Verschwiegen – Vergessen – Wiederentdeckt. Und nun ignoriert?

Foto: © Welf Schröter

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„Ein Dorf gegen Hitler. Der 31. Januar 1933 markierte einen Einschnitt in die deutsche Geschichte. Die Nationalsozialisten unter Adolf Hitler gelangten an die Macht, die Weimarer Republik wurde abgeschafft, eine Diktatur entstand. Nicht überall im Land waren die Menschen mit der Machtübernahme einverstanden, hier und da leisteten Bürger Widerstand. Besonders Bemerkenswertes spielte sich im kleinen schwäbischen Dorf Mössingen ab.“ Mit diesem Worten beginnt eine sogenannte „Pageflow-Reportage“, die Campus TV Tübingen im Jahr 2016 online zugänglich machte.

Die mediale Aufbereitung der Ereignisse um den „Mössinger Generalstreik“ gegen Hitler am 31. Januar 1933 ist ein verdienstvoller Schritt. Damit wird Erinnerungs- und Gedenkarbeit erleichtert. Eine der Grundlagen des digitalen Werkes ist die von der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg im Jahr 2015 herausgegebene Broschüre „,Heraus zum Massenstreik‘. Der Mössinger Generalstreik vom 31. Januar 1933 – linker Widerstand in der schwäbischen Provinz“, in der die geschichtlichen Abläufe didaktisiert ausgearbeitet wurden. Die für die „Pageflow Reportage“ verantwortliche Redaktion von Campus TV ist am Institut für Medienwissenschaften der Universität Tübingen angesiedelt.

Wer vom „Mössinger Generalstreik“ wenig weiß, wird über diese Darstellung glücklich sein. Mit Bild, Video, Schrift und Ton wird ein Überblick über Anlass, Ziele und Verlauf sowie über die Folgen der Aktion gegeben. Wer jedoch mit ausreichenden Vorkenntnissen auf diese WebSite trifft, wird unter einem besonderen Gesichtspunkt enttäuscht sein. Es stellt sich die Frage, warum die Redaktion entschieden hat, die jüdischen Spuren im „Mössinger Generalstreik“ vollständig auszublenden. In der Broschüre der Landeszentrale sind sie enthalten. Weitere Veröffentlichungen liegen seit langem vor.

Zum „Mössinger Generalstreik“ gehört, dass der Streik im damaligen Textilunternehmen Pausa startete. Die Pausa wurde von den jüdischen Brüdern Artur und Felix Löwenstein 1919 gegründet. Sie arbeiteten sehr früh mit dem von den Nationalsozialisten bedrängten Bauhaus zusammen. Von dort holten die Löwensteins mehrere linkssozialistisch politisierte junge Designerinnen zur Pausa. Diese ebenfalls jüdischen Bauhaus-Frauen wirkten in den Jahren vor 1933 in der Pausa. Schon vor 1933 wehrten sich die jüdischen Besitzer gegen den Nationalsozialismus. Sie beendeten die Zusammenarbeit mit Firmen, die sich der NSDAP verbunden sahen. Schon vor 1933 wurden die Löwensteins bedroht. Als die Belegschaft der Pausa den Streik beschloss, schützten und unterstützen die Löwensteins die Streikenden, indem sie ihnen freigaben. Nach 1933 nahm der massive Druck auf die Löwensteins zu. 1936 wurden die Pausa-Gründer zwangsenteignet und aus Mössingen vertrieben. Mit dem Jahr 1936 wurde der jüdische Name Löwenstein aus dem öffentlichen Gedächtnis Mössingens gelöscht.

Von 1936 bis 2006 wurde die Geschichte der Löwensteins weitgehend verschwiegen. Nur selten gab es kleine Erwähnungen am Rande. Durch Publikationen in 2006 und 2013 sowie durch die Gründung des Löwenstein-Forschungsvereins im Jahr 2007 begann die aktive Wiederentdeckung. Die Nachkommen der Pausa-Gründer sind 73 Jahre nach ihrer Vertreibung zum ersten Mal wieder 2009 nach Mössingen gekommen. Inzwischen sind sie vier Mal angereist. Zuletzt besuchten sie die Stadt im Sommer 2016 aus Anlass des 80. Jahrestages der Zwangsenteignung der Pausa und der Vertreibung der jüdischen Gründer. In der Theaterfassung des „Mössinger Generalstreiks“ durch das Theater Lindenhof „Ein Dorf im Widerstand“ (2013) sind die Löwensteins mehrfach präsent.

