Verschwiegen – Vergessen – Wiederentdeckt. Und nun ignoriert?

Foto: © Welf Schröter

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„Ein Dorf gegen Hitler. Der 31. Januar 1933 markierte einen Einschnitt in die deutsche Geschichte. Die Nationalsozialisten unter Adolf Hitler gelangten an die Macht, die Weimarer Republik wurde abgeschafft, eine Diktatur entstand. Nicht überall im Land waren die Menschen mit der Machtübernahme einverstanden, hier und da leisteten Bürger Widerstand. Besonders Bemerkenswertes spielte sich im kleinen schwäbischen Dorf Mössingen ab.“ Mit diesem Worten beginnt eine sogenannte „Pageflow-Reportage“, die Campus TV Tübingen im Jahr 2016 online zugänglich machte.

Die mediale Aufbereitung der Ereignisse um den „Mössinger Generalstreik“ gegen Hitler am 31. Januar 1933 ist ein verdienstvoller Schritt. Damit wird Erinnerungs- und Gedenkarbeit erleichtert. Eine der Grundlagen des digitalen Werkes ist die von der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg im Jahr 2015 herausgegebene Broschüre „,Heraus zum Massenstreik‘. Der Mössinger Generalstreik vom 31. Januar 1933 – linker Widerstand in der schwäbischen Provinz“, in der die geschichtlichen Abläufe didaktisiert ausgearbeitet wurden. Die für die „Pageflow Reportage“ verantwortliche Redaktion von Campus TV ist am Institut für Medienwissenschaften der Universität Tübingen angesiedelt.

Wer vom „Mössinger Generalstreik“ wenig weiß, wird über diese Darstellung glücklich sein. Mit Bild, Video, Schrift und Ton wird ein Überblick über Anlass, Ziele und Verlauf sowie über die Folgen der Aktion gegeben. Wer jedoch mit ausreichenden Vorkenntnissen auf diese WebSite trifft, wird unter einem besonderen Gesichtspunkt enttäuscht sein. Es stellt sich die Frage, warum die Redaktion entschieden hat, die jüdischen Spuren im „Mössinger Generalstreik“ vollständig auszublenden. In der Broschüre der Landeszentrale sind sie enthalten. Weitere Veröffentlichungen liegen seit langem vor.

Zum „Mössinger Generalstreik“ gehört, dass der Streik im damaligen Textilunternehmen Pausa startete. Die Pausa wurde von den jüdischen Brüdern Artur und Felix Löwenstein 1919 gegründet. Sie arbeiteten sehr früh mit dem von den Nationalsozialisten bedrängten Bauhaus zusammen. Von dort holten die Löwensteins mehrere linkssozialistisch politisierte junge Designerinnen zur Pausa. Diese ebenfalls jüdischen Bauhaus-Frauen wirkten in den Jahren vor 1933 in der Pausa. Schon vor 1933 wehrten sich die jüdischen Besitzer gegen den Nationalsozialismus. Sie beendeten die Zusammenarbeit mit Firmen, die sich der NSDAP verbunden sahen. Schon vor 1933 wurden die Löwensteins bedroht. Als die Belegschaft der Pausa den Streik beschloss, schützten und unterstützen die Löwensteins die Streikenden, indem sie ihnen freigaben. Nach 1933 nahm der massive Druck auf die Löwensteins zu. 1936 wurden die Pausa-Gründer zwangsenteignet und aus Mössingen vertrieben. Mit dem Jahr 1936 wurde der jüdische Name Löwenstein aus dem öffentlichen Gedächtnis Mössingens gelöscht.

Von 1936 bis 2006 wurde die Geschichte der Löwensteins weitgehend verschwiegen. Nur selten gab es kleine Erwähnungen am Rande. Durch Publikationen in 2006 und 2013 sowie durch die Gründung des Löwenstein-Forschungsvereins im Jahr 2007 begann die aktive Wiederentdeckung. Die Nachkommen der Pausa-Gründer sind 73 Jahre nach ihrer Vertreibung zum ersten Mal wieder 2009 nach Mössingen gekommen. Inzwischen sind sie vier Mal angereist. Zuletzt besuchten sie die Stadt im Sommer 2016 aus Anlass des 80. Jahrestages der Zwangsenteignung der Pausa und der Vertreibung der jüdischen Gründer. In der Theaterfassung des „Mössinger Generalstreiks“ durch das Theater Lindenhof „Ein Dorf im Widerstand“ (2013) sind die Löwensteins mehrfach präsent.

