„Widerstand ist nichts als Hoffnung“ (III) – Vortrag zu Richard Schmid

Oberlandesgerichtspräsident Richard Schmid (1899 – 1986) – ein Radikaler in öffentlichen Dienst

Einladung vom Vortrag am 24. November in Stuttgart um 18.00 Uhr: Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Nachdenken über den Rechtsstaat“ zur Ausstellung „NS-Justiz in Stuttgart“ referiert Hans-Ernst Böttcher, Präsident des Landgerichts Lübeck i. R. über Richard Schmid (1899 – 1986): Oberlandesgerichtspräsident Richard Schmid (1899 – 1986) – ein Radikaler in öffentlichen Dienst“.

Siehe: https://30tageimnovember.de/

Die Justiz in Westdeutschland bestand nach 1945 fast ausschließlich aus Richtern und Staatsanwälten, die schon vor 1945 im Dienst waren. Eine Ausnahme war Richard Schmid (1899 – 1986). Als Rechtsanwalt in Stuttgart war er während der Nazidiktatur als Verteidiger in Kontakt mit verfolgten Sozialisten und Kommunisten und schließlich selbst Mitglied einer Widerstandsgruppe der illegalen Sozialistische Arbeiterpartei. Er erlitt Konzentrationslager und drei Jahre Zuchthaus. 1945 wird Richard Schmid Generalstaatsanwalt, 1953 kurz Justizminister und schließlich bis 1964 Oberlandesgerichtspräsident in Stuttgart.

Richard Schmid war ein Meister des Wortes, juristisch wie literarisch. Er war bis kurz vor seinem Tod schriftstellerisch und journalistisch aktiv, in der juristischen Presse ebenso wie in allgemeinen Zeitungen und Zeitschriften und im Funk. Wichtige Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts zu den Grundrechten gehen auf Richard Schmid zurück.

Hans-Ernst Böttcher kannte Richard Schmid seit 1976 noch persönlich gut; er berichtet von Leben und Werk und würdigt dessen bleibende Verdienste. Er zeigt, dass die verfassungsrechtlichen Anregungen Richard Schmids heute mehr denn je Grundlagen für eine demokratiegeleitete Anwendung und Auslegung der Gesetze und für ein klares ‚Nein!‘ gegen jede Form des Auflebens von Alt- und Neonazismus sein können.

Die Ausstellung „NS-Justiz in Stuttgart“ im Landgericht Stuttgart dokumentiert die nationalsozialistische Strafjustiz und die Radikalisierung der Urteilspraxis von 1933 bis 1945.

Die Dokumentation beleuchtet u.a. auch die Biografien der Richter und Staatsanwälte des Sondergerichts und der Strafsenate des Oberlandesgerichts, die an Todesstrafen mitwirkten. Die meisten machten ab 1950 wieder Karriere im Justizdienst.

Weitere Informationen zur Ausstellung: www.hdgbw.de/ausstellungen/projekte/

Die Veranstaltungsreihe will Fragestellungen der Ausstellung durch weiterführende Vorträge u. ä. aufgreifen und vertiefen. Dabei sollen nicht nur historische Teilaspekte und der Umgang mit der NS-Vergangenheit der Justiz Thema sein, sondern der Blick soll auch auf aktuelle Entwicklungen und Herausforderungen des Rechtsstaats gerichtet werden.

Eingang zur Veranstaltung über Archivstraße 15 A/B.

 

„Widerstand ist nichts als Hoffnung“ (II) – Eines der Motive

Dieser Ausruf des französischen Résistance-Kämpfers René Char bildet das Leitmotiv der gemeinsamen Veranstaltungsreihe „30 Tage im November“, womit der Wert der Menschenrechte gegen Intoleranz und Rassismus, gegen Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit verteidigt wird.