In seiner Begrüßung sagte Oberbürgermeister Michael Bulander 2016: „Wir erinnern an die Zwangsenteignung der Textildruckfirma Pausa und die Vertreibung der Unternehmer Artur und Felix Löwenstein aus unserer Stadt und letztendlich der gesamten Familie aus Deutschland vor 80 Jahren. Damit schreibt Mössingen in der NS-Zeit nicht nur die Geschichte des Mössinger Generalstreiks, als am 31. Januar 1933 über 800 Personen gegen die Machtübergabe an Hitler demonstrierten – darunter auch ein großer Teil von Pausa-Arbeitern. Die Unternehmer Löwenstein hatten ihnen nach einer positiven Streikabstimmung für den Nachmittag freigegeben.“

Warum also fehlt in der medialen Aufbereitung des „Mössinger Generalstreiks“ durch Campus TV Tübingen die Gewichtung der Rolle der jüdischen Brüder Löwenstein? Sollten wir nicht der Gefahr entgegenarbeiten, dass verschwiegene, vergessene und endlich wiederentdeckte Geschichte erneut ignoriert wird? Historische Ehrlichkeit und fachwissenschaftliche Solidität verlangen eine Nachbearbeitung der „Pageflow Reportage“.

Wie äußerten sich doch Harold Livingston und Doris Angel, die Kinder der Pausa-Gründer, bei einem ihrer Besuche in Mössingen: „Wir sind heute zusammengekommen, um das Andenken an Artur und Felix Löwenstein zu ehren, zwei schöpferische und fleißige Unternehmer. Unsere Väter waren maßgeblich an der Begründung der modernen Wirtschaft von Mössingen beteiligt. Harold und ich freuen uns, dass die Stadt heute blüht und gedeiht, und besonders darüber, dass die Stadtverwaltung und viele Mössinger Bürger die Leistungen der Brüder Löwenstein anerkennen und würdigen.“

 

Siehe zu Thema: Irene Scherer, Edith Policke, Klaus Ferstl, Welf Schröter: Die Löwensteins und der Mössinger Generalstreik. Wie die Pausa-Gründer sich gegen die Nationalsozialisten stellten. In: Irene Scherer, Klaus Ferstl, Welf Schröter (Hg.): Für Artur und Felix Löwenstein. Ein Leseheft anlässlich des 80. Jahrestages der Zwangsenteignung der Pausa und der Vertreibung der Brüder Löwenstein aus Mössingen 1936. S. 17-21 (2016, 42 Seiten, ISBN 978-3-89376-167-8). Siehe dazu auch: Irene Scherer, Welf Schröter, Klaus Ferstl (Hg.): Artur und Felix Löwenstein. Würdigung der Gründer der Textilfirma Pausa und geschichtliche Zusammenhänge (2013, 396 Seiten, ISBN 978-3-89376-150-0).

Zur Pageflow Reportage: https://multimedia.hd-campus.tv/entries/mossinger-generalstreik#244

Befreiung und Hoffnung

Heinrich Bleicher-Nagelsmann (Verband deutscher Schriftsteller VS) am 8. Juli 2015 in Mössingen. - Foto: © Welf Schröter

Heinrich Bleicher-Nagelsmann (Verband deutscher Schriftsteller VS) am 8. Juli 2015 in Mössingen. – Foto: © Welf Schröter

Die Zahl derer, die in Europa Grundprinzipien der Demokratie und deren Praxis in Frage stellen, nimmt in vielen Ländern zu. Europa als demokratisches Friedensversprechen gegen die Verbrechen des Nationalsozialismus gewinnt unter jungen Menschen jedoch an Anziehung. Im Gegensatz dazu wachsen eher innerhalb der mittleren und älteren Generation Zweifel und Distanz. Diese Menschen suchen auf ihre Enttäuschungen zumeist Antworten in der Vergangenheit, – nicht als aufzuhebende Erbschaft ungleichzeitiger Erfahrungen sondern als eindimensionaler Fluchtpunkt rückwärts.

