Für die Humanisierung der Welt

Thilo Götze Regenbogen (Foto: © Welf Schröter)

Thilo Götze Regenbogen (Foto: © Welf Schröter)

„Er hat ein Leben voller Forscherdrang, Kreativität, Liebe und Hingabe geführt. Sein Werk und sein Einfluss wirken weiter.“ Mit diesen klaren wie eindringlichen Worten übermitteln die Familie und die Angehörigen von Thilo Albrecht Götze Regenbogen die traurige Nachricht seines allzu frühen Todes.Im Alter von 66 Jahren starb ein Freund, Autor, Künstler, Rechercheur und interessierter Kenner des jeweiligen Lebenswerkes von Karola Bloch und Ernst Bloch. Während Thilo noch bis zuletzt gedanklich an neuen Schaffensprozessen und Editionsarbeiten hing, gab sein Körper den Kampf auf. Thilo Götze Regenbogens Leben endete am 30. April 2015.

Neben verschiedenen künstlerischen Schwerpunkten beschäftigte sich „TGR“ mit den Lebenswegen der Hitlergegnerin Karola Bloch, mit dem Maler Ludwig Meidner und mit dem der Blochschen Philosophie nahestehenden Künstler und DDR-Kritiker Carlfriedrich Claus, mit der unermüdlichen Schaffenskraft von Joseph Beuys sowie mit dem literarisch-politischen Schaffen des DDR-Oppositionellen und Bloch-Schülers Jürgen Teller.

In seinem einschlägigen Beitrag über Karola Bloch und Ludwig Meidner schrieb er – sich selbst verortend: „Die von Jugend an künstlerisch und politisch engagierte polnische Jüdin und Widerstandskämpferin Karola Piotrkowska-Bloch (1905-1994) ist seit der Remigration in die Bundesrepublik im Jahre 1961 zusammen mit ihrem Mann, dem Philosophen und Autor einer historischen Enzyklopädie der Hoffnung Ernst Bloch (1885-1977), nicht nur zu einer Symbolfigur der Friedens- und Emanzipationsbewegung der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts geworden. Beide Blochs standen für eine unabhängige undogmatische Linke und arbeiteten für einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz, Karola als ,die große alte Dame der Linken‘ – um mit Jürgen Teller zu sprechen.“

Thilos Herangehen an neue Fragen war offen und unkonventionell. Er liebte es, neugierig zu sein. Nach innen wie nach außen. Er wollte das Unmögliche denken, es sehnsuchtsvoll vorahnen, es erkennen. Die Blochsche Genesis am Ende des Werdens des Menschen verband er mit seiner ganz eigenen Sicht. Unvergessen bleibt seine künstlerische Präsentation im Ernst-Bloch-Zentrum in Ludwigshafen.

Thilo war ein Freund der humanen Emanzipation. Sein Wirken galt und gilt der Humanisierung der Welt. Jene, denen er Freund war, sind ihm dabei Freunde geblieben.

 

Vergessene Architekten

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(Foto: © Welf Schröter)

Er gehörte für Karola Bloch zur politischen Familie, auch wenn – oder auch weil – er von Stalin verfolgt wurde. Sie, die Architektin und Bauhaus-Anhängerin, freute sich, ihn zu treffen, von ihm zu hören und zu lesen. Am 18. November 2014 jährte sich der Geburtstag des Architekten und Dessauer Bauhausdirektors Hannes Meyer zum 125. Mal.

Meyer wurde von Gropius zum Bauhaus geholt und vom ihm vertrieben, weil er zu politisch, zu politisch links war. Dieses Politische in der Architektur aber, ihre ganzheitliche Gesellschaftlichkeit war es, die Karola Bloch an Meyer schätzte und der sie selbst nachfolgen wollte.

Meyer ging mit großen Erwartungen 1930 nach Moskau. Er wollte durch neues Bauen zu neuen Gesellschaften beitragen. Mit diesem Tagtraum kam Karola Bloch 1949 in die DDR nach Leipzig. Meyer floh alsbald in die Schweiz. Seine Partnerin wurde von Stalins Häschern ermordet. Karola Bloch erhielt in der zweiten Hälfte der Fünfziger-Jahre Berufsverbot in „Pachulkistan“ (so nannte der Bloch-Schüler Jürgen Teller die DDR). 1961 wechselt die Architektin von Leipzig nach Tübingen. Beide Architekten gehören heute noch immer zu den Vergessenenen in ihrem Berufszweig.

