Verschwiegen – Vergessen – Wiederentdeckt. Und nun ignoriert?

Foto: © Welf Schröter

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„Ein Dorf gegen Hitler. Der 31. Januar 1933 markierte einen Einschnitt in die deutsche Geschichte. Die Nationalsozialisten unter Adolf Hitler gelangten an die Macht, die Weimarer Republik wurde abgeschafft, eine Diktatur entstand. Nicht überall im Land waren die Menschen mit der Machtübernahme einverstanden, hier und da leisteten Bürger Widerstand. Besonders Bemerkenswertes spielte sich im kleinen schwäbischen Dorf Mössingen ab.“ Mit diesem Worten beginnt eine sogenannte „Pageflow-Reportage“, die Campus TV Tübingen im Jahr 2016 online zugänglich machte.

Die mediale Aufbereitung der Ereignisse um den „Mössinger Generalstreik“ gegen Hitler am 31. Januar 1933 ist ein verdienstvoller Schritt. Damit wird Erinnerungs- und Gedenkarbeit erleichtert. Eine der Grundlagen des digitalen Werkes ist die von der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg im Jahr 2015 herausgegebene Broschüre „,Heraus zum Massenstreik‘. Der Mössinger Generalstreik vom 31. Januar 1933 – linker Widerstand in der schwäbischen Provinz“, in der die geschichtlichen Abläufe didaktisiert ausgearbeitet wurden. Die für die „Pageflow Reportage“ verantwortliche Redaktion von Campus TV ist am Institut für Medienwissenschaften der Universität Tübingen angesiedelt.

Wer vom „Mössinger Generalstreik“ wenig weiß, wird über diese Darstellung glücklich sein. Mit Bild, Video, Schrift und Ton wird ein Überblick über Anlass, Ziele und Verlauf sowie über die Folgen der Aktion gegeben. Wer jedoch mit ausreichenden Vorkenntnissen auf diese WebSite trifft, wird unter einem besonderen Gesichtspunkt enttäuscht sein. Es stellt sich die Frage, warum die Redaktion entschieden hat, die jüdischen Spuren im „Mössinger Generalstreik“ vollständig auszublenden. In der Broschüre der Landeszentrale sind sie enthalten. Weitere Veröffentlichungen liegen seit langem vor.

Zum „Mössinger Generalstreik“ gehört, dass der Streik im damaligen Textilunternehmen Pausa startete. Die Pausa wurde von den jüdischen Brüdern Artur und Felix Löwenstein 1919 gegründet. Sie arbeiteten sehr früh mit dem von den Nationalsozialisten bedrängten Bauhaus zusammen. Von dort holten die Löwensteins mehrere linkssozialistisch politisierte junge Designerinnen zur Pausa. Diese ebenfalls jüdischen Bauhaus-Frauen wirkten in den Jahren vor 1933 in der Pausa. Schon vor 1933 wehrten sich die jüdischen Besitzer gegen den Nationalsozialismus. Sie beendeten die Zusammenarbeit mit Firmen, die sich der NSDAP verbunden sahen. Schon vor 1933 wurden die Löwensteins bedroht. Als die Belegschaft der Pausa den Streik beschloss, schützten und unterstützen die Löwensteins die Streikenden, indem sie ihnen freigaben. Nach 1933 nahm der massive Druck auf die Löwensteins zu. 1936 wurden die Pausa-Gründer zwangsenteignet und aus Mössingen vertrieben. Mit dem Jahr 1936 wurde der jüdische Name Löwenstein aus dem öffentlichen Gedächtnis Mössingens gelöscht.

Von 1936 bis 2006 wurde die Geschichte der Löwensteins weitgehend verschwiegen. Nur selten gab es kleine Erwähnungen am Rande. Durch Publikationen in 2006 und 2013 sowie durch die Gründung des Löwenstein-Forschungsvereins im Jahr 2007 begann die aktive Wiederentdeckung. Die Nachkommen der Pausa-Gründer sind 73 Jahre nach ihrer Vertreibung zum ersten Mal wieder 2009 nach Mössingen gekommen. Inzwischen sind sie vier Mal angereist. Zuletzt besuchten sie die Stadt im Sommer 2016 aus Anlass des 80. Jahrestages der Zwangsenteignung der Pausa und der Vertreibung der jüdischen Gründer. In der Theaterfassung des „Mössinger Generalstreiks“ durch das Theater Lindenhof „Ein Dorf im Widerstand“ (2013) sind die Löwensteins mehrfach präsent.