In seiner Begrüßung sagte Oberbürgermeister Michael Bulander 2016: „Wir erinnern an die Zwangsenteignung der Textildruckfirma Pausa und die Vertreibung der Unternehmer Artur und Felix Löwenstein aus unserer Stadt und letztendlich der gesamten Familie aus Deutschland vor 80 Jahren. Damit schreibt Mössingen in der NS-Zeit nicht nur die Geschichte des Mössinger Generalstreiks, als am 31. Januar 1933 über 800 Personen gegen die Machtübergabe an Hitler demonstrierten – darunter auch ein großer Teil von Pausa-Arbeitern. Die Unternehmer Löwenstein hatten ihnen nach einer positiven Streikabstimmung für den Nachmittag freigegeben.“

Warum also fehlt in der medialen Aufbereitung des „Mössinger Generalstreiks“ durch Campus TV Tübingen die Gewichtung der Rolle der jüdischen Brüder Löwenstein? Sollten wir nicht der Gefahr entgegenarbeiten, dass verschwiegene, vergessene und endlich wiederentdeckte Geschichte erneut ignoriert wird? Historische Ehrlichkeit und fachwissenschaftliche Solidität verlangen eine Nachbearbeitung der „Pageflow Reportage“.

Wie äußerten sich doch Harold Livingston und Doris Angel, die Kinder der Pausa-Gründer, bei einem ihrer Besuche in Mössingen: „Wir sind heute zusammengekommen, um das Andenken an Artur und Felix Löwenstein zu ehren, zwei schöpferische und fleißige Unternehmer. Unsere Väter waren maßgeblich an der Begründung der modernen Wirtschaft von Mössingen beteiligt. Harold und ich freuen uns, dass die Stadt heute blüht und gedeiht, und besonders darüber, dass die Stadtverwaltung und viele Mössinger Bürger die Leistungen der Brüder Löwenstein anerkennen und würdigen.“

 

Siehe zu Thema: Irene Scherer, Edith Policke, Klaus Ferstl, Welf Schröter: Die Löwensteins und der Mössinger Generalstreik. Wie die Pausa-Gründer sich gegen die Nationalsozialisten stellten. In: Irene Scherer, Klaus Ferstl, Welf Schröter (Hg.): Für Artur und Felix Löwenstein. Ein Leseheft anlässlich des 80. Jahrestages der Zwangsenteignung der Pausa und der Vertreibung der Brüder Löwenstein aus Mössingen 1936. S. 17-21 (2016, 42 Seiten, ISBN 978-3-89376-167-8). Siehe dazu auch: Irene Scherer, Welf Schröter, Klaus Ferstl (Hg.): Artur und Felix Löwenstein. Würdigung der Gründer der Textilfirma Pausa und geschichtliche Zusammenhänge (2013, 396 Seiten, ISBN 978-3-89376-150-0).

Zur Pageflow Reportage: https://multimedia.hd-campus.tv/entries/mossinger-generalstreik#244

Befreiung und Hoffnung

Heinrich Bleicher-Nagelsmann (Verband deutscher Schriftsteller VS) am 8. Juli 2015 in Mössingen. - Foto: © Welf Schröter

Heinrich Bleicher-Nagelsmann (Verband deutscher Schriftsteller VS) am 8. Juli 2015 in Mössingen. – Foto: © Welf Schröter

Die Zahl derer, die in Europa Grundprinzipien der Demokratie und deren Praxis in Frage stellen, nimmt in vielen Ländern zu. Europa als demokratisches Friedensversprechen gegen die Verbrechen des Nationalsozialismus gewinnt unter jungen Menschen jedoch an Anziehung. Im Gegensatz dazu wachsen eher innerhalb der mittleren und älteren Generation Zweifel und Distanz. Diese Menschen suchen auf ihre Enttäuschungen zumeist Antworten in der Vergangenheit, – nicht als aufzuhebende Erbschaft ungleichzeitiger Erfahrungen sondern als eindimensionaler Fluchtpunkt rückwärts.

