Blochs „mehrschichtige Dialektik“ als Gestaltungsansatz in der „digitalen Transformation“

In der Geschichte der Gesellschaften in Europa und insbesondere in der deutschen gebrochenen Historie führten tiefgreifende Transformationen immer wieder zu Polarisierungen zwischen jenen, die das Bisherige bewahren, und jenen, die das Vorhandene überschreiten wollten. Bei Übergängen und Umbrüchen innerhalb einer sozialökonomischen Formation markierten die Beschleunigungen des Wandels nicht selten eine größere Rolle als die Richtung des Wandels selbst. Geschwindigkeit dominierte die subjektive Wahrnehmung und die psychologischen Reaktionsmuster.

Der durch die Globalisierung eingeleitete Bedeutungsverlust des Nationalen und des Nationalstaates wird durch den Prozess der beschleunigten Digitalisierung bzw. der „digitalen Transformation“ abermals akzentuiert. Die seit mehr als zwei Jahrzehnten voranschreitende Entortung und Entzeitlichung menschlicher Begegnungsmöglichkeiten erscheint angesichts weltumspannender Internetinfrastrukturen als Bestätigung des Nicht-Nationalen und als sich verstärkende Ausrichtung weg vom nationalen Denken.

Foto: © Welf Schröter

Die „digitale Transformation“ wird dabei zunächst subjektiv in ihrer Veränderungskraft als durchsetzungsfähiger empfunden, als sie zu Beginn in ihrem faktischen Gehalt ist. Die sich beschleunigende Transformation des virtuellen Raumes mit dem gleichzeitig sich qualitativ konvergierenden Mensch-Netz-Interaktionsraum löst Emotionen aus, die ungleichzeitig zum Realen und ungleichzeitig zum Historischen wirken. Menschen sehen sich nicht mehr als souverän Handelnde sondern als immer häufiger bloße Assistenten oder Entmündigte von Technik.

In ihrem sozialpsychologisch-soziologischen Deutungsverhalten hinken Sozialwissenschaften und Philosophie größtenteils hinter dem derzeit vorherrschenden Primat des Technisch-Digitalen hinterher. Eine wesentliche Stärkung des Primats des Gesellschaftlich-Sozialen und der Subjektidentität ließe sich erreichen, wenn ein interdisziplinärer Diskurs sich auf der Basis von Ernst Blochs „mehrschichtiger Dialektik“ vorantreiben ließe. Blochs Begriff der „Ungleichzeitigkeit“ entfaltet im Hinblick auf gesellschaftlich-kulturelle wie sozialpsychologische Herangehensweisen und Methoden seine ganzheitliche Wirkung.

Angesichts des Wandlungsprozesses der Arbeit und deren latenzhafter Identität-Nicht-Identität der weiteren Entfremdung des tätigen Menschen und seiner Emanzipationspotenziale mit Hilfe des Abstrakt-Virtuellen kann die „mehrschichtige Dialektik“ zur Aufhebung unabgegoltener „belehrter Hoffnungen“ (Bloch) beitragen. Die „digitale Transformation“ des Hier und Jetzt in ein humanes Morgen gelingt eher auf der Basis „mehrschichtiger Dialektik“.

Eine Aussage des Tübinger Philosophen Helmut Fahrenbach, die dieser unter Rückgriff auf Blochs Kritik an ökonomistischem Denken traf, ließe sich methodisch heute neu lesen: „Wenn die marxistische Aufklärung gegen diese Irrationalismen nur objektive ökonomische Wahrheiten setzt, anstatt in der dialektischen Kritik des Irrationalen auch die utopisch-subversiven Elemente (Potentiale) freizulegen und zu reflektieren, wird sie am Lebensgefühl und Bewusstsein der Menschen wirkungslos vorbeireden.“ (Helmut Fahrenbach: Philosophie – Politik – Sozialismus. 2016. ISBN 978-3-89376-1586)

 

Rosas „Resonanz“ ohne Blochs „Heimat“

Foto: © Welf Schröter

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Die neue Ausarbeitung des Soziologen Hartmut Rosa mit dem Titel „Resonanz – Eine Soziologie der Weltbeziehung“ (2016) hat große Erwartungen erzeugt. Ausgehend von seinem hervorragenden Band „Weltbeziehungen im Zeitalter der Beschleunigung“ (2012) war zu glauben, dass er seine Analyse der Zusammenhänge von Beschleunigung und Demokratie, von Zeitwahrnehmung und Selbstwahrnehmung vertiefen und erweitern würde. Doch im Kern hat er sich von seiner früheren Perspektive schrittweise entfernt und sich einer affirmierenden Positionierung genähert. (Siehe dazu „Schwierigkeiten beim Lesen von Hartmut Rosas ,Resonanz‘“.)

