Konstruktion und De-Konstruktion.

Der Komponist Mauricio Kagel brachte einst das Wort von der „fragmentarischen Identität“ ein. Für Bloch steht hinter dem „Ich“ das Werden zum Wir. Die virtuelle Identität ist nur vordergründig ein „Ich“. Tatsächlich fügt sich das „Ich“ vom Vorgestern zum „Ich“ vom Gestern hinein in das „Ich“ vom Morgen als ungleichzeitiges „Wir“ des Jetzt. „Identität in der Virtualität“ heißt vordergründige Gleichzeitigkeit bei tatsächlicher Ungleichzeitigkeit.

Nicht umsonst rief der biblische Daniel den Engel Gabriel zu interpretierender Assistenz herbei, um zurückliegend Unabgegoltenes im Gesicht des Gegenwärtigen für den hörend Sehenden erkennbar zu machen: „Lege diesem das Gesicht aus, damit er’s versteht.“

 

L’Intelligence artificielle

(Foto: © Welf Schröter) Disorder

(Foto: © Welf Schröter) Disorder

Während in der Bundesrepublik das Jahr 2015 mit der tripartistischen Initiative „Zukunft der Industrie“ startet, griff die französische Tageszeitung Le Monde neue Technikutopien aus dem Feld der „Künstlichen Intelligenz“ auf. Während das Bundeswirtschaftsministerium, der Bundesverband der Deutschen Industrie und die Gewerkschaft IG Metall mit Hilfe von Digitalisierung und Virtualisierung entschlossen neue Wertschöpfungspotenziale und neue Wege des „job creating“ anvisierten, träumt Le Monde vom „communisme 2.0“. Die französischen Hoffnungen werden auf neue Maschinen mit künstlicher Intelligenz bzw. als l’intelligence artificielle gesetzt. Die klugen Maschinen bereiten eine Gesellschaft ohne Arbeit vor. Nicht die Kapitalismusanalyse eines Thomas Piketty – oder dessen Original aus dem 19. Jahrhundert – würde die Herrschaft bestehender Marktordnung erschüttern, sondern der Kapitalismus selbst werde seine intelligenten Maschinen nicht überleben.

Bis zum Jahr 2045 würden die Maschinen „Bewusstsein“ erhalten haben. Man werde Maschinen schaffen, die die Arbeiten besser erledigen können als der Mensch. Die virtuelle Welt von „Matrix“ lässt grüßen.

Tesla-Gründer Elon Musk brachte seine Erwartungen auf seine Weise auf den Punkt: „Die künstlichen Intelligenzen sind potenziell viel gefährlicher als die Nuklearwaffen.“

Unklar bleibt dabei, ob die beschriebenen klugen Maschinen die Vorstufe zu transhumanen Gebilden darstellen oder deren Weiterentwicklungen. Bisher galt als Ziel, dem Menschen Chips und andere intelligente Bauteile körperlich einzubinden, um dessen unbefristetes Leben zu ermöglichen.

Mit den französischen Träumen entfällt die zeitliche Verlängerung des körperlichen Menschen zugunsten der Aufrüstung der intelligenten Maschinen mit der Fähigkeit des selbstständigen Denkens und des sich autonom Bewußt-Werdens. Der neue „Kommunismus“ würde sich zudem auch dadurch selbst realisieren, weil die künstlichen Intelligenzen voraussichtlich das Geld als tägliches Waren- und Dienstleistungsäquivalent unnötig machen und somit abschaffen.

Nun gut, träumen darf man. Auch in Le Monde. Voilà!  

Cardenal mit Bloch

IMG_1070Ein „utopischer Stern“ habe die beiden Nachdenklichen verbunden, schrieb Karola Bloch im Januar 1981 über Ernesto Cardenal und Ernst Bloch, als die „Architektin des Lebens“ – so die chilenische Künstlerin Margerita Pastene über die Bauhaus-Anhängerin – von ihrer Reise nach Mittelamerika und ihrem Aufenthalt im nicaraguanischen Managua zurückgekehrt war.

Cardenal, der „Theologe der Befreiung“, der die Tagträume eines sozial engagierten Christentums mit den Ansätzen eines antiautoritären Marxismus zu verknüpfen suchte, der aus der Katholischen Kirche exkommuniziert wurde, war damals Kulturminister in der neuen Regierung der FSLN nach dem gewaltsamen Sturz des früheren Diktators Somoza.

Monate vor dem Eintreffen in der Hauptstadt der Sandinisten hatte Karola Bloch Ernesto Cardenal bei dessen Besuch in Tübingen kennengelernt.

Bei einer öffentlichen Ansprache gab Karola Bloch in dem mit sich ringenden Land am Rande des Pazifik hintergründig weitsichtig der Regierung Nicaraguas eine politische Haltungsperspektive Rosa Luxemburgs als Leitmotiv mit auf den weiteren Weg: „Freiheit nur für die Anhänger der Regierung und für die Mitglieder einer Partei – mögen sie noch so zahlreich sein – ist keine Freiheit. Freiheit ist immer die Freiheit des anders Denkenden.“ Der kritische Impuls hat wohl nicht nachhaltig getragen. Ernesto Cardenal brach 1986 mit der FSLN.

