Schwierigkeiten beim Lesen von Hartmut Rosas „Resonanz“

Foto: © Welf Schröter

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Kein Zweifel: Hartmut Rosa hat mit seinen Werken „Weltbeziehungen im Zeitalter der Beschleunigung“ (2012) und „Resonanz – Eine Soziologie der Weltbeziehung“ (2016) beachtliche fachliche und intellektuelle Herausforderungen geschaffen. Seine These von der „Resonanz“ als „Modus des In-der-Welt-Seins, das heißt eine spezifische Art und Weise des In-Beziehung-Tretens zwischen Subjekt und Welt“ (Resonanz 285) formuliert auf den ersten Blick einen neuen soziologischen Erklärungsversuch der Folgen der Moderne.

Er sieht „Resonanz“ und „Entfremdung“ als „kategoriale Grundbegriffe einer systematischen Soziologie der Weltbeziehung“ (Resonanz 281). „Resonanz“ ist dabei weder ein materieller noch ein substanzieller sondern ein „relationaler Begriff“ (285). Kein „Gefühlszustand“ sondern ein „Beziehungsmodus“ (288). Ohne „Resonanz“ sei weder „Identität noch Sozialität“ möglich.

Hartmut Rosa ist zu verdanken, dass er die vorhandene Methoden- und Theorievielfalt der soziologischen Annäherungen an die Welt um zwei neudefinierte Kategorien erweitert und akzentuiert hat. Seine Kritik der „Resonanzverhältnisse“ sucht nach dem Gelingen oder der Blockierung von Resonanzen, die bei ihm weit über den Begriff der Kommunikation hinausverweisen.

Der Autor artikuliert, dass er nicht den Anspruch hat, mit diesen Kategorien, die sich seiner Ansicht nach zueinander auch dialektisch verhalten können, alle Weltbeziehungen als resonant oder nicht-resonant sezieren zu wollen. Und doch ist sein jüngstes Buch ein Beleg für den genau diesen in Abrede gestellten dominanten Anspruch. Mit einem zuweilen unterhaltsamen Parforce-Ritt durch Soziologie, Philosophie, Psychologie und durch verschiedene Felder interdisziplinärer Frauenforschung häuft er beerbend nicht enden wollende, komplexe und banale Beispiele, Zitate, Anekdoten und Erzählungen an, die seine Thesen bestätigen können oder sollen. Da müssen dann auch schon einmal Grateful Dead, Bob Dylan, die „Scorpions“ oder Heavy Metal-Rockgruppen als Indizien herhalten.

Bewusst nimmt er Theorieerbschaften auf, legt sie ab oder verformt sie. Dies propagiert er insbesondere in seiner Entleerung des Marx’schen Entfremdungsbegriffs, den er jenseits materieller Rahmsetzungen neu auflädt. Seine Rezeption von ökonomiekritischen Ansätzen endet in der weitgehenden Loslösung von ökonomischen Analysen. Er vollzieht den Abschied von einer sozioökonomischen und formationellen Herangehensweise hin zu einer eher ideen- und empfindungsschwangeren Betrachtung. Zwar räumt er ein, dass „Arbeit und Familie, aber auch die Kunst, die Religion und die Natur“ (294) als moderne „Resonanzräume“ fungieren können, schränkt sich aber im Folgenden weitreichend selbst ein, in dem er ordnend festhält, dass „Natur, Kunst und Religion konstitutive Resonanzräume für die moderne Gesellschaft“ (296) darstellen.

Trotz kritischer Auseinandersetzung mit der Marx’schen Entfremdungsanalyse, dem Marx’schen Arbeitsbegriff und der Position von Lukács rückt der Faktor Arbeit und die Frage der materiellen Vergegenständlichung des Menschen aus dem Fokus an den Rand der Aufmerksamkeit. Rosas bunte und kluge Textkonfiguration bleibt letztlich eklektizistisch. Er nimmt die „Kritische Theorie“ im Sinne Adornos auf, verabschiedet sich davon und wendet sich Luhmann zu. Er untergräbt selber das Potenzial seiner Thesen, in dem er Widergängiges und Widersprüchliches ausgrenzt und sich nur auf Affirmatives stützt.