Schon 1951 schrieb Karola Bloch an Hannes Meyer in der Schweiz, er möge nicht in die DDR kommen. Die Bauhaus-Tradition sei durch den ideologischen „Formalismusstreit“ des „sozialistischen Realismus“ weitgehend getilgt worden: „Der sowjetische Prozess brauchte hier nicht zu sein“, schrieb die Polin und Jüdin kritisch über die planwirtschaftlichen Exerzitien Ulbrichts. Karola Bloch arbeitet bis zum Tätigkeitsverbot in der DDR zu Kindertagesstätten und Kinderkrippen, da es dabei „nicht so viele Schwierigkeiten zu überwinden“ gibt. Hannes Meyers Tod 1954 hat Karola Bloch schwer getroffen.

„Daß Sie zur Familie gehören, ist selbstverständlich, und ich habe stets, allen Merkers zum Trotz, zu Ihnen gehalten und Sie stolz meinen Freund genannt!“ (Karola Bloch am 21. 10. 1951 an Hannes Meyer).

 

Karola Bloch: Der unkünstlerischste Naturalismus. Brief an Hannes Meyer. In: Irene Scherer, Welf Schröter (Hg.): Karola Bloch – Architektin, Sozialistin, Freundin. Eine Neuentdeckung des Wirkens der Bauhaus-Schülerin. (2010) ISBN 978-3-89376-073-2

Eine nicht gehaltene Rede in der Nikolaikirche Leipzigs

Fünfundzwanzig Jahre nach dem von Montagsdemonstranten erfolgreich eingeleiteten Sturz des SED-Regimes in der DDR ist es Zeit an einen historischen Moment zu erinnern, der mit großen Emotionen vorbereitet wurde und doch nie stattfand. Es geht um eine nicht gehaltene Rede in der Leipziger Nikolaikirche.

Leipziger Nikolaikirche (Foto: © Welf Schröter)

Leipziger Nikolaikirche (Foto: © Welf Schröter)

In Tübingen fanden sich schon vor 1989 immer wieder prominente DDR-Kritiker ein, die von der StaSi bedrängt, verfolgt und letztlich aus ihren Wirkungsstätten zwangsweise ausgebürgert wurden. Karola Bloch empfing Rudolf Bahro (1935-1997), Jürgen Fuchs (1950-1999), Jürgen Teller (1926-1999) und viele mit weniger bekanntem Namen. Auch Lew Kopelew (1912-1997) und Vertreter der im polnischen Untergrund tätigen Gewerkschaft Solidarnosc traf die Architektin, Bauhausanhängerin und Antifaschistin in der Neckarstadt.

Mit großer Sympathie und Herzblut verfolgte Karola Bloch im Frühjahr, Sommer und Herbst des Jahres 1989 die Ereignisse in Leipzig. Sie stand unzweideutig auf der Seite des „Neuen Forum“ und der Montagsdemonstranten. So war es ihr eine Freude, nach dem damaligen November das Leipziger „Haus der Demokratie“ mit einer besonderen Buchspende zu unterstützen. Auf Wunsch der dortigen „Initiative für Demokratie und Menschenrechte“ sandte sie eine Gesamtausgabe der Werke Ernst Blochs für die öffentliche Bibliothek des Hauses. Die Leipziger bedankten sich: „Da es in der DDR sehr schwer ist, an die Bloch-Gesamtausgabe heranzukommen, sie ist nicht einmal in der Leipziger Universitätsbibliothek zu lesen, freut uns ihr Besitz umso mehr. Unsere Bibliothek wird von sehr vielen Leuten frequentiert, so dass sie dort allen Interessenten zur Verfügung steht.“

Wochen zuvor saßen in Leipzig Vertreter des „Neuen Forum“, von „Demokratie Jetzt“ und der örtlichen Friedensgruppe sowie einem Gast aus Tübingen im Büro von Pfarrer Christian Führer (1943-2014) zusammen. Es sollte eine Rede und Lesung Karola Blochs (1905-1994) in der Nikolaikirche im Frühjahr 1990 vorbereitet werden. Jürgen Teller, als früherer – von der StaSi verfolgter – Bloch-Assistent war als einleitender Referent vorgesehen. Die Leipziger Bürgerbewegungen wollten zu dieser Veranstaltung einladen.

Karola Bloch war von dieser Einladung sehr berührt. Sie wollte sie annehmen und sich auf die Seite der Demokratie „von unten“ stellen. Doch zu diesem Auftritt kam es nicht. Ihr Gesundheitszustand verschlechterte sich. Die 85-Jährige konnte nicht reisen. Ein besonderer Moment in Leipzig fand nicht statt. Dieser konnte auch nicht mehr nachgeholt werden.