Am 8. Juli 2015 kamen in Mössingen zahlreiche Nachdenkliche zusammen, um sowohl an den 70. Jahrestag der Befreiung vom Nationalsozialismus durch die Alliierten wie auch an den 130. Geburtstag Ernst Blochs zu erinnern. Im Rahmen der Veranstaltung wurde auch des verstorbenen Harold Livingston (Helmut Löwenstein) gedacht. Er war der Sohn des jüdischen Mitbegründers des Textilunternehmens Pausa, Artur Löwenstein. Die Pausa arbeitete vor 1933 eng mit dem Bauhaus in Dessau zusammen. Die Belegschaft der Pausa löste den „Mössinger Generalstreik“ gegen Hitler am 31. Januar 1933 aus. Das Unternehmen wurde 1936 zwangs„arisiert“. Helmut Löwenstein wurde mit seiner Familie und seinen Verwandten 1936 von Nationalsozialisten aus Mössingen und Stuttgart vertrieben. Er kehrte 1945 als 22-jähriger Soldat der britischen Armee nach Deutschland zurück und gehörte zu den Befreiern des KZ Bergen Belsen. Unter dem Namen Harold Livingston lebte und starb Helmut Löwenstein in London.

In seiner Rede zum Thema „Befreiung und Hoffnung – 70 Jahre nach dem Ende des Nationalsozialismus“ ermutigte Heinrich Bleicher-Nagelsmann vom Vorstand des Verbandes deutscher Schriftsteller (VS) seine Zuhörerinnen und Zuhörer, sich für ein demokratisches und soziales Europa in der Tradition von Ernst und Karola Bloch einzusetzen. Achtzig Jahre nach der Vertreibung der in Mössingen arbeitenden jüdischen Bürgerinnen und Bürger lohnt es sich, diese Rede noch einmal zu lesen (Rede_Heinrich_Bleicher-Nagelsmann_2015).

Auftritt eines neuen „Triadischen Balletts“ aus cyber-physischen Systemen?

Erinnerungen an Oskar Schlemmers "Triadisches Ballett". (Foto: © Welf Schröter)

Erinnerungen an Oskar Schlemmers „Triadisches Ballett“. (Foto: © Welf Schröter)

Wenn im 21. Jahrhundert Kommunikation auf Kreativität und Kunst trifft, wenn Virtualisierung die Arbeit und das Leben im Alltag erreicht, beginnen sich Mensch und Maschine auf ein neues verändertes und veränderndes Miteinander einzulassen. Technisch entmaterialisierte Kommunikation greift nach dem Modus der Wahrnehmung und verschiebt die Grenzen zwischen haptisch-sinnlichem und optisch-sinnlichem Empfinden, um im Virtuellen ein neues Fundament zu errichten. Letzteres entfaltet sich alsbald zum Tanzboden von künstlichen Artefakten, die – den Menschen simulierend – an seiner Stelle tätig werden.Das unsterbliche Ballett der cyber-physischen Systeme gibt den Schwan und meint doch eher die Seeräuber-Jenny, ohne zu verkünden, dass dieses Ballett die Grenzen der Zeit in Richtung sich wiederholender Echtzeit zu überschreiten sucht. Die Kunstschaffenden für den symbolischen Tanz des Digitalen streben nach dem Ausbruch aus dem Konventionellen, eine neue Konvention schaffend. Das Publikum träumt von der befreienden Entgrenzung, um dann doch eher nur vordere Parkettreihen zu besetzen. „Die Zukunft ist auch nicht mehr das, was sie einmal war.“ (Karl Valentin)

Damals im frühen 20. Jahrhundert fand am 22. September 1922 in Stuttgart die Uraufführung des „Triadischen Balletts“ in den Räumen des Württembergischen Landestheaters Stuttgart statt. Der Bauhaus-Künstler Oskar Schlemmer hatte das Ballett als Illustration des Umbruchs aus der wilhelminischen Starrheit hinein in die fluide Moderne geschaffen und inszeniert. Oskar Schlemmers damalige Freunde Felix und Helene Löwenstein wie auch Lily Hildebrandt waren begeistert. Im Programmheft zum 22. September 1922 hieß es technik- und zukunftsverliebt:

„Das Triadische Ballett, Tanz der Dreiheit, das mit dem Heiteren kokettiert, ohne der Groteske zu verfallen, das Konventionelle streift, ohne mit seinen Niederungen zu buhlen; zuletzt Entmaterialisierung der Körper erstrebt, ohne sich okkultisch zu sanieren, soll die Anfänge zeigen …“

In der großen Schlemmer-Ausstellung 2015 in Stuttgart las sich ein Textschild anknüpfend wie folgt:

„Im Programmheft zur Uraufführung wird das ,Künstliche‘ als Quelle von Wahrheit und Schönheit betont und als Gegensatz zum Streben nach ,Wirklichkeit‘ – sprich Individualismus – in der Kunst gesehen.“