Rosa legt eine hochinteressante Darlegung der beiden neu definierten Kategorien „Resonanz“ und „Entfremdung“ vor. Nachteilig wirkt sich aus, dass er die Entstehung seiner Theorie früheren Denkern wir Marx, Adorno, Habermas und Bloch geradezu buchstäblich in den Mund legt, als ob diese die wissenschaftliche Tür für Hartmut Rosa geöffnet hätten.

In einem grundlegenden Missverständnis des Bloch‘schen Werkes schreibt Rosa etwa (740): „Kinder sind Resonanzwesen, so hat es sich gezeigt; nicht zuletzt deshalb konnte Bloch postulieren, die (resonante) Heimat, in der noch keiner gewesen sei, scheine uns aus der Kindheit her.“

Rosa nennt zwar das dreibändige Werk von Ernst Bloch „Das Prinzip Hoffnung“ als Referenzliteratur, hat es offensichtlich aber nicht ausreichend rezipiert. Auf 815 Seiten kommt er lediglich zwei Mal auf Blochs „Heimat“-Begriff zu sprechen. Jedoch verwendet er lediglich das auf der Buchrückseite des dritten Bandes zitierte Schlusszitat. Die für die „Resonanz“-Diskussion notwendige Aufhebung des Bloch’schen Begriffes der „Ungleichzeitigkeit“ unterlässt er völlig (604). In der produktiven Spannung von „Resonanz“ und „Ungleichzeitigkeit“ läge aber eine der Schlüssel-Thesen und Anti-Thesen einer zukunftsweisenden systematischen Theorie moderner Gesellschaftlichkeit.

Auch die hegelianische Subjekt-Objekt-Beschreibung mit ihren emanzipatorischen Kritiken durch Marx und Bloch erscheint für Rosa als materialistisch zu wendende Dialektik wenig bedeutsam. Er spricht von seiner eigenen These, in der „Subjekt und Welt einander antworten“(482, 65). Rosa erinnert an die Marx’sche Verdinglichungsanalyse (544, 579), zieht sich aber von der Möglichkeit eines oder mehrerer gesellschaftlicher Subjekte zurück.

„Resonanz ist das Andere der Entfremdung“ (306). Dieser Kernaussage Rosa schiebt der Autor eine Definition von Entfremdung nach, die sich materiell-ökonomischen Konnexen kaum zu öffnen wagt: „Entfremdung bezeichnet damit eine Form der Welterfahrung, in der das Subjekt den eigenen Körper, die eigenen Gefühle, die dingliche und natürliche Umwelt oder aber die sozialen Interaktionskontexte als äußerlich, unverbunden und nichtresponsiv beziehungsweise als stumm erfährt“ (306).

Jenseits von Blochs „belehrter Hoffnung“ („docta spes“) verwandelt Rosa Hoffnung in individuelle Zuversicht: „Resonanz entsteht also niemals dort, wo alles ,reine Harmonie‘ ist, und auch nicht aus der Abwesenheit von Entfremdung, sondern sie ist vielmehr gerade umgekehrt das Aufblitzen von Hoffnung auf Anverwandlung und Antwort in einer schweigenden Welt“ (321).

Gegen die „belehrte Hoffnung“ Blochs erscheint Rosas Hypothese wagemutig, dass „die Resonanzkraft der Geschichte erlischt, dass die geschichtlichen Ereignisse uns nichts mehr zu sagen haben“ (511).

 

Befreiung und Hoffnung

Heinrich Bleicher-Nagelsmann (Verband deutscher Schriftsteller VS) am 8. Juli 2015 in Mössingen. - Foto: © Welf Schröter

Heinrich Bleicher-Nagelsmann (Verband deutscher Schriftsteller VS) am 8. Juli 2015 in Mössingen. – Foto: © Welf Schröter

Die Zahl derer, die in Europa Grundprinzipien der Demokratie und deren Praxis in Frage stellen, nimmt in vielen Ländern zu. Europa als demokratisches Friedensversprechen gegen die Verbrechen des Nationalsozialismus gewinnt unter jungen Menschen jedoch an Anziehung. Im Gegensatz dazu wachsen eher innerhalb der mittleren und älteren Generation Zweifel und Distanz. Diese Menschen suchen auf ihre Enttäuschungen zumeist Antworten in der Vergangenheit, – nicht als aufzuhebende Erbschaft ungleichzeitiger Erfahrungen sondern als eindimensionaler Fluchtpunkt rückwärts.