In seiner Begrüßung sagte Oberbürgermeister Michael Bulander 2016: „Wir erinnern an die Zwangsenteignung der Textildruckfirma Pausa und die Vertreibung der Unternehmer Artur und Felix Löwenstein aus unserer Stadt und letztendlich der gesamten Familie aus Deutschland vor 80 Jahren. Damit schreibt Mössingen in der NS-Zeit nicht nur die Geschichte des Mössinger Generalstreiks, als am 31. Januar 1933 über 800 Personen gegen die Machtübergabe an Hitler demonstrierten – darunter auch ein großer Teil von Pausa-Arbeitern. Die Unternehmer Löwenstein hatten ihnen nach einer positiven Streikabstimmung für den Nachmittag freigegeben.“

Warum also fehlt in der medialen Aufbereitung des „Mössinger Generalstreiks“ durch Campus TV Tübingen die Gewichtung der Rolle der jüdischen Brüder Löwenstein? Sollten wir nicht der Gefahr entgegenarbeiten, dass verschwiegene, vergessene und endlich wiederentdeckte Geschichte erneut ignoriert wird? Historische Ehrlichkeit und fachwissenschaftliche Solidität verlangen eine Nachbearbeitung der „Pageflow Reportage“.

Wie äußerten sich doch Harold Livingston und Doris Angel, die Kinder der Pausa-Gründer, bei einem ihrer Besuche in Mössingen: „Wir sind heute zusammengekommen, um das Andenken an Artur und Felix Löwenstein zu ehren, zwei schöpferische und fleißige Unternehmer. Unsere Väter waren maßgeblich an der Begründung der modernen Wirtschaft von Mössingen beteiligt. Harold und ich freuen uns, dass die Stadt heute blüht und gedeiht, und besonders darüber, dass die Stadtverwaltung und viele Mössinger Bürger die Leistungen der Brüder Löwenstein anerkennen und würdigen.“

 

Siehe zu Thema: Irene Scherer, Edith Policke, Klaus Ferstl, Welf Schröter: Die Löwensteins und der Mössinger Generalstreik. Wie die Pausa-Gründer sich gegen die Nationalsozialisten stellten. In: Irene Scherer, Klaus Ferstl, Welf Schröter (Hg.): Für Artur und Felix Löwenstein. Ein Leseheft anlässlich des 80. Jahrestages der Zwangsenteignung der Pausa und der Vertreibung der Brüder Löwenstein aus Mössingen 1936. S. 17-21 (2016, 42 Seiten, ISBN 978-3-89376-167-8). Siehe dazu auch: Irene Scherer, Welf Schröter, Klaus Ferstl (Hg.): Artur und Felix Löwenstein. Würdigung der Gründer der Textilfirma Pausa und geschichtliche Zusammenhänge (2013, 396 Seiten, ISBN 978-3-89376-150-0).

Zur Pageflow Reportage: https://multimedia.hd-campus.tv/entries/mossinger-generalstreik#244

Befreiung und Hoffnung

Heinrich Bleicher-Nagelsmann (Verband deutscher Schriftsteller VS) am 8. Juli 2015 in Mössingen. - Foto: © Welf Schröter

Heinrich Bleicher-Nagelsmann (Verband deutscher Schriftsteller VS) am 8. Juli 2015 in Mössingen. – Foto: © Welf Schröter

Die Zahl derer, die in Europa Grundprinzipien der Demokratie und deren Praxis in Frage stellen, nimmt in vielen Ländern zu. Europa als demokratisches Friedensversprechen gegen die Verbrechen des Nationalsozialismus gewinnt unter jungen Menschen jedoch an Anziehung. Im Gegensatz dazu wachsen eher innerhalb der mittleren und älteren Generation Zweifel und Distanz. Diese Menschen suchen auf ihre Enttäuschungen zumeist Antworten in der Vergangenheit, – nicht als aufzuhebende Erbschaft ungleichzeitiger Erfahrungen sondern als eindimensionaler Fluchtpunkt rückwärts.