Oskar Schlemmers Traum eines Gesamtkunstwerkes, das den Linien der Abstraktion, der Zeitlosigkeit und der Modernität folgt, entsprang dem Willen, „das Metaphysische zu binden“ (Schlemmer). Vor dem Hintergrund der heutigen industrieverbundenen Kreativwirtschaft mit ihren CPS-Personae erscheint Schlemmers Verhältnis zur Technik wie ein Kapitel Unabgegoltenheit in der Erbschaft der Humanisierung des Menschen. Wie schrieb er doch 1922 zukunftstrunken und faktisch schon Gedanken der heutigen humanoiden Robotik vorwegnehmend:

„Die Mittel jeder Kunst sind künstliche und jede Kunst gewinnt, wenn sie ihre Mittel erkennt und bejaht. … Chaplin wirkt Wunder indem er ganz künstlich ist. Ob die Mechanisierung des Lebens von heute durch Maschine und Technik, gegen die sich die Sinne nicht verschließen können. Auch die Maschine Mensch und den Mechanismus Körper nachdrücklich fühlbar und bewusst werden lässt.“

Ein neuer grundlegender Wandel von Arbeit und sozialem Zusammenhalt, von „E-Society“ und Robotik wandert in die alltäglichen Vorstellungswelten der Citoyennes und Citoyens der Gegenwart. Nicht der Tanz auf dem Vulkan sondern ein neues „Triadisches Ballett“ fordert heraus, will Neues, bringt Altes mit, aktualisiert Ungleichzeitiges und enthebt auf der Bühne den Menschen seiner „Invariante der Richtung“ (Bloch). Das CPS-Ballett folgt dem Crescendo-Ruf: Vom „Pas de deux“ zum choreografierten „Ballet d’action“, ohne „Cabriole“ und ohne „Contretemps“.

Als Künstler der rebellischen „Üecht-Gruppe“ schrieb Oskar Schlemmer am 15. November 1919 in einem Flugblatt: „In der Kunst ist lernen gleichbedeutend mit leben wollen.“ Fast einhundert Jahre später wäre anzufügen, dass die cyber-physischen Ballett-Schuhe vor dem Betreten der Bühne anzuziehen sind.

Ist heute im Angesicht der CPS die „Entmaterialisierung“ der Körper eine „konkrete Utopie“, die der Humanisierung des Menschen näher kommt, oder liegt in der Entkörperlichung ein Stück nachholende Vergangenheit, die mehr rückwärts verweist als nach vorne öffnet? – Oskar Schlemmer wird es wohl gewusst haben.

Vergessene Architekten

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(Foto: © Welf Schröter)

Er gehörte für Karola Bloch zur politischen Familie, auch wenn – oder auch weil – er von Stalin verfolgt wurde. Sie, die Architektin und Bauhaus-Anhängerin, freute sich, ihn zu treffen, von ihm zu hören und zu lesen. Am 18. November 2014 jährte sich der Geburtstag des Architekten und Dessauer Bauhausdirektors Hannes Meyer zum 125. Mal.

Meyer wurde von Gropius zum Bauhaus geholt und vom ihm vertrieben, weil er zu politisch, zu politisch links war. Dieses Politische in der Architektur aber, ihre ganzheitliche Gesellschaftlichkeit war es, die Karola Bloch an Meyer schätzte und der sie selbst nachfolgen wollte.

Meyer ging mit großen Erwartungen 1930 nach Moskau. Er wollte durch neues Bauen zu neuen Gesellschaften beitragen. Mit diesem Tagtraum kam Karola Bloch 1949 in die DDR nach Leipzig. Meyer floh alsbald in die Schweiz. Seine Partnerin wurde von Stalins Häschern ermordet. Karola Bloch erhielt in der zweiten Hälfte der Fünfziger-Jahre Berufsverbot in „Pachulkistan“ (so nannte der Bloch-Schüler Jürgen Teller die DDR). 1961 wechselt die Architektin von Leipzig nach Tübingen. Beide Architekten gehören heute noch immer zu den Vergessenenen in ihrem Berufszweig.