Am 8. Juli 2015 kamen in Mössingen zahlreiche Nachdenkliche zusammen, um sowohl an den 70. Jahrestag der Befreiung vom Nationalsozialismus durch die Alliierten wie auch an den 130. Geburtstag Ernst Blochs zu erinnern. Im Rahmen der Veranstaltung wurde auch des verstorbenen Harold Livingston (Helmut Löwenstein) gedacht. Er war der Sohn des jüdischen Mitbegründers des Textilunternehmens Pausa, Artur Löwenstein. Die Pausa arbeitete vor 1933 eng mit dem Bauhaus in Dessau zusammen. Die Belegschaft der Pausa löste den „Mössinger Generalstreik“ gegen Hitler am 31. Januar 1933 aus. Das Unternehmen wurde 1936 zwangs„arisiert“. Helmut Löwenstein wurde mit seiner Familie und seinen Verwandten 1936 von Nationalsozialisten aus Mössingen und Stuttgart vertrieben. Er kehrte 1945 als 22-jähriger Soldat der britischen Armee nach Deutschland zurück und gehörte zu den Befreiern des KZ Bergen Belsen. Unter dem Namen Harold Livingston lebte und starb Helmut Löwenstein in London.

In seiner Rede zum Thema „Befreiung und Hoffnung – 70 Jahre nach dem Ende des Nationalsozialismus“ ermutigte Heinrich Bleicher-Nagelsmann vom Vorstand des Verbandes deutscher Schriftsteller (VS) seine Zuhörerinnen und Zuhörer, sich für ein demokratisches und soziales Europa in der Tradition von Ernst und Karola Bloch einzusetzen. Achtzig Jahre nach der Vertreibung der in Mössingen arbeitenden jüdischen Bürgerinnen und Bürger lohnt es sich, diese Rede noch einmal zu lesen (Rede_Heinrich_Bleicher-Nagelsmann_2015).

Harold Livingston (1923 – 2014)

Harold Livingston (Foto: © Welf Schröter)

Harold Livingston (Foto: © Welf Schröter)

Es war der 22. Juli 2009, als sich in der schwäbischen Kleinstadt Mössingen am Rande der Schwäbischen Alb zwei Männer trafen, die sich zuvor nie begegnet waren und doch indirekt verbunden schienen. Der Philosoph und Naturwissenschaftler Jan Robert Bloch gab dem Unternehmer Harold Livingston die Hand.

Monate später schrieb Jan Robert Bloch in seinem letzten Text vor seinem Tod über das Treffen in Mössingen: „Etwas stieg auf, was entschwunden schien. Etwas kehrte ein, wovon kaum jemand sprach.“ Jan Robert Bloch erinnerte sich an die Freundschaft seiner Eltern Ernst und Karola Bloch mit Adolph Lowe und Beatrice Lowe geb. Löwenstein.

Nur wenige Wochen vor seinem 91. Geburtstag im Oktober starb Harold Livingston in London. Er war der Sohn von Artur Löwenstein, dem Bauhaus-Anhänger und Mitbegründer des Mössinger Textilunternehmens Pausa sowie Bruder von Beatrice Löwenstein. Als 13-jähriger Junge wurde er zusammen mit seinen jüdischen Eltern und weiteren Angehörigen von den Nationalsozialisten vertrieben. Die Firma Pausa wurde in einer geplanten Aktion zwangs„arisiert“. Als 22-jähriger kam Harold Livingston als britischer Soldat zurück. Er gehörte nicht nur zu den Befreiern Deutschlands von der NS-Diktatur sondern auch zu den Befreiern der Inhaftierten im KZ Bergen-Belsen.

Auf Grund der Initiative von Bürgern konnten im Jahr 2009 Mitglieder der Familie Löwenstein 73 Jahre nach ihrer erzwungenen Emigration erstmals wieder Mössingen besuchen. Im Namen der Stadt entschuldigte sich der damalige Oberbürgermeister bei der Familie. Beim seinem dritten Besuch im Sommer 2013 kam Harold Livingston auf Einladung des Theaters Lindenhof und des Löwenstein-Forschungsvereins in die Steinlachstadt. Er nahm als Ehrengast an der Aufführung des Stückes „Ein Dorf im Widerstand“ teil. In einer beeindruckenden Rede entschuldigte sich bei diesem Aufenthalt der örtliche Landrat persönlich bei Harold Livingston für das verbrecherische Verhalten der Behörden und der Bank im Jahr 1936 im Zuge der Enteignung von Artur und Felix Löwenstein.

In hohem Alter konnte Harold Livingston wieder Zugang finden zu den Orten seiner Kindheit, Stuttgart und Mössingen. In Jan Robert Bloch hatte er einen sensiblen Gesprächspartner gefunden. Für den damals 72jährigen Bloch war das Zusammentreffen mit dem damals 85-jährigen Livingston das Symbol für eine andere, glaubwürdige und authentische Erinnerungskultur. Beide standen sie gegen jedwede Ausprägung des Antisemitismus.