Am 8. Juli 2015 kamen in Mössingen zahlreiche Nachdenkliche zusammen, um sowohl an den 70. Jahrestag der Befreiung vom Nationalsozialismus durch die Alliierten wie auch an den 130. Geburtstag Ernst Blochs zu erinnern. Im Rahmen der Veranstaltung wurde auch des verstorbenen Harold Livingston (Helmut Löwenstein) gedacht. Er war der Sohn des jüdischen Mitbegründers des Textilunternehmens Pausa, Artur Löwenstein. Die Pausa arbeitete vor 1933 eng mit dem Bauhaus in Dessau zusammen. Die Belegschaft der Pausa löste den „Mössinger Generalstreik“ gegen Hitler am 31. Januar 1933 aus. Das Unternehmen wurde 1936 zwangs„arisiert“. Helmut Löwenstein wurde mit seiner Familie und seinen Verwandten 1936 von Nationalsozialisten aus Mössingen und Stuttgart vertrieben. Er kehrte 1945 als 22-jähriger Soldat der britischen Armee nach Deutschland zurück und gehörte zu den Befreiern des KZ Bergen Belsen. Unter dem Namen Harold Livingston lebte und starb Helmut Löwenstein in London.

In seiner Rede zum Thema „Befreiung und Hoffnung – 70 Jahre nach dem Ende des Nationalsozialismus“ ermutigte Heinrich Bleicher-Nagelsmann vom Vorstand des Verbandes deutscher Schriftsteller (VS) seine Zuhörerinnen und Zuhörer, sich für ein demokratisches und soziales Europa in der Tradition von Ernst und Karola Bloch einzusetzen. Achtzig Jahre nach der Vertreibung der in Mössingen arbeitenden jüdischen Bürgerinnen und Bürger lohnt es sich, diese Rede noch einmal zu lesen (Rede_Heinrich_Bleicher-Nagelsmann_2015).

Erinnerungskultur und Zivilgesellschaft

Sibylle Thelen (Foto: Schröter)

Anlässlich des siebzigsten Jahrestages des jüdischen Aufstandes im Warschauer Ghetto am 19. April 1943 ergriffen in einer „Matinée gegen Antisemitismus“ der langjährige Landesrabbiner von Württemberg, Joel Berger, und die Leiterin des Fachbereichs Gedenkstättenarbeit der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg, Sibylle Thelen, das Wort.

Sie mahnten am Ort des Mössinger Generalstreiks 1933 gegen Hitler eine aktive Erinnerungskultur an. Joel Berger wandte sich gegen den politischen Mißbrauch des historisch unzweideutig belegten Begriffs „Ghetto“ in der aktuellen Tagespolitik. Damit werde der Schrecken der Shoah verharmlost.

Sibylle Thelen ermutigte dazu, Gedenkstätten als gelebte Erinnerungskultur zu sehen und zu stärken:

„Und dies alles geschieht auch heute zumeist dort, wo Bürgerinnen und Bürger zu fragen und zu forschen begonnen haben, und wo angesichts der zusammengetragenen Rechercheergebnisse das Bedürfnis entstanden ist, das Wissen mit anderen zu teilen und an künftige Generationen weiterzureichen – am besten verankert am authentischen Ort. Es ist gut, dass diesem Bürgeranliegen heute von offizieller Seite mit Aufgeschlossenheit und Anerkennung begegnet wird. Unterstützung ja, Vereinnahmung nein – denn diese wäre das Ende einer ungezähmt kritischen Herangehensweise, derer es gerade auf Feldern bedarf, auf denen noch manches abzuklären ist. In solchen Auseinandersetzungen um die Vergangenheit gibt es unterschiedliche Rollen. Entscheidend dabei ist: Es sind heute viele Akteure beteiligt, keiner muss mehr alleine stehen. Konflikte um die Deutung der Vergangenheit, die offen ausgetragen werden, sind lehrreich – kein Vergleich zu dem Schweigen der Nachkriegszeit. Wie allein muss man sich in einer Gesellschaft fühlen, die sich in ein solches Schweigen des Vergessens und Verdrängens, des Nichtwissens und Nichtwissenwollens hüllt.“

Es gelte öffentliche Erinnerungsarbeit zu leisten, um Vergangenes zu bewahren. Konflikte mit jenen, die eher einen Schlussstrich wollten, müsse man aushalten. Die dialektische Anstrengung des Begriffs bleibt unabdingbar.