Schon 1951 schrieb Karola Bloch an Hannes Meyer in der Schweiz, er möge nicht in die DDR kommen. Die Bauhaus-Tradition sei durch den ideologischen „Formalismusstreit“ des „sozialistischen Realismus“ weitgehend getilgt worden: „Der sowjetische Prozess brauchte hier nicht zu sein“, schrieb die Polin und Jüdin kritisch über die planwirtschaftlichen Exerzitien Ulbrichts. Karola Bloch arbeitet bis zum Tätigkeitsverbot in der DDR zu Kindertagesstätten und Kinderkrippen, da es dabei „nicht so viele Schwierigkeiten zu überwinden“ gibt. Hannes Meyers Tod 1954 hat Karola Bloch schwer getroffen.

„Daß Sie zur Familie gehören, ist selbstverständlich, und ich habe stets, allen Merkers zum Trotz, zu Ihnen gehalten und Sie stolz meinen Freund genannt!“ (Karola Bloch am 21. 10. 1951 an Hannes Meyer).

 

Karola Bloch: Der unkünstlerischste Naturalismus. Brief an Hannes Meyer. In: Irene Scherer, Welf Schröter (Hg.): Karola Bloch – Architektin, Sozialistin, Freundin. Eine Neuentdeckung des Wirkens der Bauhaus-Schülerin. (2010) ISBN 978-3-89376-073-2

Das widerständige Leben der Karola Bloch

Im zwanzigsten Todesjahr Karola Blochs kamen in Pfullingen in Sichtweite des früheren Neske-Verlagshauses über fünfzig interessierte Zuhörerinnen und Zuhörer zusammen, um Felicitas Vogel, der Kuratorin der Neske-Bibliothek, bei ihrer Lesung aus Karola Blochs Autobiografie „Aus meinem Leben“ zu lauschen.

Im Garten des ehemaligen Klarissenklosters, das aus einer der frühen religiösen Frauenbewegungen hervorgegangen war, wurde das widerständige Leben der Polin und Jüdin, Architektin und Sozialistin Karola Bloch dem vorwiegend weiblichen Publikum leidenschaftlich und berührend vor Augen geführt. Die frühere Leiterin der Stadtbibliothek und heutige Kuratorin der Neske-Bibliothek, Felicitas Vogel, las aus der Lebensgeschichte der aktiven Hitlergegnerin. Zu dem Nachmittag hatte die Neske-Bibliothek und die Volkshochschule Pfullingen mit Unterstützung des Talheimer Verlages eingeladen.

In seinem Grußwort würdigte Welf Schröter, Mitherausgeber der Schriften Karola Blochs und langjähriger politischer Vertrauter der am 31. Juli 1994 Gestorbenen, den Mut und die Zivilcourage Karola Blochs. Ihr Leben sei gezeichnet gewesen von der unermesslichen Trauer um ihre Eltern und Angehörigen, die ins Warschauer Ghetto verschleppt und im KZ Treblinka ermordet wurden. Bis zu ihrem Tod sei Karola Bloch von diesem Trauma verfolgt worden. Schröter sprach sich dafür aus, der Haltung Karola Blochs nachzukommen und sich heute energisch gegen Antisemitismus zu wenden.

(Foto: © Welf Schröter)

(Foto: © Welf Schröter)

In der Lesung wurde sowohl die junge rebellische Karola Bloch, die aus einem begüterten Elternhaus einer Textilunternehmerfamilie kam, ebenso lebendig wie die spätere Architekturstudentin, die sich in die Bauhaustradition begab. Ihre erste große Liebe war der Schriftsteller und spätere Spanienkämpfer Alfred Kantorowicz. Er war es, der ihr den zwanzig Jahre älteren Ernst Bloch vorstellte. Damit begann eine lebenslange Beziehung zwischen zwei Menschen, die über die Exilstationen Wien, Paris, Prag, New York, Boston, Leipzig nach Tübingen kamen. In der Hoffnung, dass nach 1945 mit der DDR ein besseres Deutschland entstünde, gingen beide nach Leipzig. Schon nach wenigen Jahren geriet Karola Bloch in Widerstreit mit der SED. Die Blochs erhielten Berufs- und Publikationsverbot. Anlässlich des Mauerbaus 1961 blieben sie während eines Aufenthaltes in Westdeutschland. 1981 veröffentlichte Karola Bloch ihre Autobiografie im Pfullinger Neske-Verlag. Seit 1995 ist eine Neuauflage in einem anderen Verlag wieder lieferbar.

Löwensteins, Lowes und Blochs

(Foto: © Welf Schröter)

Die einen waren Brüder, die anderen waren langjährige Freunde. Gemeinsam waren ihnen nicht nur ihre jüdische Herkunft, ihr Interesse am Bauhaus und ihre Gegnerschaft zum Nationalsozialismus. Sie mussten Deutschland verlassen, um ihr Leben zu retten.