 

Löwensteins, Lowes und Blochs

(Foto: © Welf Schröter)

Die einen waren Brüder, die anderen waren langjährige Freunde. Gemeinsam waren ihnen nicht nur ihre jüdische Herkunft, ihr Interesse am Bauhaus und ihre Gegnerschaft zum Nationalsozialismus. Sie mussten Deutschland verlassen, um ihr Leben zu retten.

Bei den einen handelte sich um die Stuttgarter Textilinnovatoren Artur und Felix Löwenstein mit ihren Partnerinnen Flora und Helene Löwenstein, die zusammen im Jahr 1919 das schwäbische Unternehmen „Pausa“ in Mössingen gründeten. Sie verbanden das Bauhaus-Design (gegründet 1919) aus Weimar und Dessau mit modernster Stoffdrucktechnik. Ihr Erfolg, ihre antinazistische Haltung und ihr globales Denken wurden ihnen nach 1933 zum Verhängnis. Die „Pausa“ wurde enteignet, die Löwensteins von Nationalsozialisten vertrieben. Dies geschah 1936.

In Berlin war zuvor 1933 der kritische Ökonom Adolph Löwe – später Lowe – vom NS-Staat aus der Universität gedrängt. Er ging mit seiner Partnerin Beatrice Lowe, geborene Löwenstein – Schwester von Artur und Felix Löwenstein – nach Manchester. Die Lowes konnten mit Hilfe englischer Freunde 1936 Felix und Helene Löwenstein in die britische Textilmetropole in Sicherheit bringen.

Von Prag aus retteten sich Ernst und Karola Bloch rechtzeitig vor den heranrückenden deutschen Truppen über Polen in die USA. Die Architektin und Bauhaus-Anhängerin Karola Bloch hatte in der Moldaustadt mit der Bauhäuslerin Friedl Dicker ein gemeinsames Design-Büro. Friedl Dicker hatte zuvor unter anderem für die Löwensteinsche „Pausa“ gearbeitet.

In die USA emigrierten auch die Lowes. Sie gehörten zu den engsten Freunden der Blochs. So fanden sich an der amerikanischen Ostküste die Blochs, die Lowes und Teile der Löwensteins.

Rund achtzig Jahre danach gab der Löwenstein-Forschungsverein nun den Anstoß zur Gründung einer „Forschungs- und Archivstelle Artur und Felix Löwenstein“, in der unter anderem auch das Zusammenwirken der Blochs, Lowes und Löwensteins untersucht werden soll. Aus mehreren Kontinenten haben sich 34 Nachkommen der Familie Löwenstein gefunden, die dieses Vorhaben unterstützen. Zu den Unterstützern des Löwenstein-Forschungsvereins gehörte auch der im Jahr 2010 gestorbene Jan Robert Bloch, Sohn von Ernst und Karola Bloch.

„Es ist die Aufgabe einer klugen Gedenkarbeit, an die Schrecken der Shoah zu erinnern und zugleich das Unabgegoltene und Unaufgehobene, die verschütteten Tagträume früherer Zeiten und Generationen in das heutige Bewusstsein zurückzuholen“, betonte Welf Schröter, neben Irene Scherer Mitinitiator der „Forschungs- und Archivstelle Artur und Felix Löwenstein“, anlässlich seines 60. Geburtstages.

Künstlerinnen der Avantgarde

Avantgardistische Stoffdesignarbeit (Foto: © Welf Schröter)

Es sind Namen wie Alexandra Exter, Natalja Gontscharowa, Ljubow Popowa, Olga Rosanowa, Warwara Stepanowa oder Nadeschda Udalzowa, die heute noch immer zu wenig bekannt sind. Diese selbstbewußten Künstlerinnen der russischen Avantgarde wandten sich seit 1907 mit ihren Werken gegen Zarismus und Krieg. Später standen sie mehrheitlich im Widerspruch zur stalinistischen Herrschaft. Mit Kandinsky, Tatlin, Malewitsch, Lissitzky, Rodtschenko waren sie auf Augenhöhe. Sie beeinflussten einander. Zwischen Utopie und Revolution, Expressionismus und Futurismus, Suprematismus und Kubismus suchten sie ihre eigenen Wege. Diese Wege führten sie auch zur Ausstellung „Der Blaue Reiter“ in Berlin im Jahr 1912, an der Natalja Gontscharowa teilnahm.