Ausdruck der gequälten Kreatur

Pfarrer i.R. Albrecht Esche (Foto: © Welf Schröter)

„Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt der herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volkes.“ Mit diesem Zitat von Karl Marx aus dessen „Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“ eröffnet der engagierte Christ und Pfarrer im Ruhestand Albrecht Esche eine neue Diskussion über die Motive des Widerstandes gegen Hitler. Dabei verweist er nebenbei auch auf die inneren ungleichzeitigen und unabgegoltene Spuren im Denken von Marx. Er trage „jüdische Traditionen und Bilder in sich, die jahrtausendealt sind.“

Nach Marx ist die Religion – so Esche – „Ausdruck der gequälten Kreatur gegen Ausbeutung, Willkür, Ungerechtigkeit und Unterdrückung. Also verbirgt sich in religiösen Welten auch das Potenzial eines Aufbegehrens, eines protestantisch anmutenden Aufschreis.“ Der Protestant wendet sich einem einzigartigen geschichtlichen Vorgang zu, nämlich dem „Mössinger Generalstreik“ am 31. Januar 1933 gegen die Machtübergabe an Hitler. Unter dem Titel „Kommunistische Utopie und pietistische Endzeit-Erwartung“ spürt Esche den Wurzeln des rebellischen schwäbischen Geistes nach.

Waren die Mössinger Arbeiterinnen und Arbeiter, Handwerker und Arbeitslose in hohem Maße von pietistischen Hoffnungen auf eine diesseitige Utopie, auf das Paradies auf Erden, nicht im Himmel geprägt? Albrecht Esche sieht in der individuellen Opferbereitschaft der damaligen Nazigegner, die aus Briefen aus dem Gefängnis erkennbar werden, einen starken Nachklang pietistischer Haltungen. Können Pietismus und Marxismus zusammen gedacht werden? Der Christ Esche bejaht.

Am Beispiel des jungen sozialistischen, pietistischen Christen Christoph Blumhardt zeigt er die Verknüpfung. Blumhardt habe sich auf das Bibelzitat gestützt: „Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Friede und Gerechtigkeit und Freude im Heiligen Geist.“ Esche überträgt in die Gegenwart: „Übersetzt man ,Freude im Heiligen Geist‘ mit Solidarität, dann hat man die drei Kampfbegriffe der Arbeiterbewegung um 1900: ,Gerechtigkeit – Frieden – Solidarität‘. Blumhardt erklärte einst: „Jesus starb als Sozialist, die Apostel – Fischer von Beruf – waren Proletarier“.

Für Esche ist der Pietismus aus historischer Sicht (nicht aus theologischer) eine aufsässige „Emanzipationsbewegung von unten“, die der kirchlichen und sonstigen Obrigkeit das alleinige Recht der Bibelinterpretation absprach. Die kommunistischen Generalstreiker in Mössingen hätten die „Unbedingtheit“ ihres Handelns zum Teil aus dem verinnerlichten Konfirmations-Katechismus übernommen: „Herr Jesu, dir leb ich, dir leid ich, dir sterb ich. Dein bin ich tot und lebendig. Mach mich, o Jesu, ewig selig.“ An die Stelle von Jesus trat die konkrete Utopie einer anderen Gesellschaft.

Albrecht Esche unterstreicht die Spuren, die auch zum Mössinger Generalstreik führten: Es war „viel eher eine christlich inspirierte Zukunftshoffnung auf eine Welt, in der Frieden, Gerechtigkeit und Solidarität herrschen.“ Die Mössinger Kommunisten könne man ohne den örtlichen Pietismus nicht verstehen.

Die Ungleichzeitigkeit und Unabgegoltenheit dörflicher Emanzipationshoffnungen sind noch immer spürbar.

 

Land der Ungleichzeitigkeit

Foto: © Welf Schröter

In Robert Musils Werk „Der Mann ohne Eigenschaften“ ringt ein Mann mit der Moderne, mit jenem neuen Denken, das durch die Spannung des historischen Moments im Jahr 1913 und dessen Erschütterung durch die flächendeckenden Verwüstungen und Tötungen im industrialisierten Ersten Weltkrieg emporgehoben wurde. Das alte wilhelminische Verbeugen vor der zu wenig hinterfragten Obrigkeit wurde überlagert und überschichtet vom neuen, sich aufrichtenden Ich, der Vorschein der Moderne.