Bei den einen handelte sich um die Stuttgarter Textilinnovatoren Artur und Felix Löwenstein mit ihren Partnerinnen Flora und Helene Löwenstein, die zusammen im Jahr 1919 das schwäbische Unternehmen „Pausa“ in Mössingen gründeten. Sie verbanden das Bauhaus-Design (gegründet 1919) aus Weimar und Dessau mit modernster Stoffdrucktechnik. Ihr Erfolg, ihre antinazistische Haltung und ihr globales Denken wurden ihnen nach 1933 zum Verhängnis. Die „Pausa“ wurde enteignet, die Löwensteins von Nationalsozialisten vertrieben. Dies geschah 1936.

In Berlin war zuvor 1933 der kritische Ökonom Adolph Löwe – später Lowe – vom NS-Staat aus der Universität gedrängt. Er ging mit seiner Partnerin Beatrice Lowe, geborene Löwenstein – Schwester von Artur und Felix Löwenstein – nach Manchester. Die Lowes konnten mit Hilfe englischer Freunde 1936 Felix und Helene Löwenstein in die britische Textilmetropole in Sicherheit bringen.

Von Prag aus retteten sich Ernst und Karola Bloch rechtzeitig vor den heranrückenden deutschen Truppen über Polen in die USA. Die Architektin und Bauhaus-Anhängerin Karola Bloch hatte in der Moldaustadt mit der Bauhäuslerin Friedl Dicker ein gemeinsames Design-Büro. Friedl Dicker hatte zuvor unter anderem für die Löwensteinsche „Pausa“ gearbeitet.

In die USA emigrierten auch die Lowes. Sie gehörten zu den engsten Freunden der Blochs. So fanden sich an der amerikanischen Ostküste die Blochs, die Lowes und Teile der Löwensteins.

Rund achtzig Jahre danach gab der Löwenstein-Forschungsverein nun den Anstoß zur Gründung einer „Forschungs- und Archivstelle Artur und Felix Löwenstein“, in der unter anderem auch das Zusammenwirken der Blochs, Lowes und Löwensteins untersucht werden soll. Aus mehreren Kontinenten haben sich 34 Nachkommen der Familie Löwenstein gefunden, die dieses Vorhaben unterstützen. Zu den Unterstützern des Löwenstein-Forschungsvereins gehörte auch der im Jahr 2010 gestorbene Jan Robert Bloch, Sohn von Ernst und Karola Bloch.

„Es ist die Aufgabe einer klugen Gedenkarbeit, an die Schrecken der Shoah zu erinnern und zugleich das Unabgegoltene und Unaufgehobene, die verschütteten Tagträume früherer Zeiten und Generationen in das heutige Bewusstsein zurückzuholen“, betonte Welf Schröter, neben Irene Scherer Mitinitiator der „Forschungs- und Archivstelle Artur und Felix Löwenstein“, anlässlich seines 60. Geburtstages.

Hannes Meyer

Foto: Schröter

Er war einer der klugen Denker und Gestalter, er war Architekt und Direktor am Bauhaus Dessau, Hannes Meyer. Hoffnungsvoll ging er 1930 in die Sowjetunion. Dort wurde er bedrängt und verfolgt. Er floh auf heimlichen Wegen nach Mexiko. Ende der vierziger Jahre kehrte der Schweizer in sein Geburtsland zurück.

Er nahm Kontakt mit seiner politischen Freundin Karola Bloch auf, die mit Mann und Sohn ebenfalls Ende der vierziger Jahre hoffnungsvoll in die DDR wechselte. In seinen Briefen fragte er, ob er in der DDR als Architekt und Bauhäusler gebraucht werde.

Doch seine Freundin bremste ihn, warnte ihn, schützte ihn. Sie, die schon Anfang der fünfziger Jahre über die diktatorischen Züge in der DDR-Politik lästerte, signalisierte ihm, dass er Schwierigkeiten bekomme, falls er anreise, ohne die Zustimmung der SED zu haben: „Aber bevor dies nicht geschehen ist, besteht keinerlei Möglichkeit, eine Verbindung mit hier zu bekommen.“

Nun hat sich die Stiftung Bauhaus in ihrer jüngsten Zeitschrift an ihren früheren Leiter erinnert. Die Juni-Ausgabe 2013 der „Bauhaus“ fragt sich, warum die SED Hannes Meyer nicht mitwirken lassen wollte am Aufbau der DDR. Dabei greift der Autor Peter Müller auch auf die Karola-Bloch-Editionen und Briefe-Bearbeitungen des Talheimer Verlages zurück.