Mehr noch: Er liest die ihm vorlegenden Werke der Soziologie, Philosophie, Politischen Ökonomie etc. nicht originär in der Intention und der systemischen Konzeption der Verfasser, sondern sucht sich aus den Textstellen anderer Autoren jene Passagen oder Argumentationslinien heraus, die ihm gelegen erscheinen. So gelingt es ihm in seiner „Ich“-Erzähler-Form, sich und seine Resonanztheorie als „verbindendes Glied in der Kette der kritischen Denker“ selbst einzureihen, die von Marx, Lukács, Adorno, Fromm, Marcuse „bis zu Jürgen Habermas und Axel Honneth reicht“ (565). Diese etwas nicht uneitle Selbstreferenz unterstreicht er mit der nicht überraschenden Antwort auf eine von ihm selbst rhetorisch gestellte Frage, ob denn Habermas „zum Begründer und Verteidiger einer resonanten Moderne“ werde, mit dem qualifizierenden Hinweis auf diesbezügliche Habermas’sche Begrifflichkeiten: Diese seien „reduziert“ und „defizitär“ (591). Dagegen sieht Rosa in Marx jenen, der schon zu seinen Zeiten beschrieb, wie „lebendige, resonante Beziehungen zwischen Menschen“ durch „stumme Beziehungen von Dingen“ ersetzt werden (540). Hier deutet Rosa nun Marx um.

An dieser Stelle erscheint es angebracht, Rosa gegen Rosa zu zitieren: „Die 68er-Generation verfügt über eine tendenziell andere, biografisch entwickelte Resonanzlandkarte als die Flakhelfergeneration oder die Mauerfallgeneration“ (657). Der 1965 geborene Resonanzforscher kennt auch die Gründe: „Die Revolte um 1968 war vor allem anderen eine ästhetische und musikalische Revolution, …“ (373).

Der neue Weg von dem sehr guten Band „Weltbeziehungen im Zeitalter der Beschleunigung“ (2012) zu „Resonanz – Eine Soziologie der Weltbeziehung“ (2016) ist keine qualitative Verbesserung.

 

Rot der Hoffnung

Wer Ernst Blochs Hoffnungsphilosophie verstehen will, sollte sein Lesen mit der ersten Version von „Geist der Utopie“ (1918) beginnen. In jener Kriegszeit zwischen 1915 und 1917 intensivierte sich Blochs Ringen mit der Religion und dem Christentum. Die Kritik der herrschenden Verhältnisse beginne mit der Kritik der Religion.Rotes Fenster2

Blochs Hoffnungsdenken ist diesseitig. Das Versprochene der Religion muss diesseitig werden. So ist die Genesis für Bloch nicht am Anfang der Menschengeschichte, sondern sie bildet dessen erfüllte Zukunft.

Der Kirchenfenstermaler und französische Künstler François Chapuis fasste sein Hoffnungsverständnis in ein geradezu expressionistisches Farbenspiel: Ein Chagall nachempfundenes tiefes Blau will „die Menschheit aus der Hölle holen“, die Hoffnung aber fordert ein belebendes Rot.

Wenn Bloch fordert, Hoffnung muss enttäuscht werden, damit sie als „belehrte Hoffnung“ (docta spes) wirken kann, so bietet Chapuis ein leuchtendes Rot, „im Schmerz geboren, wiederbelebend“.

Bloch und Chapuis  haben sich nicht gekannt. In ihrer Hoffnungssicht jedoch zeigt sich Verwandtes. Während das Christentum den Glaube ins Zentrum rückt, lässt Bloch – und mit ihm Chapuis – die Hoffnung zum wesentlichen Handlungsmotiv werden. Sie ist es, die die Genesis einläuten soll.