Am 8. Juli 2015 kamen in Mössingen zahlreiche Nachdenkliche zusammen, um sowohl an den 70. Jahrestag der Befreiung vom Nationalsozialismus durch die Alliierten wie auch an den 130. Geburtstag Ernst Blochs zu erinnern. Im Rahmen der Veranstaltung wurde auch des verstorbenen Harold Livingston (Helmut Löwenstein) gedacht. Er war der Sohn des jüdischen Mitbegründers des Textilunternehmens Pausa, Artur Löwenstein. Die Pausa arbeitete vor 1933 eng mit dem Bauhaus in Dessau zusammen. Die Belegschaft der Pausa löste den „Mössinger Generalstreik“ gegen Hitler am 31. Januar 1933 aus. Das Unternehmen wurde 1936 zwangs„arisiert“. Helmut Löwenstein wurde mit seiner Familie und seinen Verwandten 1936 von Nationalsozialisten aus Mössingen und Stuttgart vertrieben. Er kehrte 1945 als 22-jähriger Soldat der britischen Armee nach Deutschland zurück und gehörte zu den Befreiern des KZ Bergen Belsen. Unter dem Namen Harold Livingston lebte und starb Helmut Löwenstein in London.

In seiner Rede zum Thema „Befreiung und Hoffnung – 70 Jahre nach dem Ende des Nationalsozialismus“ ermutigte Heinrich Bleicher-Nagelsmann vom Vorstand des Verbandes deutscher Schriftsteller (VS) seine Zuhörerinnen und Zuhörer, sich für ein demokratisches und soziales Europa in der Tradition von Ernst und Karola Bloch einzusetzen. Achtzig Jahre nach der Vertreibung der in Mössingen arbeitenden jüdischen Bürgerinnen und Bürger lohnt es sich, diese Rede noch einmal zu lesen (Rede_Heinrich_Bleicher-Nagelsmann_2015).

Ungleichzeitigkeiten im „System der Systeme“

(Foto: © Welf Schröter)

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Nein, es ist nicht  die „Polyrhythmik der Materie“ von Ernst Bloch, die einem in den Sinn kommt, wenn Informatiker vom „System der Systeme“ (system of systems)(SoS) sprechen, um die Wirkungsweise eines scheinbar neuartigen technischen Zaubers mit der Rund-um-Sorglos-Lösung „Cyber-Physical Systems“ – kurz „CPS“ – zu erläutern. Es ist schon eher Blochs Kategorie der „Ungleichzeitigkeit“, die neue Fragen aufwirft und überprüft werden will. Der Diskurs „Arbeitswelt trifft Philosophie – Philosophie trifft Arbeitswelt“ erhält so ein weiteres Themenfeld.

Zunächst handelt es sich nur um die Montage von Sensoren und Chips auf Bauteile, Werkzeuge und Gegenstände. Die „Dinge“ sollen „Intelligenz“ bekommen. Darunter ist keineswegs ein sozialwissenschaftlich-philosophischer Begriff von „Intelligenz“ gemeint. Die IT-Welt erkennt in der Zuordnung von Daten zu Dingen, deren GPS-Ortung und Online-Abrufbarkeit, deren Remote-Steuerbarkeit und deren automatisiert-„selbstständige“ „Kommunikation“ mit anderen Sensoren und Chips einen neuen Weg zur Echtzeit-„Schwarmintelligenz“.

Wenn solche Einzel-CPS sich zu CPS-Flotten „selbsttätig“ zusammenschließen, lässt sich vom flexiblen „System der Systeme“ sprechen. Die „SoS“ ordnen sich auftragsbezogen prozessorientiert stetig neu. Sie bilden ständig neue „Schwärme“. In Echtzeit. Eine unscharfe Betrachtung fasst diese Vorgänge als „intelligent“. Besser noch: Dem CPS-Verbund als „SoS“ wird die „Eigenschaft“ zugeschrieben, er könne „denken“. Eine Formulierung, denen die Sozialwissenschaften sofort mit Verve widersprechen.

Doch die wirkliche Herausforderung liegt weniger in der angeblichen Potenzialität eines Denkvermögens sondern in der Prognose: „CPS denkt voraus.“ In diesem „voraus“ steckt die wirkliche „Challenge“.

Mit diesem „Voraus“ erhebt das „selbstlernende System der Systeme“ den Anspruch, Arbeitsprozesse vorzustrukturieren, den Menschen in der Arbeit zu „führen“, ihm Vorgaben zu machen, örtlich, zeitlich, taktvorgebend. Die Verknüpfung von mehreren CPS-Lösungen zu einem „System of Systems“ ermöglicht die horizontale Vernetzung unterschiedlichster Prozessdaten für die echtzeit-automatisierte Steuerung von Produktion, Service und Mensch. An die Stelle der emanzipatorisch erhofften Autonomie und Selbstbestimmung des arbeitenden Menschen tritt ein neuer Gedanke: Das Produkt steuert mit Hilfe der „SoS“ die Fertigungsprozesse und die menschlichen Bewegungen samt Taktrhythmen. Die Fragen nach der Entfremdung und deren Aufhebbarkeit sind neu zu stellen.