Noch mit den Muttermalen des Ancién Régime versehen, entbirgt der Eigenschaftslose seine Utopie. Noch drängte das Alte nach vorne und holte das Hindenburgische hervor, während im Republikanischen das Demokratische noch keine ausreichende Kraft finden konnte.

Ernst Bloch sprach von Deutschland als dem „klassischen Land der Ungleichzeitigkeit“, in dem „unerledigte Vergangenheit“ die Widersprüche prägt und sich die „Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen“ regt.

Im achtzigsten Jahr der Machtübergabe an Hitler bricht diese Erinnerung an das Unabgegoltene wieder auf. Am Beispiel des „Mössinger Generalstreiks“ gegen Hitler am 31. Januar 1933, bei dem 800 Frauen und Männer die Arbeit niederlegten und gegen das NS-Regime demonstrierten („Hitler bedeutet Krieg!“), zeigt sich wiederum das ungleichzeitige Deutschland.

Während im Jahr 2013 die einen ihre „Erinnerungsarbeit“ in der Denunziation des damals kulturell-aufklärerischen Protestes und des besonderen humanen schwäbischen Dorfkommunismus als Vorstufe von Stalins Gulag diskriminieren, wählen andere den furchtvollen Weg der rein formalen Geschichtsbetrachtung. In der Angst davor, anstößig zu wirken, reduziert sich die Erinnerungsarbeit auf einen Tag, einen einzigen, geradezu ahistorischen gesehenen Tag. Seine Bedeutung für den Nationalsozialismus, seine Relevanz für den beginnenden staatlichen Antisemitismus treten in den Hintergrund. Nun ringt er wieder mit der Moderne, der Mann ohne Eigenschaften.

Stattdessen wäre es unabdingbar, klar und unzweideutig den Widerstand einfacher Arbeiterinnen und Arbeiter, Bauern, Tagelöhner und Arbeitslose zu würdigen und ihnen für den legitimen Widerstand gegen Hitler endlich zu danken, den Familien Maier, Maier, Stotz, Ayen, Haap, Wagner, Gauger, Textor, Steinhilber und weiteren. – Dies wäre für uns alle heute eine bessere Erbschaft dieser Zeit.

 

Mut zum Mut

Foto: © Welf Schröter

Inmitten des spannungsgeladenen Ringens um Erinnerung und die Würdigung des Widerstandes einfacher Menschen gegen Hitler, tritt eine Frau ans Mikrophon. Sie ist unüberhörbar Schwäbin, noch zögerlich, zum ersten Mal am Podium eines wissenschaftlichen Fachsymposiums. Sie spricht, immer sicherer werdend, dreißig Minuten über das Leben ihres Vaters und ihrer Mutter. Martin Maier war einer der maßgeblich Aktiven im „Mössinger Generalstreik“ gegen Hitler.

Beinahe dreißig Jahre lang erhob keine Person aus dem Kreis der Nachkommen der einst von der Gestapo verfolgten Teilnehmer des Generalstreiks öffentlich mehr die eigene Stimme. In den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts waren die greisen Streikenden ein letztes Mal zu vernehmen. Nun tritt die über fünfzigjährige Rosemarie Vogt in die Öffentlichkeit. Bevor steht der achtzigste Jahrestag des Aufstandes in dem damaligen Textildorf am Rande der Schwäbischen Alb.

Sie spricht geradlinig, deutlich und nicht schüchtern. Sie verteidigt das Handeln ihrer Eltern. Ihr Vater hatte gesagt: „Ich hätte mir beim Rasieren nicht mehr in die Augen schauen können. Es war doch unsere verdammte Pflicht und Schuldigkeit den Leuten zu sagen, wer Hitler wählt, wählt Krieg. Wir konnten sie doch nicht mit offenen Augen ins Unglück rennen lassen.“

Die Tochter des bis zu seiner Amtsniederlegung 1933 aktiven Gemeinderats Martin Maier, der für seine Tat von der NS-Justiz zu 358 Tagen Gefängnis wegen Landeshochverrat und Hausfriedensbruch verurteilt, nach 1945 gerichtlich rehabilitiert und wieder zum Gemeinderat und Kreisrat gewählt wurde, lobte seinen „idealen Kommunismus“, der ihn trieb, sich für seine Mitmenschen einzusetzen. Später sprach sich Maier gegen die Ulbricht-Mauer und gegen die Sowjetpanzer in Prag aus. Sein Kommunismus war nicht der Kommunismus der Stalins, Breschnews etc.