Hannes Meyer lehnte es ab, sich der Parteiräson zu unterwerfen. Er starb 1954. Karola Bloch wurde 1957 aus der SED ausgeschlossen. Als 1990 die SED und deren Nachfolger der Architektin Bloch anboten, sie zu rehabilitieren, nahm sie einen gelassenen Zug von ihrer Zigarette R6 und meinte, es müsse noch geklärt werden, wer hier wen zu rehabilitieren habe.

Diese Haltung hätte ihren Freund Hannes Meyer sicherlich gefreut.

Künstlerinnen der Avantgarde

Avantgardistische Stoffdesignarbeit (Foto: © Welf Schröter)

Es sind Namen wie Alexandra Exter, Natalja Gontscharowa, Ljubow Popowa, Olga Rosanowa, Warwara Stepanowa oder Nadeschda Udalzowa, die heute noch immer zu wenig bekannt sind. Diese selbstbewußten Künstlerinnen der russischen Avantgarde wandten sich seit 1907 mit ihren Werken gegen Zarismus und Krieg. Später standen sie mehrheitlich im Widerspruch zur stalinistischen Herrschaft. Mit Kandinsky, Tatlin, Malewitsch, Lissitzky, Rodtschenko waren sie auf Augenhöhe. Sie beeinflussten einander. Zwischen Utopie und Revolution, Expressionismus und Futurismus, Suprematismus und Kubismus suchten sie ihre eigenen Wege. Diese Wege führten sie auch zur Ausstellung „Der Blaue Reiter“ in Berlin im Jahr 1912, an der Natalja Gontscharowa teilnahm.

Die Frühjahrsausstellung 2013 ihrer noch immer hochaktuellen Werke im Ludwigshafener Hack-Museum zeigte Gemälde, Zeichnungen, Stoffmuster, Dessins, Webarbeiten und Skulpturen. Sonst sind die Arbeiten in der Moskauer Tretjakow-Galerie verborgen. „Die russischen Avantgarden einte das Ziel, mit ihrem Wirken zur Entstehung einer klassenlosen, gerechten Gesellschaft beizutragen“, schrieben die Kuratoren. Sie arbeiteten an der „Utopie der Gleichheit“.

„Jeder Augenblick der Gegenwart unterscheidet sich vom Augenblick der Vergangenheit und die Augenblicke der Zukunft tragen unerschöpfliche Möglichkeiten neuer Offenbarungen in sich.“ (Olga Rosanowa im Jahr 1913).

Verblüffend aber die frühen Designansätze, von denen man Spuren in der späteren Bauhaus-Webereiklasse Dessaus zu finden glaubt. Ähnlich wie die jungen Bauhausfrauen um Lisbeth Oestreicher und Ljuba Monastirskaja suchten die russischen Avantgarde-Künstlerinnen die Verknüpfung von Kunst, Kunsthandwerk und industrieller Fertigung. Mancher Stoff erscheint, als ob die Löwenstein’sche Pausa Ende der zwanziger Jahre die industrielle Fertigung übernommen hätte.

Jugendliche Tagträume der Moderne

Foto: © Welf Schröter

„Entscheidend sind die Ideen und Vorstellungen, die offene Neugierde auf die Innovationen der Moderne sowie der Mut, das Gebiet der Moderne zu betreten. Ein Gebiet, das in Deutschland – besonders nach der demütigenden Niederlage im Ersten Weltkrieg – von mächtigen Gegnern bekämpft wurde.“ Mit diesen Worten beschrieb im Jahr 2009 Jan Robert Bloch die Geschehnisse in der kleinen schwäbischen Gemeinde Mössingen in der Zeit zwischen 1925 und 1936.

Im „roten Mössingen“, wie der Ort damals wegen seiner zahlreichen Unterstützer von KPD und SPD genannt wurde, vermischten sich die Anti-Kriegs-Lebenserfahrungen der Teilnehmer des Ersten Weltkrieges mit den aufbrechenden gegenkulturellen Hoffnungen junger Mössinger, die aus dem verstockten religiös-wilhelminischen Geist ausbrechen und neue Lebenskonzepte erkunden wollten. Selbstbestimmtheit und die Entfaltung eines neuen offenen kulturellen Milieus schafften Raum für einen Tagtraum der „Moderne“.