Das „Voraus“ beinhaltet nicht nur eine lineare zeitliche Vertaktung nacheinander ablaufender Handlungsschritte. Darin findet sich ebenso die zeitliche Überholung – im Sinne von Geschwindigkeit – der menschlichen Wahrnehmung und Reaktionsfähigkeit durch „Echtzeit-Kommunikation“ der „SoS“. In diesem „Voraus“ wird der Prozessablauf nach vorne strukturiert. Im „Idealfall“ ist „S-o-S“ der Handlung des arbeitenden Menschen mindestens zwei Schritte voraus.

Soziale Technikgestaltung müsste demnach entweder durch geeignete Assistenzsysteme die CPS/„S-o-S“ interventionistisch adäquat in Echtzeit personalisieren – d.h. auf die Geschwindigkeit des handelnden Menschen verlangsamen – oder die Vorbedingungen und Vorstufen der Prozessstrukturverankerung im CPS/„S-o-S“ beeinflussen im Sinne der Humanisierung des Arbeitsablaufes und seiner Rahmenbedingungen.

Soziale Technikgestaltung muss sich also die Welt der CPS/„S-o-S“ als ein zentrales Thema vornehmen im Sinne von: „Humanität denkt voraus.“ Dem technikzentrierten Leitbild einer Strategie „Industrie 4.0“ muss ein menschenzentriertes, menschengerechtes Leitbild gegenüber- bzw. entgegengestellt werden. Die Latenz des Tagtraumes eines humanen Arbeitslebens benötigt eine ungleichzeitige Aktualisierung in die Gegenwart. Die konkrete Utopie der Arbeit kommt nicht aus dem „SoS“, sondern wesentlich aus den kategorischen Imperativen vorgelagerter Erfahrungsdispositionen und „belehrten Hoffnungen“.

„Wohlan, ich will aufrührerisch sein“

(Foto: © Welf Schröter)

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Es gibt Momente, in denen scheinen die Worte „Unabgegoltenheit“ und „Sehnsucht“ geradezu mit den Fingern greifbar zu sein. Wenn ältere Gesichter, in deren Augen noch immer das Feuer der begründeten und „belehrten Hoffnung“, der „docta spes“ (Ernst Bloch) lodert, aus ihren Lebensfalten Rückbesinnungen entpacken auf gemeinsames öffentliches Leben, auf Protest und Widerspruch, auf Leidenschaft für die „gemeinsame Sache“ (Karola Bloch), dann blitzt ein vorzeitiger Vorschein der Identität aus Vernunft und Wirklichkeit (Hegel) auf, der Ermutigung bringt und Hoffnung sät. Solche Momente sind nicht eben häufig. Doch im Erdgeschoß eines mittelalterlichen Fachwerkhauses in der Tübinger Innenstadt trat dieser Moment der ungleichzeitigen Gleichzeitigkeit ein.

Im Rahmen des Tübinger Bücherfestes 2015 fand am 17. Mai eine Lesung im Rahmen der derzeit noch laufenden Ausstellung zur Tübinger Protestbewegung der siebziger Jahre statt. Die Lesung im „Protestmuseum“ (Kornhaus) trug den Titel „Wohlan, ich will aufrührerisch sein“ (Ernst Bloch) – Rebellische Reden, freche Worte und aufmüpfige Beiträge von Karola und Ernst Bloch sowie Gretchen und Rudi Dutschke.

Zwei Stimmen aus den siebziger Jahren lasen zur aktuellen Ausstellung „Protest“ aus Briefen und Schriften, aus „Lieber Genosse Bloch“ und „Dutschke und Bloch“ sowie „Karola Bloch – Die Sehnsucht des Menschen, ein wirklicher Mensch zu werden“. Rund 100 Zuhörerinnen und Zuhörern quittierten die knapp einstündige Wanderung durch Texte der Blochs und der Dutschkes mit einem außergewöhnlich langanhaltenden Beifall.

Viele Junge und Junggebliebene aus dem Auditorium ließen sich durch den ersten Dialog Ernst Blochs mit Rudi Dutschke im Februar 1968 in Bad Boll an rebellische Zeiten erinnern. Da wurden emanzipatorisches Christentum und antitotalitäre Marxrezeption lebendig. Da waren Christus neben dem „Prager Frühling“, Gretchen Dutschke neben Elisabeth Käsemann präsent.