Über 200 Organisationen laden zu mehr als 100 Veranstaltungen ein. Widerstand gründet in Hoffnung. Widerstand begründet Hoffnung. Widerstand gegen Unrecht muss auf Freiheit, Gleichheit und Schwesterlichkeit beruhen. Unser Widerstand basiert auf Demokratie und will die weitere Demokratisierung der Demokratie. Bloßer Widerstand gegen Unrecht als Kritik reicht nicht aus. Es bedarf des Widerstands für eine die soziale Gleichberechtigung einlösende Zivilgesellschaft, für die Umsetzung der Tagträume einer besseren Welt.

Das von Heinrich Bleicher mitedierte Buch „Widerstand ist nichts als Hoffnung“ fordert zur Widerständigkeit für Menschenrechte, Humanität und Frieden auf. „30 Tage im November“ versteht sich zugleich auch als ein Lernort der Geschichte: Erinnerungskultur stärkt Demokratie. Zeigen wir unseren Mut zu neuer Hoffnung, hier unter uns und für uns sowie als Solidarität mit Geflüchteten und Verfolgten. Es geht um „die Sehnsucht des Menschen, ein wirklicher Mensch zu werden“ (Karola Bloch).

Siehe: https://30tageimnovember.de/

 

„Widerstand ist nichts als Hoffnung“ (I) – Ein Konzept

30 Tage im November – Vom Wert der MenschenRechte – Öffentliche Veranstaltungsreihe vom 27. Oktober bis 04. Dezember 2022

Siehe: https://30tageimnovember.de/

Der Blick auf die deutsche Geschichte zeigt, wohin Intoleranz, Rassismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit führen können. Heute gilt es mehr denn je, Wissen und Werte zu vermitteln, die uns befähigen, Frieden, Demokratie und Freiheit immer wieder neu zu fordern, zu bewahren und die Allgemeinen Menschenrechte zu verteidigen!

Erinnerungskultur stärkt die Demokratie: Unsere Initiative versteht sich als ein Lernort der Geschichte. Das Neue darf das Alte nicht verdecken, wenn es gilt, die Geschichte zu verstehen und unsere Gegenwart zu gestalten: An Morgen erinnern.

Die AnStifter laden Kulturinitiativen, KünstlerInnen, Kinos und Theater, Büchereien, Schulen und Unis, Kirchen und Gewerkschaften, Verbände sowie die Stadtgesellschaft zum Mitmachen ein: als VeranstalterIn, AkteurIn, als Publikum, VorleserIn, AnStifterIn, als Verantwortliche für Frieden, Demokratie und Menschenrechte. Die Reihe will mit Ihnen und Euch, den Kulturschaffenden aus Stadt und Region, auf die Suche gehen, mit Bild, Text und Ton, Theater, Musik und Film, mit Freude an Experimenten, Dialog, öffentlichem Denken und Machen.

Unser Konzept basiert auf Eigenwilligkeit und Eigeninitiative, Vielfalt und Solidarität der Mitwirkenden. Sie unterstützen uns, auch wenn Sie die „30 Tage im November“ nur nominell mittragen wollen. Sie können eigene Veranstaltungen für die Reihe entwickeln, passende Vorschläge aus Ihrem November-Programm einreichen, Kooperationen anbieten oder in ganz anderer Form eingreifen. Wir bitten, im Rahmen der „30 Tage“ auf Ihren Bühnen, vor oder nach Ihren Veranstaltungen in geeigneter Form Ihnen wichtig erscheinende Artikel der Menschenrechte zu präsentieren oder Ihre Veranstaltung der Menschenrechtspräambel zu widmen.

Die Reihe „Vom Wert der Menschenrechte“ mit mehr als 100 Veranstaltungen wird von mehr als 200 Initiativen, Theatern und anderen Einrichtungen mitgetragen. Zu der Reihe erscheint im Herbst eine 20-seitige Programmzeitung, es gibt Plakate und Flyer, Hinweise über die sozialen Medien, eine Website und Ihre eigenen Hausprogramme.