Schon im Herbst 1989 hatte Jürgen Teller, dem die DDR-Regierung seinen wissenschaftlichen Werdegang zerstörte, nach Tübingen geschrieben: „Karola, […], fehlt uns heute in Leipzig.“

Lesehinweis: Welf Schröter: Utopie und Moral. In: Francesca Vidal (Hg.): Wider die Regel. Mössingen 1991. S. 53-69. ISBN 978-3-89376-015-2

„Eine andere Welt ist möglich“

(Foto: © Welf Schröter)

(Foto: © Welf Schröter)

Anlässlich des zwanzigsten Todestages der Architektin und aktiven Hitlergegnerin Karola Bloch (1905-1994) am 31. Juli luden der Ernst-Bloch-Chor und der Talheimer Verlag zu einem kulturellen Erinnern in den Saal des Schlatterhauses in Tübingen. Mehr als achtzig Teilnehmerinnen und Teilnehmer hörten Melodien, Rhythmen und Texte, Gesungenes und Gelesenes. Unter ihnen war auch die aus Zürich angereiste Tochter Ernst Blochs, Mirjam Josephsohn.

Unter der Leitung von Anne Tübinger präsentierte der Ernst-Bloch-Chor fünfzehn Gesänge zu den Leitmotiven Frieden, Solidarität, Utopie und Ermutigung wie etwa „Eine andere Welt ist möglich“. Dem anmutenden Lied „Ich und Du“ kam das Rezitieren unbekannter und bislang unveröffentlichter Briefe Karola Blochs sehr nahe. In einem Brief an den von der StaSi verfolgten DDR-Oppositionellen Jürgen Teller schilderte sie ihre enge Solidarität mit dem Leipziger und erzählte zudem die Geschichte, wie sich Ernst Bloch und Bert Brecht kennenlernten.

Anne Frommann von der Karola-Bloch-Stiftung sprach Passagen aus der Autobiografie der Polin und Jüdin, in denen die Autorin mit der Ermordung ihrer Angehörigen im KZ Treblinka rang. Anne Frommann ließ an anderer Stelle jenen Text wieder lebendig werden, den Karola Bloch 1988 auf dem Tübinger Marktplatz zusammen mit Christa Wolf und Mikis Theodorakis vortrug. Die Kriegsgegnerin mahnte eine Kultur des Friedens als Antwort auf den Zweiten Weltkrieg und die deutschen Verbrechen an.

Nach dem „Song vom besseren Leben“ und dem von Anne Tübinger arrangierten Lied „Was brauchst Du“ verlas Irene Scherer vom Talheimer Verlag „Worte des Widerspruchs“ wie etwa Karola Blochs öffentliches Eingreifen für die „Würde der Frau“ und für die Schaffung eines Tübinger Frauenhauses gegen die Gewalt von Männern. In ihrem energischen Protest gegen das damalige „Asylsammellager“ beschrieb Karola Bloch ihr Leben als Flüchtling und forderte ein würdevolles helfendes Zugehen auf jene Menschen, die zur Rettung ihres Lebens ihr Land verlassen mussten.

Als der Ernst-Bloch-Chor die Melodie Bert Brechts und Hanns Eislers von „Das Lied von der Moldau“ anstimmte, erinnerte er damit auch an die Exilzeit Karola Blochs in Prag in den dreißiger Jahren auf der Flucht vor Hitler und ihre unzweideutige Solidarität mit dem späteren „Prager Frühling“. Nach mehreren Zugaben bedankte sich das Publikum mit langanhaltendem Beifall für neunzig Minuten Berührtheit, Humor und Ermutigung.

Leipzig erinnert sich an Jürgen Teller

V.l.n.r.: Regine Möbius, Welf Schröter, Irene Scherer (Foto: © talheimer)

V.l.n.r.: Regine Möbius, Welf Schröter, Irene Scherer (Foto: © talheimer)

Für einen Abend lang schien es so, als ob Ernst und Karola Bloch, Jürgen und Johanna Teller sich im Leipziger Literaturhaus noch einmal getroffen hätten, um über scheinbar vergessene und doch noch nachwirkende Vergangenheiten zu sprechen. Der Philosoph, die Architektin und Widerstandskämpferin, der Bloch-Schüler und die Galeristin – sie hatten über mehrere Jahrzehnte Briefe von Leipzig nach Tübingen und umgekehrt ausgetauscht. In teilweise literarisch verschlüsselten „Depeschen“ sezierten die Systemgegner-Ost und die Systemgegner-West ihre Wirklichkeiten.

Nun erhielt das Quartett seine Stimmen in der Löwenstadt für Stunden zurück. Die Leipziger Autorin und stellvertretende Vorsitzende des Verbandes deutscher Schriftsteller (VS), Regine Möbius, die Verlegerin Irene Scherer und der Mitherausgeber des Bandes „Briefe durch die Mauer“, Welf Schröter, lasen aus den Korrespondenzen von „Marcion“, „Polonia“, „Major Tellheim“ und „Minna von Barnhelm“. Im zwanzigsten Jahr des Todes von Karola Bloch und im fünfundzwanzigsten Jahr der erfolgreichen Leipziger „Montagsdemonstrationen“ war dieser Abend eine Ehrung des 1999 gestorbenen DDR-Kritikers Jürgen Teller. Dessen Sohn, Hannes Teller, nahm diese Würdigung im Namen der Familie dankend entgegen.