Die Zuhörenden folgten mit Schmunzeln Karola Blochs humorvoll spitzer Bemerkung über fliegende Tomaten auf Professoren. Sie spürten der Frage nach, was an dem Denken der Dutschkes und Blochs noch immer unabgegolten ist und welche Impulse uns heute bei der Verteidigung der Menschenrechte wieder aktuell erscheinen.

Den Schlusspunkt setzte ein Zitat aus dem Munde Rudi Dutschkes, der schon im Februar 1968 den heute hochaktuellen Begriff und die allseits akzeptierte Notwendigkeit einer „lernenden Gesellschaft“ als Basis einer stetigen Emanzipation „von unten“ formulierte.

In den Gesichtern der innerlich Junggebliebenen glätteten sich die Falten. Im Herzen wurden sie wieder Twens und es schien, als ob sie in sich „Ton, Steine, Scherben“ und Wolf Biermanns Ermutigungen für Ermutiger summten. Vielleicht waren auch ein paar Töne von Jimi Hendrix und Janis Joplin dabei.

 

Vor 80 Jahren erschien Ernst Blochs „Erbschaft dieser Zeit“

(Foto: © Welf Schröter)

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„Hier wird breit gesehen. Die Zeit fault und kreißt zugleich. Der Zustand ist elend oder niederträchtig, der Weg heraus krumm. Kein Zweifel aber, sein Ende wird nicht bürgerlich sein.“ Mit diesen Worten führte Ernst Bloch, der Philosoph des „Noch-Nicht“ und vehemente Kritiker des Nationalsozialismus, in sein Werk „Erbschaft dieser Zeit“ ein, das im Jahr 1935 in der Schweiz erschien. Als das lange verschollene Buch 1962 vom Autor neu veröffentlicht wird, begrüßt Enzensberger den Band und wendet die methodische Herangehensweise zugleich in die Gegenwart: „Wo aber wäre der Kritiker, der uns die Erbschaft unserer fünfziger Jahre beschriebe, so wie Bloch die seiner Zeit, satt von Anschauung und Erinnerung und hungrig vor Hoffnung?“

„Das Buch ist ein Handgemenge“, schrieb Bloch in den dreißiger Jahren. Im Zentrum steht der Begriff „Ungleichzeitigkeit“, den Bloch Marx aufnehmend auf die Geschichte der Sehnsüchte der Menschen am Ende der Weimarer Republik anlegt und mit dem er zudem den einseitigen analytischen Kältestrom der Komintern kritisierte. „Erbschaft dieser Zeit“ zählt noch heute zu den wichtigsten Erklärungshelfern, wie es zum „Schrecken-Deutschland“, zum Nationalsozialismus kommen konnte. Wenn im Jahr 2015 an die Befreiung Europas vom Nationalsozialismus erinnert wird, sei den Akteuren die Lektüre dieser Schrift vorab empfohlen.

Der „ungleichzeitige Rest“ (Bloch) des alten militärisch-feudalen wilhelminischen Kaiserreiches im Bewusstsein Weimars und die unzureichende Erfüllung der Novemberrevolution haben die Wünsche und Träume der Menschen empfänglich gemacht für die „anachronistische Verwilderung“ (Bloch). Zuwenig hätten die Gegner der NS-Propaganda den „Wärmestrom“(Bloch) die „Schatzkammern einer nicht ganz aufgearbeiteten Vergangenheit“ begriffen und ergriffen. „Der subjektiv ungleichzeitige Widerspruch ist gestaute Wut, (…).“

Im Jahr 2015 ist erneut „gestaute Wut“ zu erkennen, wenn auch eine andere. Ein Blick in „Erbschaft dieser Zeit“ kann beim notwendigen Handeln die „Breite“ sowie den „Stachel der Unsicherheit“ sichtbar machen helfen. „Schon morgen ist jedes Jetzt anders da“(Bloch).

 

Dialektik der Ungleichzeitigkeit

Altes Industriegesellschaftliches vermischt sich mit neuem „Informationsgesellschaftlichem“. Der Druck am Arbeitsplatz wächst nun drastisch an. Der Inhalt der Worte Markt, Wettbewerb, Globalisierung nimmt den Atem. Der Druck spitzt sich weiter zu und unterwirft Arbeit und Leben dem Diktat der Ökonomisierung der Zeit. Die Versuche, auf dieses Diktat der Ökonomisierung der Zeit zu reagieren, einander wieder etwas Luft zu verschaffen, auf die Herausforderungen zu antworten, vollziehen sich selbst immer mehr unter den Spielregeln und mit den Schlagworten der Ökonomisierung der Zeit.