Doch während in anderen Städten sich ein gewisses stolzes Selbstbewusstsein breit machen würde, spaltet die Erinnerung an den legitimen Widerstand der Mössinger gegen Hitler das heutige Stadtgeschehen. Rosemarie Vogt spricht von der Gegenwart, wenn sie die heutige „Verleumdung oder wenigstens üble Nachrede“ anprangert.

Während der NS-Zeit waren es vielfältige Denunziationen, die 98 Streikteilnehmer vor Gericht brachten. Nach 1945 war es das Schweigen und die subkutane Herabwürdigung der 800 Mutigen. Sie wurden als Wegbereiter von Stacheldraht und Lagern, als „Zuchthäusler“ und Gewalttätige bezeichnet. Heute im Januar 2013 braucht es in Mössingen erneut Zivilcourage, um gegen jene zu sprechen, die den Eindruck erwecken wollen, dass Hitler weniger schlimm gewesen sei als Stalin. – Als ob man zwischen zwei Mördern wählen könnte.

Am Ende ihrer Rede mit der Überschrift „Mut zum Mut“ lächelt Rosemarie Vogt und sagt selbstbewusst und augenzwinkernd: „Ich hoffe und wünsche mir, dass ich das Bild, das sich der eine oder andere von den ,schrecklichen‘ Kommunisten machte, etwas milder zeichnen konnte. Denn was zählt ist wie ein Mensch gelebt hat und wie er handelte.“

Ein kaum enden wollender Beifall gibt der Rednerin Ermutigung zurück. Sie hatte auch aus dem Herzen zahlloser Nachkommen der Generalstreikerfamilien gesprochen, die den Tränen nahe in den mittleren Reihen des Auditoriums sitzen. Es war ein Stück Zivilcourage in der Zivilgesellschaft gewachsen.

Jugendliche Tagträume der Moderne

Foto: © Welf Schröter

„Entscheidend sind die Ideen und Vorstellungen, die offene Neugierde auf die Innovationen der Moderne sowie der Mut, das Gebiet der Moderne zu betreten. Ein Gebiet, das in Deutschland – besonders nach der demütigenden Niederlage im Ersten Weltkrieg – von mächtigen Gegnern bekämpft wurde.“ Mit diesen Worten beschrieb im Jahr 2009 Jan Robert Bloch die Geschehnisse in der kleinen schwäbischen Gemeinde Mössingen in der Zeit zwischen 1925 und 1936.

Im „roten Mössingen“, wie der Ort damals wegen seiner zahlreichen Unterstützer von KPD und SPD genannt wurde, vermischten sich die Anti-Kriegs-Lebenserfahrungen der Teilnehmer des Ersten Weltkrieges mit den aufbrechenden gegenkulturellen Hoffnungen junger Mössinger, die aus dem verstockten religiös-wilhelminischen Geist ausbrechen und neue Lebenskonzepte erkunden wollten. Selbstbestimmtheit und die Entfaltung eines neuen offenen kulturellen Milieus schafften Raum für einen Tagtraum der „Moderne“.

Diese Moderne, die sich vor Ort mit dem Bauhaus-Netzwerk der jüdischen Unternehmer Artur und Felix Löwenstein verband, trug dazu bei, dass junge Frauen und Männer in Bewegung kamen für Demokratie und gegen die Kriegsgefahr. Am 31. Januar 1933 demonstrierten in dem 4.000-Einwohner-Ort Mössingen 800 Menschen gegen die Machtübergabe an Hitler. Der „Mössinger Generalstreik“ – der einzige im ganzen Reich – ließ die Menschen aufrecht gehen. Für sie war der Nationalsozialismus das Gegenteil der Moderne, das Gegenteil ihrer jugendlichen Lebenssehnsüchte. Sie wollten frei ihren Weg wählen.