Die Frühjahrsausstellung 2013 ihrer noch immer hochaktuellen Werke im Ludwigshafener Hack-Museum zeigte Gemälde, Zeichnungen, Stoffmuster, Dessins, Webarbeiten und Skulpturen. Sonst sind die Arbeiten in der Moskauer Tretjakow-Galerie verborgen. „Die russischen Avantgarden einte das Ziel, mit ihrem Wirken zur Entstehung einer klassenlosen, gerechten Gesellschaft beizutragen“, schrieben die Kuratoren. Sie arbeiteten an der „Utopie der Gleichheit“.

„Jeder Augenblick der Gegenwart unterscheidet sich vom Augenblick der Vergangenheit und die Augenblicke der Zukunft tragen unerschöpfliche Möglichkeiten neuer Offenbarungen in sich.“ (Olga Rosanowa im Jahr 1913).

Verblüffend aber die frühen Designansätze, von denen man Spuren in der späteren Bauhaus-Webereiklasse Dessaus zu finden glaubt. Ähnlich wie die jungen Bauhausfrauen um Lisbeth Oestreicher und Ljuba Monastirskaja suchten die russischen Avantgarde-Künstlerinnen die Verknüpfung von Kunst, Kunsthandwerk und industrieller Fertigung. Mancher Stoff erscheint, als ob die Löwenstein’sche Pausa Ende der zwanziger Jahre die industrielle Fertigung übernommen hätte.

Mössinger Generalstreik gegen Hitler

Irene Scherer bei ihrer Rede am 17. Juli 2012 in der Pausa am Löwensteinplatz in Mössingen. (Foto: © Welf Schröter)

„Da ist nirgends nichts gewesen außer hier“ – so resümierte eine Mössingerin ihre Erzählung über die Ereignisse an jenem 31. Januar 1933, als die Arbeiterbewegung ihres Heimatorts den Generalstreik gegen die tags zuvor eingesetzte Hitlerregierung durchzuführen versuchte. Zwischen 600 und 800 Demonstranten sollen es gewesen sein, die im damals etwa 4.000 Einwohner zählenden Arbeiterbauerndorf Mössingen durch die Straßen und aus den Fabriken zogen. Es gelang ihnen, zwei der größten Betriebe am Ort stillzulegen, doch nach kurzer Zeit wird der „Mössinger Aufstand“ – wie ihn viele der damals Beteiligten nennen – durch massiven Polizeieinsatz abgebrochen. 80 Personen aus Mössingen und seinen Nachbargemeinden sind es dann, die für diesen vergeblichen Versuch, Terror und Krieg für Deutschland und Europa abzuwenden, ins Gefängnis oder ins KZ kommen – die meisten für einige Monate, manche für mehrere Jahre.

Vor knapp dreißig Jahren erschien endlich die erste Textsammlung und Dokumentation dieses außergewöhnlichen Ereignisses in Mössingen. Nun ist das Buch wieder zugänglich. Hermann Berner und Bernd Jürgen Warneken, die Herausgeber des Bandes „Da ist nirgends nichts gewesen außer hier! – Der Mössinger Generalstreik gegen Hitler“, widmen diese ergänzte und erweiterte Neuausgabe dem letzten Überlebenden der ehemaligen Generalstreiker, der im Alter von fast 102 Jahren im Januar 2010 gestorben ist: „Jakob Textor zu Ehren“. Jakob Textor war beim Generalstreik dabei und hatte durch viele öffentliche sowie nächtliche Aktionen vor dem Na­tionalsozialismus gewarnt. Sein spektakuläres Erklimmen des Kamins der Textilfirma Pausa, um dort die rote Fahne gegen Hitler zu hissen, bleibt im Gedächtnis.

Bei der Vorstellung des umfangreichen Werkes mit neuer Aufmachung verband Irene Scherer ihre Würdigung des Generalstreiks mit einem engagierten Plädoyer für Europa: „Die derzeitige Wirtschafts- und Finanzkrise in Europa hat eine ähnlich weit reichende Bedeutung wie der Fall der Berliner Mauer 1989. Es geht erneut um die Neuausrichtung Europas. Die Frage der Richtung steht wieder auf der Tagesordnung. Nicht die Rückwendung auf ein nationalstaatliches oder gar nationalistisches Denken ist gefordert, sondern die aktive Hinwendung zu einem Mehr an Europa ist unabdingbar. Es ist die Stunde von Vaclav Havel, Lew Kopelew und Adam Michnik: Die Demokratie verbündet sich mit Europa, nicht mit einem nationalen Rückschritt. Wir brauchen ein demokratisches und friedfertiges Gesamteuropa. Unsere Freunde in der Charta 77 in Prag sagten es in ihren Worten: Die Antwort auf Hitler heißt Europa.“ (Rede als pdf-Datei verfügbar). Ernst Blochs „Erbschaft dieser Zeit“ kann Pate stehen für ein Verständnis der Mössinger Ereignisse – damals und heute.  