(Foto: © Welf Schröter)

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Diese erinnern daran, dass zwischen den Schichtungen unseres Bewusstseins, zwischen den Teppichen der erlebten Zeit alte Tagträume lagern, die noch nicht erfüllt, nicht eingelöst sind. Zu dem Wunsch nach dem Wiederentdecken des menschlichen „Arbeitsvermögens“  gesellten sich qualitative Fragen nach dem Unabgegoltenen früherer Auseinandersetzungen. Wo sind die enttäuschten Hoffnungen früherer Jahre? Wo sind die alten und älteren Tagträume des öffentlichen Raumes abgeblieben? Unter welchen Bewusstseinschichtungen und unter welchen Erfahrungsteppichen liegen sind verborgen, nicht verloren, aber noch nicht wieder gefunden? Wie lassen sich diese alten Schätze finden und heben?

Diese Schätze stehen nicht in den Bibliotheken, in den Datenbanken, in den Social Medias. Sie sind aufbewahrt in den Gedächtnissen der handelnden Menschen, in den Gedächtnissen gesellschaftlich-öffentlicher Diskussionen, in den Gedächtnissen von öffentlichen Tagträumen, der erfüllten und nicht-erfüllten, der enttäuschten und unabgegoltenen. Sie sind – blochianisch ausgedrückt – als Ungleichzeitige mit uns gleichzeitig vorhanden, aber für uns nicht immer erkannt. Sie sind latent da. Mit dem Begriff „Ungleichzeitigkeit“ lassen sich wie Teppiche überlagerte Bewusstseinsschichten Schritt für Schritt, bildlich gesprochen Teppich für Teppich, wieder zugänglich und auffindbar machen.

Bis in die achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts gab es eine relativ einheitliche Arbeitswelt und eine relativ einheitliche Vorstellung davon, was Arbeit ist und wie man sie regelt. Diese relative Einheitlichkeit ergab für die Menschen die Chance der persönlichen Lebensplanung. Der eingetretene Entmischungsprozess wird durch den Einsatz neuer Technologien, durch Informations- und Kommunikationstechnik enorm beschleunigt.

Der Entmischungsprozess bedeutet in der Umkehrung, dass die alte Einheitlichkeit nicht wieder rückholbar ist. Es gilt zu überlegen, wie eine neue gemeinsame Grundlage unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens, unseres solidarischen Miteinanders aussehen kann. Die Erbschaft des alten Solidaritätsgedankens verfügt über viele Schichtungen, über Unerfülltes, Uneingelöstes, Unabgegoltenes. Die ungleichzeitigen Schätze der Solidarität liegen noch zwischen den besagten Teppichen. Es sind Splitter aus Ethik, Moral, Erfahrungen, Enttäuschungen, die wir benötigen, um ein neues Leitbild einer solidarischen Gesellschaft hervorzubringen.

Ein solches neues solidarisches Bild einer Gesellschaft wird nicht mehr allein über den Begriff Arbeit definiert und bestimmt werden. Dies ergibt sich aus dem Erosions- und Entmischungsprozess der Arbeitswelt selbst. Arbeitsvermögen, Tätigkeiten, „tätige Muße“ (Bloch), kreatives Arbeiten, gesellschaftliches Mindesteinkommen, Teilhabe an der Gesellschaft werden neu miteinander verknüpft werden müssen.

Mit neuen Fragen können wir in neuer Weise auf die Erfahrungs- und Bewusstseinsschichtungen, auf und unter die Teppiche blicken. Wir finden dadurch Neues, indem wir neu fragen. Die Antworten auf unsere neuen Fragen können wir zum Teil aus unserem ungleichzeitigen gesellschaftlich-geschichtlichen Gedächtnis gewinnen. Denken wir an das Thema Zeit, dass sich durch die Jahrhunderte und Jahrtausende menschlich erlebter Geschichte zieht. Es gab schon gute Antworten, aber sie sind verschüttet. Es gilt, sich zu erinnern.

Für Ernst Bloch lag die Genesis in der Zukunft. Heimat entsteht für ihn in der Zukunft als Ergebnis gesellschaftlichen Handelns.

 

Rot der Hoffnung

Wer Ernst Blochs Hoffnungsphilosophie verstehen will, sollte sein Lesen mit der ersten Version von „Geist der Utopie“ (1918) beginnen. In jener Kriegszeit zwischen 1915 und 1917 intensivierte sich Blochs Ringen mit der Religion und dem Christentum. Die Kritik der herrschenden Verhältnisse beginne mit der Kritik der Religion.Rotes Fenster2

Blochs Hoffnungsdenken ist diesseitig. Das Versprochene der Religion muss diesseitig werden. So ist die Genesis für Bloch nicht am Anfang der Menschengeschichte, sondern sie bildet dessen erfüllte Zukunft.