Das Ringen um die Moderne wurde in Mössingen verloren. Mehr als 90 Generalstreikende kamen in Haft, ins Zuchthaus, ins KZ. Die jüdischen Unternehmer wurden drei Jahre später enteignet und vertrieben. Das Bauhaus war zuvor in Berlin geschlossen worden.

An die unabgegoltenen Tagträume von damals, an die Sehnsucht und die ungleichzeitigen Hoffnungen von einst erinnert heute ein Diskurs, der vor allem eines will: den Mut der damals Handelnden würdigen.

Mössinger Generalstreik gegen Hitler

Irene Scherer bei ihrer Rede am 17. Juli 2012 in der Pausa am Löwensteinplatz in Mössingen. (Foto: © Welf Schröter)

„Da ist nirgends nichts gewesen außer hier“ – so resümierte eine Mössingerin ihre Erzählung über die Ereignisse an jenem 31. Januar 1933, als die Arbeiterbewegung ihres Heimatorts den Generalstreik gegen die tags zuvor eingesetzte Hitlerregierung durchzuführen versuchte. Zwischen 600 und 800 Demonstranten sollen es gewesen sein, die im damals etwa 4.000 Einwohner zählenden Arbeiterbauerndorf Mössingen durch die Straßen und aus den Fabriken zogen. Es gelang ihnen, zwei der größten Betriebe am Ort stillzulegen, doch nach kurzer Zeit wird der „Mössinger Aufstand“ – wie ihn viele der damals Beteiligten nennen – durch massiven Polizeieinsatz abgebrochen. 80 Personen aus Mössingen und seinen Nachbargemeinden sind es dann, die für diesen vergeblichen Versuch, Terror und Krieg für Deutschland und Europa abzuwenden, ins Gefängnis oder ins KZ kommen – die meisten für einige Monate, manche für mehrere Jahre.

Vor knapp dreißig Jahren erschien endlich die erste Textsammlung und Dokumentation dieses außergewöhnlichen Ereignisses in Mössingen. Nun ist das Buch wieder zugänglich. Hermann Berner und Bernd Jürgen Warneken, die Herausgeber des Bandes „Da ist nirgends nichts gewesen außer hier! – Der Mössinger Generalstreik gegen Hitler“, widmen diese ergänzte und erweiterte Neuausgabe dem letzten Überlebenden der ehemaligen Generalstreiker, der im Alter von fast 102 Jahren im Januar 2010 gestorben ist: „Jakob Textor zu Ehren“. Jakob Textor war beim Generalstreik dabei und hatte durch viele öffentliche sowie nächtliche Aktionen vor dem Na­tionalsozialismus gewarnt. Sein spektakuläres Erklimmen des Kamins der Textilfirma Pausa, um dort die rote Fahne gegen Hitler zu hissen, bleibt im Gedächtnis.

Bei der Vorstellung des umfangreichen Werkes mit neuer Aufmachung verband Irene Scherer ihre Würdigung des Generalstreiks mit einem engagierten Plädoyer für Europa: „Die derzeitige Wirtschafts- und Finanzkrise in Europa hat eine ähnlich weit reichende Bedeutung wie der Fall der Berliner Mauer 1989. Es geht erneut um die Neuausrichtung Europas. Die Frage der Richtung steht wieder auf der Tagesordnung. Nicht die Rückwendung auf ein nationalstaatliches oder gar nationalistisches Denken ist gefordert, sondern die aktive Hinwendung zu einem Mehr an Europa ist unabdingbar. Es ist die Stunde von Vaclav Havel, Lew Kopelew und Adam Michnik: Die Demokratie verbündet sich mit Europa, nicht mit einem nationalen Rückschritt. Wir brauchen ein demokratisches und friedfertiges Gesamteuropa. Unsere Freunde in der Charta 77 in Prag sagten es in ihren Worten: Die Antwort auf Hitler heißt Europa.“ (Rede als pdf-Datei verfügbar). Ernst Blochs „Erbschaft dieser Zeit“ kann Pate stehen für ein Verständnis der Mössinger Ereignisse – damals und heute.  

(Hermann Berner, Bernd Jürgen Warneken (Hg.): „Da ist nirgends nichts gewesen außer hier!“ Der Mössinger Generalstreik gegen Hitler – Geschichte eines schwäbischen Arbeiterdorfes. ISBN 978-3-89376-140-1)