Doch in diesem Augenblick wurden nicht nur bereits veröffentlichte Briefsentenzen zitiert. Überraschend haben sich zahlreiche neue unbekannte Briefe Karola Blochs gefunden, die erstmalig zu Gehör kamen. Jürgen Teller hatte sie – wegen befürchteter Hausdurchsuchungen der Staatssicherheit – so gut versteckt, dass sie nun erst durch Zufall gefunden wurden.

Darin schreibt Karola Bloch über prominente Freunde, politische Ereignisse der achtziger Jahre, ihre Trauer über den Tod „E.B.‘s“, die Präsenz der Shoah. Sie berichtet von den Editionsarbeiten des Bloch‘schen philosophischen Nachlasses.

Melancholisch klingen manche Zeilen, in denen sie 1984 mit ihrem letzten Wohnort fremdelt: „Drum bin ich wieder im kleinen Tübingen, das mir nie Heimat wurde. In Berlin fühle ich mich wohler, liebe halt Großstädte.“

Das Wesentliche

(Foto: © Welf Schröter)

„Du warst Sozialistin aus der Kenntnis der Welt da unten, die Du aus der Perspektive des Staubs ansahst –, Ernst eher aus planetarischer Sichtweite.“ Mit diesen Worten gratulierte dereinst Walter Jens Karola Bloch zu ihrem 85. Geburtstag. Humorvoll fuhr er fort: „Ich erinnere mich an das Jahr 1968. Es gab auch in diesem Gebäude eine Reihe von Go-In’s der Studenten bei Professoren. Ernst missbilligte das. Er fand, einen Professor stört man nicht bei der Arbeit. … Du hingegen fandest die Go-In’s ganz richtig. Die Studenten sollten ruhig kommen und die Leute mal auf Trab bringen.“

Auch der Leipziger Schüler Ernst Blochs und guter Freund der Familie, der Philosoph und Lektor Jürgen Teller, bezeugte, wie die Polin, Sozialistin, Jüdin und Architektin Karola Bloch selbstbewusst Leute mal auf Trab brachte. Er erinnerte an das Jahr 1956 in der DDR, als Karola Bloch die SED nach der militärischen Niederschlagung des Aufstandes in Ungarn angriff: „Den beiden mächtigsten Parteisekretären … sagtest Du mitten ins Gesicht: ,Aber das ist ja roter Faschismus!‘ und ,Wo bleiben denn die Denkmäler für die entsetzlich vielen Opfer Stalins?‘“

Energisch war Karola Bloch 1932 als Studentin gegen den drohenden Nationalsozialismus in die damalige KPD eingetreten. Doch ihr Verständnis von Kommunismus und Sozialismus unterschied sich von den Positionen der Zentralkomitees und Politbüros. In den dreißiger Jahren war sie einerseits als Agentin „Olga“ für ihr Geburtsland Polen gegen Hitler tätig und unterstützte andererseits Parteifreunde, die von Stalins Geheimdiensten verfolgt wurden.

Als Karola Bloch vor zwanzig Jahren in Tübingen starb, ging ein nicht aufhören wollendes politisches Ringen zu Ende. Das Rebellische ihrer Jugendjahre blieb ihr erhalten. Irene Scherer zitiert sie dazu in ihrem Beitrag über Kontinuität und Bruch in „Architektin, Sozialistin, Freundin“: „Von Kindheit an war ich selbstständig. Durch mein Leben war und bin ich eine emanzipierte Frau. Das gehört zur Kontinuität in meinem Leben.“

Die schwerste Last bildete die Shoah und ihre Folgen. Karola Blochs Eltern und ein Teil ihrer weiteren Angehörigen wurden ins „Warschauer Ghetto“ verschleppt und im KZ Treblinka ermordet. Obwohl Karola Bloch nicht religiös war, hatte sie doch ihre jüdische Herkunft kulturell nie vergessen und nie geleugnet. Bis zuletzt stand eine kleine Menora in Sichtweite.

Im Sommer 1990 zog die 85-Jährige in einem Gespräch eine persönliche Bilanz. Auf die Frage, was die wichtigste Botschaft sei, die sie mit dem Wort Sozialismus verbinde, antwortete sie rauchend: „Wenn sich Menschen für etwas Positives einsetzen, so treten sie für Gleichberechtigung, Gleichverantwortung und für Gerechtigkeit ein. Darin liegt das Wesentliche. Es geht um die Würde des Menschen.“