Der Kirchenfenstermaler und französische Künstler François Chapuis fasste sein Hoffnungsverständnis in ein geradezu expressionistisches Farbenspiel: Ein Chagall nachempfundenes tiefes Blau will „die Menschheit aus der Hölle holen“, die Hoffnung aber fordert ein belebendes Rot.

Wenn Bloch fordert, Hoffnung muss enttäuscht werden, damit sie als „belehrte Hoffnung“ (docta spes) wirken kann, so bietet Chapuis ein leuchtendes Rot, „im Schmerz geboren, wiederbelebend“.

Bloch und Chapuis  haben sich nicht gekannt. In ihrer Hoffnungssicht jedoch zeigt sich Verwandtes. Während das Christentum den Glaube ins Zentrum rückt, lässt Bloch – und mit ihm Chapuis – die Hoffnung zum wesentlichen Handlungsmotiv werden. Sie ist es, die die Genesis einläuten soll.

Chapuis aber steht dem Denken des französischen Dichters und Dramatikers nahe, der 1914 im begonnenen Weltkrieg starb. Der Sozialist Péguy war es, der in seinem poetischen Gedicht den Christengott zu neuen Einsichten verleiten wollte. Er lässt diesen über Glaube und Liebe spekulieren, um dann den Christengott irritiert innehalten zu lassen: „Was mich wundert, sagt Gott, das ist die Hoffnung. Da komm ich nicht mit. Diese kleine Hoffnung, die nach gar nichts aussieht. (…) Die kleine Hoffnung schreitet einher zwischen ihren zwei großen Schwestern, und man beachtet nicht einmal, dass sie da ist.“

In seinem literarischen Werk „Das Tor zum Geheimnis der Hoffnung“, das erst 1929 posthum erschien, lässt Péguy den Christengott erkennen: „Die Hoffnung sieht, was noch nicht ist, und was sein wird. Sie liebt, was nicht ist, und was sein wird.“ Charles Pierre Péguy, der Zola-Anhänger, starb vor einhundert Jahren in den ersten Wochen des Ersten Weltkrieges am 5. September 1914. Er hat Blochs Philosophie über das „Noch-Nicht“ nicht lesen können.

„Hoffnung der Befreiung“

(Foto: © Welf Schröter)

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Es war die Fernsehdokumentation von Eric Friedler über Elisabeth Käsemann am 5. Juni 2014 in der ARD, die Erinnerungen an jene aufgewühlten Tage im Mai und Juni des Jahres 1977 in Erinnerung brachten. Die Nachricht vom brutalen Tod der Tübinger Schülerin und Berliner Studentin hatte damals in der Tübinger Studentenschaft wahre Schockwirkungen ausgelöst.

Eines Morgens hatten Studierende aus Respekt vor der Lebensleistung der Soziologin und  Politikwissenschaftlerin, die ein engagiertes Christentum lebte, das Gebäude der Evangelischen Fakultät der Universität Tübingen in „Elisabeth-Käsemann-Institut“ umbenannt. Für viele ihrer Kommilitonen und Freunde schien ihr politisches Leben mit ihrem Wechsel nach Lateinamerika zu beginnen.

Doch Elisabeth Käsemanns Weg war nicht eindimensional, nicht doktrinär, nicht ideologisch. Gemeinsam mit Rudi Dutschke, der sein – rebellisches – Christentum nie verleugnete, reiste Elisabeth Käsemann im Frühjahr 1968 nach Prag. Sie wollten die neue Luft des „Prager Frühlings“ schmecken. Beide sympathisierten mit dem Aufbruch zur Freiheit auf dem Wenzelsplatz. Nach den Schüssen auf Rudi Dutschke in Berlin und dem Einmarsch der Panzer in Prag ging Elisabeth Käsemann im September 1968 nach Lateinamerika. Auch Rudi Dutschke hatte einen Wechsel dorthin ins Auge gefasst. Aber das Attentat änderte alles.

Den Tod ihrer Tochter zeigten die Eltern Elisabeth Käsemanns im Juni 1977 mit einer Traueranzeige an: „Wir haben heute unsere Tochter Elisabeth auf dem Lustnauer Friedhof bestattet. Am 11. Mai 1947 geboren, am 24. Mai 1977 von Organen der Militärdiktatur in Buenos Aires ermordet, gab sie ihr Leben für Freiheit und mehr Gerechtigkeit in einem von ihr geliebten Lande. Ungebrochen im Wollen mit ihr einig, tragen wir unsern Schmerz aus der Kraft Christi und vergessen nicht durch sie empfangene Güte und Freude.“ (zitiert nach der Ausstellung „Ein Leben in Solidarität mit Lateinamerkia – Elisabeth Käsemann“, Mai 2007)