Zwei Tage vor der 110. Wiederkehr des Geburtstages von Karola Bloch am 22. Januar konnte Ernesto Cardenal am 20. Januar seinen eigenen 90. Geburtstag feiern. Als Kulturschaffender des Wortes, als Schriftsteller und Lyriker blieb und bleibt er sich bis heute in der Rolle des Mahnenden aus Solentiname treu, wenn auch in der Sprache der Poesie. Felicitaciones!

 

Nous sommes Charlie Hebdo! – Wir sind Charlie Hebdo!

705558-uneafficheSolidarität mit den französischen Verlegern und Journalisten

Mit großer Trauer nimmt die Redaktion des bloch-blog Anteil an dem Leid der Angehörigen der ermordeten Journalisten und Verleger der französischen Zeitung „Charlie Hebdo“. Als Arbeitende des Wortes erklären wir uns solidarisch mit den Kolleginnen und Kollegen bei „Charlie Hebdo“. Wir sehen uns verbunden mit den landesweiten Protesten in ganz Frankreich zur Verteidigung der Meinungsfreiheit und der Pressefreiheit.

Die große Errungenschaft der „Französischen Revolution“ ist die Durchsetzung der Bürgerrechte als Citoyenne und Citoyen. Diese Erbschaft mit der Trennung von Kirche und Staat bildet die Grundlagen moderner Zivilgesellschaften nicht nur in Europa.

Wer das Recht auf Meinungs- und Pressefreiheit angreift, will die Demokratie schädigen. Demokratie aber ist die Grundlage unseres Zusammenlebens in politischer Toleranz.

Mit der Aussage „Nous sommes Charlie Hebdo!“ – „Wir sind Charlie Hebdo!“ schließen wir uns den europaweiten und weltweiten Solidaritätsbekundungen an.

Wer versucht, Religion über die Demokratie zu stellen, will rückwärtsgewandte Unmündigkeit statt nach vorne gerichteter Aufklärung hin zu individueller Freiheit.

Wer versucht, Religion zu instrumentalisieren, um Menschen auszugrenzen und ihrer Rechte zu berauben, hat die Werte der Trikolore und die Werte des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus siebzig Jahre nach der Befreiung durch die Alliierten nicht verstanden.

„Unmündigkeit ist trotz größter zivilisatorischer und kultureller Entfaltung nach wie vor geblieben. Unsere Aufgabe ist es, unaufhaltsam aufzuklären, das Bewußtsein des Menschen wachzurütteln. Andere Waffen haben wir nicht.“ (Karola Bloch)

 

Vor 80 Jahren erschien Ernst Blochs „Erbschaft dieser Zeit“

(Foto: © Welf Schröter)

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„Hier wird breit gesehen. Die Zeit fault und kreißt zugleich. Der Zustand ist elend oder niederträchtig, der Weg heraus krumm. Kein Zweifel aber, sein Ende wird nicht bürgerlich sein.“ Mit diesen Worten führte Ernst Bloch, der Philosoph des „Noch-Nicht“ und vehemente Kritiker des Nationalsozialismus, in sein Werk „Erbschaft dieser Zeit“ ein, das im Jahr 1935 in der Schweiz erschien. Als das lange verschollene Buch 1962 vom Autor neu veröffentlicht wird, begrüßt Enzensberger den Band und wendet die methodische Herangehensweise zugleich in die Gegenwart: „Wo aber wäre der Kritiker, der uns die Erbschaft unserer fünfziger Jahre beschriebe, so wie Bloch die seiner Zeit, satt von Anschauung und Erinnerung und hungrig vor Hoffnung?“

„Das Buch ist ein Handgemenge“, schrieb Bloch in den dreißiger Jahren. Im Zentrum steht der Begriff „Ungleichzeitigkeit“, den Bloch Marx aufnehmend auf die Geschichte der Sehnsüchte der Menschen am Ende der Weimarer Republik anlegt und mit dem er zudem den einseitigen analytischen Kältestrom der Komintern kritisierte. „Erbschaft dieser Zeit“ zählt noch heute zu den wichtigsten Erklärungshelfern, wie es zum „Schrecken-Deutschland“, zum Nationalsozialismus kommen konnte. Wenn im Jahr 2015 an die Befreiung Europas vom Nationalsozialismus erinnert wird, sei den Akteuren die Lektüre dieser Schrift vorab empfohlen.

Der „ungleichzeitige Rest“ (Bloch) des alten militärisch-feudalen wilhelminischen Kaiserreiches im Bewusstsein Weimars und die unzureichende Erfüllung der Novemberrevolution haben die Wünsche und Träume der Menschen empfänglich gemacht für die „anachronistische Verwilderung“ (Bloch). Zuwenig hätten die Gegner der NS-Propaganda den „Wärmestrom“(Bloch) die „Schatzkammern einer nicht ganz aufgearbeiteten Vergangenheit“ begriffen und ergriffen. „Der subjektiv ungleichzeitige Widerspruch ist gestaute Wut, (…).“

Im Jahr 2015 ist erneut „gestaute Wut“ zu erkennen, wenn auch eine andere. Ein Blick in „Erbschaft dieser Zeit“ kann beim notwendigen Handeln die „Breite“ sowie den „Stachel der Unsicherheit“ sichtbar machen helfen. „Schon morgen ist jedes Jetzt anders da“(Bloch).