(Aus der Ankündigung von Peter Grohmann und dem Team „Die AnStifter“)

 

„Olga“ und „Pasionaria“

Mancher Jahrestag lädt ein zu Erinnerungen und zu differenzierendem Nachdenken. Vor 25 Jahren starb am 12. November 1989 die aus dem Baskenland stammende mehr als neunzigjährige Franco-Gegnerin und Widerstandskämpferin Dolores Ibárruri. Bekannt wurde sie unter ihrem politischen Namen „La Pasionaria“. Sie gehörte zu den führenden Persönlichkeiten des spanischen Kommunismus. Nach der Niederlage der Republik gegen die faschistische Machtübernahme floh sie in die Sowjetunion.

(Foto: © Welf Schröter)

(Foto: © Welf Schröter)

„La Pasionaria“ war Kommunistin, ein Leitbild für die spanischen Frauen, ein Symbol für die „Internationalen Brigaden“ und zugleich eine loyale Interpretin des Stalinismus. Sie galt als Symbol für die antifaschistische Befreiung und war zugleich Sprecherin eines parteidiktatorischen Gesellschaftsmodells.

„La Pasionaria“ mit ihrem Ausspruch „No pasarán“ („Sie werden nicht durchkommen“) galt in ganz Europa als Sinnbild des Widerstandes gegen Hitler, gegen Franco und Mussolini. Auch die damals über dreißigjährige Karola Bloch war eine begeisterte Anhängerin der selbstbewussten Baskin und Spanierin: „So wie Rosa Luxemburg für mich auf der theoretischen Ebene ein großes Ideal war, so galt die ,Pasionaria‘ auf dem Gebiet der praktischen politischen Tätigkeit mir als Ideal“, erinnert sie sich im Gespräch im Jahr 1986 in ihrer Tübinger Wohnung.

Karola Bloch, die Architektin, Polin, Jüdin entschloss sich zu eigenen Formen des Widerstandes. Unter dem Decknamen „Olga“ reiste sie durch das Nazi-Reich von Paris nach Warschau, um polnischen Freunden geheime Kassiber des antifaschistischen Widerstandes zu überbringen. Trotz großer Angst und Gefährdung gelangen die Aktionen, wie sie in ihrer Autobiografie „Aus meinem Leben“ schrieb.

Doch anders als Dolores Ibárruri floh Karola Bloch vor der Gestapo ganz bewusst nicht in die Sowjetunion sondern in die USA. „Olga“ sah in der Sowjetunion die zentrale militärische Kraft gegen Hitler. Aber anders als die Journalistin der spanischen KP-Zeitung „Mundo Obrero“ stellte sich Karola Bloch gegen das politische System des Stalinismus. Karola Blochs Kommunismusverständnis widersprach der „Diktatur des Proletariats“ und der Parteilinie Moskaus. Während Dolores Ibárruri Menschen an den Geheimdienst Stalins verriet, half Karola Bloch jenen Kommunisten, die vor Stalin auf der Flucht waren. Erst im Jahr 1968 korrigierte sich Dolores Ibárruri und wandte sich gegen die „Breschnew-Doktrin“ und gegen die militärische Niederschlagung des “Prager Frühlings” in der Tschechoslowakei. Da endlich waren sich beide Frauen wieder einig.

Zwei widerständige Frauen, zwei überzeugte Antifaschistinnen und dennoch zwei unterschiedliche, sich ausschließende Tagträume gesellschaftlicher Zukunft.

 

Das „Alte Herkommen“

Manchmal kommt es vor, dass ein lesender Kopf neugierig in den Bann eines Begriffes gezogen wird. Es scheint, als ob Worte beginnen, Geschichten zu erzählen. Der erste Blick löst Gedanken aus und aktualisiert Erinnerungen. Vergangenes kommt zurück. Das eigene Selbst sucht nach Offenem, nach Uneingelöstem.

(Foto: © Welf Schröter)

(Foto: © Welf Schröter)

Das „Alte Herkommen“ ist ein solches Wort. Das erste Lesen assoziiert zu „Herkommen“ umgangssprachlich den Begriff „Herkunft“. Doch halt! Die Worte sind vielschichtig und tragen verschiedene Zeiten in sich.