Die Ermordung Elisabeth Käsemanns hat neben Protest und Entrüstung auch einen Wärmestrom der Anteilnahme ausgelöst. Jürgen Moltmann und Karola Bloch sahen sich auf der Seite von Ernst Käsemann und dessen Familie. „Eure Elisabeth hat ihre Liebe und ihre Hoffnung der Befreiung eines erniedrigten Volkes gewidmet, damit der Raum weit werde für den Armen und die Bedrängnis ein Ende finde! Auf diesem Weg zur Freiheit der anderen ist sie den Bedrängern des Volkes zum Opfer gefallen. Sie ist in die Gemeinschaft der ungezählten, der namenlosen Opfer von Gewalttaten eingegangen.“ (Jürgen Moltmann)

Ernst Käsemann, der Bultmann-Schüler, widerstand mit seinem christlichen Glauben dem Nationalsozialismus. Er stand in der Tradition der „Bekennenden Kirche“. Er versuchte, seiner Tochter Kraft zu geben. „Gut, dass es solche Menschen gibt, mit wirklich aufrechtem Gang.“ (Karola Bloch)

Ausdruck der gequälten Kreatur

Pfarrer i.R. Albrecht Esche (Foto: © Welf Schröter)

„Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt der herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volkes.“ Mit diesem Zitat von Karl Marx aus dessen „Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“ eröffnet der engagierte Christ und Pfarrer im Ruhestand Albrecht Esche eine neue Diskussion über die Motive des Widerstandes gegen Hitler. Dabei verweist er nebenbei auch auf die inneren ungleichzeitigen und unabgegoltene Spuren im Denken von Marx. Er trage „jüdische Traditionen und Bilder in sich, die jahrtausendealt sind.“

Nach Marx ist die Religion – so Esche – „Ausdruck der gequälten Kreatur gegen Ausbeutung, Willkür, Ungerechtigkeit und Unterdrückung. Also verbirgt sich in religiösen Welten auch das Potenzial eines Aufbegehrens, eines protestantisch anmutenden Aufschreis.“ Der Protestant wendet sich einem einzigartigen geschichtlichen Vorgang zu, nämlich dem „Mössinger Generalstreik“ am 31. Januar 1933 gegen die Machtübergabe an Hitler. Unter dem Titel „Kommunistische Utopie und pietistische Endzeit-Erwartung“ spürt Esche den Wurzeln des rebellischen schwäbischen Geistes nach.

Waren die Mössinger Arbeiterinnen und Arbeiter, Handwerker und Arbeitslose in hohem Maße von pietistischen Hoffnungen auf eine diesseitige Utopie, auf das Paradies auf Erden, nicht im Himmel geprägt? Albrecht Esche sieht in der individuellen Opferbereitschaft der damaligen Nazigegner, die aus Briefen aus dem Gefängnis erkennbar werden, einen starken Nachklang pietistischer Haltungen. Können Pietismus und Marxismus zusammen gedacht werden? Der Christ Esche bejaht.

Am Beispiel des jungen sozialistischen, pietistischen Christen Christoph Blumhardt zeigt er die Verknüpfung. Blumhardt habe sich auf das Bibelzitat gestützt: „Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Friede und Gerechtigkeit und Freude im Heiligen Geist.“ Esche überträgt in die Gegenwart: „Übersetzt man ,Freude im Heiligen Geist‘ mit Solidarität, dann hat man die drei Kampfbegriffe der Arbeiterbewegung um 1900: ,Gerechtigkeit – Frieden – Solidarität‘. Blumhardt erklärte einst: „Jesus starb als Sozialist, die Apostel – Fischer von Beruf – waren Proletarier“.

Für Esche ist der Pietismus aus historischer Sicht (nicht aus theologischer) eine aufsässige „Emanzipationsbewegung von unten“, die der kirchlichen und sonstigen Obrigkeit das alleinige Recht der Bibelinterpretation absprach. Die kommunistischen Generalstreiker in Mössingen hätten die „Unbedingtheit“ ihres Handelns zum Teil aus dem verinnerlichten Konfirmations-Katechismus übernommen: „Herr Jesu, dir leb ich, dir leid ich, dir sterb ich. Dein bin ich tot und lebendig. Mach mich, o Jesu, ewig selig.“ An die Stelle von Jesus trat die konkrete Utopie einer anderen Gesellschaft.

Albrecht Esche unterstreicht die Spuren, die auch zum Mössinger Generalstreik führten: Es war „viel eher eine christlich inspirierte Zukunftshoffnung auf eine Welt, in der Frieden, Gerechtigkeit und Solidarität herrschen.“ Die Mössinger Kommunisten könne man ohne den örtlichen Pietismus nicht verstehen.

Die Ungleichzeitigkeit und Unabgegoltenheit dörflicher Emanzipationshoffnungen sind noch immer spürbar.