Diese Moderne, die sich vor Ort mit dem Bauhaus-Netzwerk der jüdischen Unternehmer Artur und Felix Löwenstein verband, trug dazu bei, dass junge Frauen und Männer in Bewegung kamen für Demokratie und gegen die Kriegsgefahr. Am 31. Januar 1933 demonstrierten in dem 4.000-Einwohner-Ort Mössingen 800 Menschen gegen die Machtübergabe an Hitler. Der „Mössinger Generalstreik“ – der einzige im ganzen Reich – ließ die Menschen aufrecht gehen. Für sie war der Nationalsozialismus das Gegenteil der Moderne, das Gegenteil ihrer jugendlichen Lebenssehnsüchte. Sie wollten frei ihren Weg wählen.

Das Ringen um die Moderne wurde in Mössingen verloren. Mehr als 90 Generalstreikende kamen in Haft, ins Zuchthaus, ins KZ. Die jüdischen Unternehmer wurden drei Jahre später enteignet und vertrieben. Das Bauhaus war zuvor in Berlin geschlossen worden.

An die unabgegoltenen Tagträume von damals, an die Sehnsucht und die ungleichzeitigen Hoffnungen von einst erinnert heute ein Diskurs, der vor allem eines will: den Mut der damals Handelnden würdigen.

Projekt 1914 – 2014

Im Jahr 2014 jährt sich zum einhundertsten Mal der Beginn des I. Weltkrieges. Es wird Rückblicke, Geschichtsdarstellungen und politische Bewertungen aus unterschiedlichen Richtungen geben. Was aber haben die Literaten, Intellektuellen, Künstler und Kulturschaffende jener Zeit mit diesem Kriegs“ausbruch“ verbunden? Zu viele ließen sich von nationalistischen Worten betören und griffen nach der Uniform und der Waffe. Ernst Bloch und Hugo Ball aber wetterten gegen den Militarismus. Die Erschütterungen des Krieges ließen künstlerische Reaktionen erwachsen. Nicht nur das Bauhaus und der Expressionismus, Dada und neue Musik entstanden. Ernst Bloch veröffentlichte die erste Version seines Buches „Geist der Utopie“. Der Archäologe der enttäuschten Hoffnungen rang mit Mythos, Religion, Nietzsche und Simmel. – Heute im Vorfeld der Wiederkehr des Jahrestages zeichnet sich eine Lektüre-Renaissance von „Geist der Utopie“ ab. Dazu gehört auch der „Aufschrei“: Auf Vorschlag von Werner Wild bereitet die Ernst-Bloch-Gesellschaft ein besonderes Projekt 1914 -2014 vor unter dem Titel „Der Aufschrei für eine andere, bessere Welt. Sichtweisen auf den neuen Menschen und neue Gemeinschaften als Reaktion auf die Schrecken des I. Weltkrieges“.

„Bloch ist aber da nicht alleine in dem Wieder-Aufgreifen von religiösem und mythologischem Denken, um zu neuen Formen und Inhalten zu kommen, angesichts der geistigen Bankrotterklärungen. Während der Schrecken des I. Weltkrieges, auch schon in seinem Vorfeld gibt es eine intellektuelle, literarische und künstlerische und kunsthandwerkliche Bewegung in diese Richtung, wie etwa Simmel, Rosenstock-Huessy, Mann, Ball, Hausmann, Hesse, Kirchner, Höch, Dix, Werbern, Schönberg, Landauer, um nur einige zu nennen. Expressivität, Mythen und Religion, meistens mit Adaptionen auch aus anderen als der christlichen Weltreligionen. Dies geschieht sowohl inhaltlich als auch formal. So finden wir die völlige Formveränderung der Sprache im zeitweiligen Dadaismus von Hugo Ball, der danach sehr schnell zum eher traditionellen Katholizismus zurückkehrt. Der Maler und Dadaist Raoul Hausmann erklärt aus seiner Sicht – in einer Sprache, die der Bloch’schen nicht unverwandt ist –, um was es geht, bei den neuen Formen: „ […] Gemeinschaft, die Auflösung des Ich, des Einzelnen, in der Wucht der Wahrheit des Wir.“ (Wild)

Projektskizze http://www.ernst-bloch-gesellschaft.de/images/vorschlag%20projekt%201914-2014%20webversion.pdf

(Das Bild zeigt die Skulptur „Endlose Treppe“ von Max Bill, der damit Blochs Werk „Das Prinzip Hoffnung“ interpretierte.)