Chapuis aber steht dem Denken des französischen Dichters und Dramatikers nahe, der 1914 im begonnenen Weltkrieg starb. Der Sozialist Péguy war es, der in seinem poetischen Gedicht den Christengott zu neuen Einsichten verleiten wollte. Er lässt diesen über Glaube und Liebe spekulieren, um dann den Christengott irritiert innehalten zu lassen: „Was mich wundert, sagt Gott, das ist die Hoffnung. Da komm ich nicht mit. Diese kleine Hoffnung, die nach gar nichts aussieht. (…) Die kleine Hoffnung schreitet einher zwischen ihren zwei großen Schwestern, und man beachtet nicht einmal, dass sie da ist.“

In seinem literarischen Werk „Das Tor zum Geheimnis der Hoffnung“, das erst 1929 posthum erschien, lässt Péguy den Christengott erkennen: „Die Hoffnung sieht, was noch nicht ist, und was sein wird. Sie liebt, was nicht ist, und was sein wird.“ Charles Pierre Péguy, der Zola-Anhänger, starb vor einhundert Jahren in den ersten Wochen des Ersten Weltkrieges am 5. September 1914. Er hat Blochs Philosophie über das „Noch-Nicht“ nicht lesen können.

Ausdruck der gequälten Kreatur

Pfarrer i.R. Albrecht Esche (Foto: © Welf Schröter)

„Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt der herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volkes.“ Mit diesem Zitat von Karl Marx aus dessen „Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“ eröffnet der engagierte Christ und Pfarrer im Ruhestand Albrecht Esche eine neue Diskussion über die Motive des Widerstandes gegen Hitler. Dabei verweist er nebenbei auch auf die inneren ungleichzeitigen und unabgegoltene Spuren im Denken von Marx. Er trage „jüdische Traditionen und Bilder in sich, die jahrtausendealt sind.“

Nach Marx ist die Religion – so Esche – „Ausdruck der gequälten Kreatur gegen Ausbeutung, Willkür, Ungerechtigkeit und Unterdrückung. Also verbirgt sich in religiösen Welten auch das Potenzial eines Aufbegehrens, eines protestantisch anmutenden Aufschreis.“ Der Protestant wendet sich einem einzigartigen geschichtlichen Vorgang zu, nämlich dem „Mössinger Generalstreik“ am 31. Januar 1933 gegen die Machtübergabe an Hitler. Unter dem Titel „Kommunistische Utopie und pietistische Endzeit-Erwartung“ spürt Esche den Wurzeln des rebellischen schwäbischen Geistes nach.

Waren die Mössinger Arbeiterinnen und Arbeiter, Handwerker und Arbeitslose in hohem Maße von pietistischen Hoffnungen auf eine diesseitige Utopie, auf das Paradies auf Erden, nicht im Himmel geprägt? Albrecht Esche sieht in der individuellen Opferbereitschaft der damaligen Nazigegner, die aus Briefen aus dem Gefängnis erkennbar werden, einen starken Nachklang pietistischer Haltungen. Können Pietismus und Marxismus zusammen gedacht werden? Der Christ Esche bejaht.

Am Beispiel des jungen sozialistischen, pietistischen Christen Christoph Blumhardt zeigt er die Verknüpfung. Blumhardt habe sich auf das Bibelzitat gestützt: „Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Friede und Gerechtigkeit und Freude im Heiligen Geist.“ Esche überträgt in die Gegenwart: „Übersetzt man ,Freude im Heiligen Geist‘ mit Solidarität, dann hat man die drei Kampfbegriffe der Arbeiterbewegung um 1900: ,Gerechtigkeit – Frieden – Solidarität‘. Blumhardt erklärte einst: „Jesus starb als Sozialist, die Apostel – Fischer von Beruf – waren Proletarier“.

Für Esche ist der Pietismus aus historischer Sicht (nicht aus theologischer) eine aufsässige „Emanzipationsbewegung von unten“, die der kirchlichen und sonstigen Obrigkeit das alleinige Recht der Bibelinterpretation absprach. Die kommunistischen Generalstreiker in Mössingen hätten die „Unbedingtheit“ ihres Handelns zum Teil aus dem verinnerlichten Konfirmations-Katechismus übernommen: „Herr Jesu, dir leb ich, dir leid ich, dir sterb ich. Dein bin ich tot und lebendig. Mach mich, o Jesu, ewig selig.“ An die Stelle von Jesus trat die konkrete Utopie einer anderen Gesellschaft.