Vor 500 Jahren beschrieb das „Alte Herkommen“ die sozialen und wirtschaftlichen Gewohnheitsrechte der armen Bauern. „Altes Herkommen“ bemaß das Recht, Holz im Wald des herrschenden Adels zu schlagen, um selbst in der bäuerlichen Hütte den Winter warm zu überdauern. Das „Alte Herkommen“ galt als alter verlässlicher Brauch, der Rechte regelte.

Als nun Grafen und Herzöge den Bauern das Recht, Holz zu sammeln, wegnahmen, ihnen ihr angestammtes „Altes Herkommen“ entrissen, erhoben sich die Untertanen aus prekärer Lage zum Widerstand. Sie fanden sich unter dem Leitmotiv „Armer Konrad“ zusammen.

Der Bruch des vereinbarten „Alten Herkommens“ durch die Herren löste Verelendung, Kälte und Armut aus. Bäuerlicher Untertan zu sein, wurde nun zugleich Zeichen der Herkunft des „gemeinen Mannes“.

Heute birgt das Wort „Altes Herkommen“ ungleichzeitige Erbschaften in sich. Es erinnert an bäuerlich-aufständische Freiheitshoffnungen der Jahre 1514 und 1525 im Herzogtum Württemberg. Zugleich beleuchtet es die Niederschlagung der demokratischen Bewegung durch Burgherren und städtische Patrizier.

450 Jahre später ließ sich Ernst Bloch zu dem Kommentar hinreißen: „Die Enkel fechtens besser aus!“

 

Von Prag nach New York

Vor 75 Jahren – am 15. März 1939 – ließ der NS-Staat seine Wehrmachtstruppen in die Tschechoslowakei – in Prag – einmarschieren. Prag sollte ein Ort des „Dritten Reiches“ werden. Kaum war die SS auf dem Wenzelsplatz angekommen, startete die Gestapo die „Aktion Gitter“. Mehr als eintausend politische Emigranten und Hitlergegner wurden verhaftet. Seit 1933 waren Schriftsteller, Intellektuelle, jüdische Oppositionelle, Freunde des Bauhauses in die Moldaustadt geflohen, um der Verfolgung der Nazis zu entgehen.

Unter den Emigranten befanden sich auch Ernst und Karola Bloch. Ihr Sohn Jan Robert Bloch wurde in Prag geboren. Die Architektin und politische Aktivistin Karola Bloch hatte ausreichend Praxis- und Lebenserfahrung gesammelt, um rechtzeitig zu erkennen, dass ein drohender Einmarsch deutscher Militärverbände für sie Gefahr an Leib und Leben bedeutete. Sie drängte zum Aufbruch und stellte die Koffer bereit. Noch immer hält sich heute unter Bloch-Freunden die Anekdote, dass Ernst Bloch damals in Prag unwillig die Kofferpackerei verfolgte und wiederholt fragte: „Wieso müssen wir weg?“ Die Blochs reisten ins polnische Gdynia und verließen am 3. Juli 1938 per Schiff den europäischen Kontinent in Richtung der Freiheitsstatue in New York.

Ernst Bloch hatte erst viel später vollständig begriffen, was Karola Bloch vollbracht hatte. Er widmete ihr ein weiteres Mal einen seiner philosophischen Werkbände. Zu Beginn von „Tendenz – Latenz – Utopie“ heißt es: „Für meine Frau Karola, Mann und Werk vor den Nazis rettend“. In den USA schrieb Bloch sein philosophisches Hauptwerk.

Als in der Tübinger Zeit nach 1961 Professoren, Journalisten und Bekannte die Blochsche Wohnung besuchten, wollten die meisten in Karola Bloch nur eine Frau an seiner Seite erkennen, eine unscheinbare Hausfrau. Doch die aktive jüdische Widerstandskämpferin Karola Bloch war in den dreissiger Jahren unter dem Decknamen „Olga“ durch den SS-Staat gereist, um Gleichgesinnte gegen Hitler zu unterstützen. Unter Einsatz ihres Lebens spürte sie hautnah die Gefahr. Ihre Lebensklugheit retteten Mann, Sohn, philosophische Manuskripte und sie selbst. Karola Blochs Familie blieb in Europa und wurde im KZ Treblinka ermordet.