(Hermann Berner, Bernd Jürgen Warneken (Hg.): „Da ist nirgends nichts gewesen außer hier!“ Der Mössinger Generalstreik gegen Hitler – Geschichte eines schwäbischen Arbeiterdorfes. ISBN 978-3-89376-140-1)

Empfänger unbekannt

Gelungene Premiere am 12. September 2012 in der Pausa in Mössingen für das Vier-Personen-Theaterstück "Empfänger unbekannt" des Theaters Lindenhof Melchingen.

Der Ort war gut gewählt: In der ehemaligen Fabrikhalle des früheren Textildruckunternehmens Pausa kam in der schwäbischen Stadt Mössingen ein Stück zur theatralischen Aufführung, das 1938 in den USA unter dem Titel „Adress unknown“ als Anklage gegen den Nationalsozialismus von Kressmann Taylor geschrieben und veröffentlicht wurde. Die US-Autorin hatte die Form eines romanähnlichen Briefdialoges gewählt, um das Auseinanderbrechen des Zusammenhalts zweier Männer aufzublättern. 1932 wechselt der eine nach Berlin, der andere bleibt in den USA. Der eine wird zum Repräsentanten der NSDAP und verbittet sich abwehrend weitere Briefe von seinem jüdischen früheren Freund. Dessen jüdische Schwester, eine ambitionierte Tänzerin, die naiv in den dreißiger Jahren im Berlin der NS-Zeit künstlerische Karriere machen will, kommt in Gefahr, wird von der SA ermordet, weil der Jung-„Partei-Genosse“ sie nicht zu schützen vermag. Nun schreibt der in Amerika Gebliebene nach Berlin offensiv Briefe und lässt den Abtrünnigen als Partner im jüdischen Geschäftsleben erscheinen. Briefe als Waffe. Dialektik der Kommunikation. Die bittere Rache gelingt. Ein weiteres Opfer.

Die Aufführung in den Räumen der (neuen) Pausa ist geschichtsträchtig. Denn die Firma (alte Pausa) war von den beiden Stuttgarter Unternehmern Felix und Artur Löwenstein 1919 gegründet und 1936 von den NS-Institutionen zwangs-„arisiert“ worden. Beide Löwensteins mussten samt Familien Mössingen verlassen. Dreiundsiebzig Jahre dauerte es bis Bürgerinnen und Bürger die Nachkommen der Löwensteins wieder nach Mössingen einluden. Achtzig Jahre nach der Pausa-Gründung wurde ein Brief von Mössingen nach Manchester geschrieben, der Verantwortung, Erinnerung und Entschuldigungen einläutete.

Das Theater Lindenhof aus Melchingen inszenierte eine Briefkommunikation als dramatisch-dramaturgische Täter-Opfer-Täter-Erkundung. Eine nüchterne schlichte Bühne, mit wenigen Tischen, Lichtveränderungen, Lautscherben, zitierende Briefstimmen und einem Ausdruckstanz als Körpersprache ließen Charaktere brechen. Die Bühne zelebrierte die Macht der Worte.

Bald wird in einer Lesung in den Räumen der Pausa ein anderer Briefverkehr zu Ohren kommen. Die Briefe der Tänzerin Andziula Tagelicht aus dem Warschauer Ghetto an die in den USA im zeitweisen Exil lebende Karola Bloch lassen eine Spannung von Hoffnung und Verzweiflung aufscheinen. Die Tänzerin wollte mit Tanz den Kindern des Ghettos Hoffnung geben. Vergebens. Den letzten Brief, den Karola Bloch aus Warschau erhielt, war ihr eigener. Er kam zurück mit dem Stempel „Empfänger unbekannt“. Nun wusste sie, dass die Tänzerin – und nicht nur sie – ermordet worden waren.

Wenn im kommenden Jahr in Mössingen die Schwiegertochter Karola Blochs, Anne Monika Sommer-Bloch, zum siebzigsten Jahrestag des Aufstandes im Warschauer Ghetto die Worte Andziula Tagelichts mit der Violine interpretiert, wird die Pausa die Erinnerung an die Löwensteins und an die Theater-Aufführung „Empfänger unbekannt“ anmahnen.