Albrecht Esche unterstreicht die Spuren, die auch zum Mössinger Generalstreik führten: Es war „viel eher eine christlich inspirierte Zukunftshoffnung auf eine Welt, in der Frieden, Gerechtigkeit und Solidarität herrschen.“ Die Mössinger Kommunisten könne man ohne den örtlichen Pietismus nicht verstehen.

Die Ungleichzeitigkeit und Unabgegoltenheit dörflicher Emanzipationshoffnungen sind noch immer spürbar.

 

Projekt 1914 – 2014

Im Jahr 2014 jährt sich zum einhundertsten Mal der Beginn des I. Weltkrieges. Es wird Rückblicke, Geschichtsdarstellungen und politische Bewertungen aus unterschiedlichen Richtungen geben. Was aber haben die Literaten, Intellektuellen, Künstler und Kulturschaffende jener Zeit mit diesem Kriegs“ausbruch“ verbunden? Zu viele ließen sich von nationalistischen Worten betören und griffen nach der Uniform und der Waffe. Ernst Bloch und Hugo Ball aber wetterten gegen den Militarismus. Die Erschütterungen des Krieges ließen künstlerische Reaktionen erwachsen. Nicht nur das Bauhaus und der Expressionismus, Dada und neue Musik entstanden. Ernst Bloch veröffentlichte die erste Version seines Buches „Geist der Utopie“. Der Archäologe der enttäuschten Hoffnungen rang mit Mythos, Religion, Nietzsche und Simmel. – Heute im Vorfeld der Wiederkehr des Jahrestages zeichnet sich eine Lektüre-Renaissance von „Geist der Utopie“ ab. Dazu gehört auch der „Aufschrei“: Auf Vorschlag von Werner Wild bereitet die Ernst-Bloch-Gesellschaft ein besonderes Projekt 1914 -2014 vor unter dem Titel „Der Aufschrei für eine andere, bessere Welt. Sichtweisen auf den neuen Menschen und neue Gemeinschaften als Reaktion auf die Schrecken des I. Weltkrieges“.

„Bloch ist aber da nicht alleine in dem Wieder-Aufgreifen von religiösem und mythologischem Denken, um zu neuen Formen und Inhalten zu kommen, angesichts der geistigen Bankrotterklärungen. Während der Schrecken des I. Weltkrieges, auch schon in seinem Vorfeld gibt es eine intellektuelle, literarische und künstlerische und kunsthandwerkliche Bewegung in diese Richtung, wie etwa Simmel, Rosenstock-Huessy, Mann, Ball, Hausmann, Hesse, Kirchner, Höch, Dix, Werbern, Schönberg, Landauer, um nur einige zu nennen. Expressivität, Mythen und Religion, meistens mit Adaptionen auch aus anderen als der christlichen Weltreligionen. Dies geschieht sowohl inhaltlich als auch formal. So finden wir die völlige Formveränderung der Sprache im zeitweiligen Dadaismus von Hugo Ball, der danach sehr schnell zum eher traditionellen Katholizismus zurückkehrt. Der Maler und Dadaist Raoul Hausmann erklärt aus seiner Sicht – in einer Sprache, die der Bloch’schen nicht unverwandt ist –, um was es geht, bei den neuen Formen: „ […] Gemeinschaft, die Auflösung des Ich, des Einzelnen, in der Wucht der Wahrheit des Wir.“ (Wild)

Projektskizze http://www.ernst-bloch-gesellschaft.de/images/vorschlag%20projekt%201914-2014%20webversion.pdf

(Das Bild zeigt die Skulptur „Endlose Treppe“ von Max Bill, der damit Blochs Werk „Das Prinzip Hoffnung“ interpretierte.)