Zu Ehren des Bloch-Schülers Jürgen Teller – Geboren vor 100 Jahren – Online-Lesung am 3. Oktober 2026

Würdigung und Wertschätzung des Philosophen Jürgen Teller, einem engen Freund von Karola und Ernst Bloch. Jürgen Teller, der 1999 starb; wäre am 12. September einhundert Jahre alt geworden.

Einladung zur Online-Lesung via Zoom am 3. Oktober 2026 (Feiertag) um 18.00 Uhr

Briefe durch die Mauer – Eine Lesung zu Ehren von Jürgen Teller, der vor 100 Jahren geboren wurde. Erinnerung an den Leipziger Philosophen, Bloch-Schüler und Kritiker des SED-Staates

Es lesen Irene Scherer und Welf Schröter, beide vom Talheimer Verlag. Ein biografisches Grußwort spricht zu Beginn Dr. Elke Uhl (Stuttgart). Sie assistierte in den neunziger Jahren Jürgen Teller bei der Wahrnehmung seiner Honorarprofessur an der Universität in Leipzig.

Eine Online-Veranstaltung des Talheimer Verlages in Zusammenarbeit mit der Hans-Mayer-Gesellschaft, mit der Redaktion des „bloch-akademie-newsletters“ und der Redaktion des „www.bloch-blog.de“. Beginn am Samstag 3. Oktober 2026 um 18.00 Uhr. Eintritt frei.

Für die Übermittlung des Zoom-Zugangslinks wird um Anmeldung vorab gebeten mit einer Mail unter dem Stichwort „Teller“ an: schroeter@talheimer.de

Am 12. September 2026 wäre der Leipziger Philosoph, Kritiker der SED sowie Freund von Karola und Ernst Bloch 100 Jahre alt geworden. Er stirbt im Alter von 72 Jahren am 10. Juni 1999. Die Online-Lesung erinnert an den Leipziger Professor Dr. Jürgen Teller. Trotz Bedrängung und Verfolgung durch den DDR-Staatssicherheitsdienst behält der blochkundige Jürgen Teller seinen eigenständig unabhängigen Kopf.

Jürgen Tellers Denken und Handeln lässt sich nicht nur anhand seines fachlich-wissenschaftlichen Wirkens als Germanist und Lektor umreißen. Deutlich wird seine aufrechte Haltung gegen das DDR-Regime gerade auch in dem zeitgeschichtlich außerordentlichen Briefwechsel-Band unter dem Titel „Briefe durch die Mauer“, der zehn Jahre nach Jürgen Tellers Tod erscheint.

In der Zeit, als Ernst und Karola Bloch in Leipzig leben und Ernst Bloch an der dortigen Universität bis zu seinem Rauswurf lehrt, beginnt eine enge Freundschaft zu Jürgen Teller, dem Bloch-Schüler, sowie zu Johanna Teller. Nachdem die Blochs 1961 kurz vor der Schließung der Mauer bei einem Aufenthalt im Westen entscheiden, nicht mehr in die DDR zurückkehren, setzt sich die Freundschaft in einem jahrzehntelangen deutsch-deutschen Briefwechsel fort.

Eine oft verschlüsselte, über Jahrzehnte andauernde Korrespondenz zwischen DDR-Kritikern in Leipzig und BRD-Kritikern in Tübingen offenbart eine besondere Facette deutsch-deutscher Geschichte. Unter dem Titel „Briefe durch die Mauer“ haben Jan Robert Bloch, Anne Frommann, Irene Scherer und Welf Schröter den teilweise chiffrierten Briefwechsel zwischen dem Philosophen Ernst Bloch, der Architektin Karola Bloch, beide Tübingen, sowie dem Philosophen und Blochschüler Jürgen Teller und der Galeristin Johanna Teller, beide Leipzig, im Talheimer Verlag veröffentlicht. Unter den Decknamen „Marcion“, „Polonia“, „Major Tellheim“ und „Minna von Barnhelm“ senden die Oppositionellen-Ost über Jahrzehnte heimliche Botschaften an die Oppositionellen-West und umgekehrt.

Mit der Veröffentlichung des Briefwechsels entsteht ein Impuls für eine Erweiterung der Rezeption der Werke Jürgen Tellers, der in Leipzig als früherer Assistent Blochs unter der Drangsalierung der DDR-Staatssicherheit leidet. In diesem außergewöhnlichen Buch trifft sich die „andere“ DDR mit der „anderen“ BRD: Ein Dialog jener, die in ihren jeweils verschiedenen Gesellschaften zu oppositionellen Andersdenkenden werden. Die Lesung zeigt auch die bittere Ironie Tellers über das SED-Reich „Pachulkistan“ auf.

Aus mehr als zweihundert Briefen mit mehr als eintausend erklärenden Fußnoten entfalten sich die enttäuschten Hoffnungen zweier Generationen wie auch die Freude über den Sturz der SED. In den Kassibern werden viele Köpfe wieder lebendig: Hans Mayer, der in den Briefen an Bloch als „Literaturfreund“ benannt wird und bei dem Jürgen Teller nach dem Weggang Ernst Blochs promovieren will, Bertolt Brecht, Eberhardt Klemm, Uwe Johnson, Siegfried Unseld, HAP Grieshaber u.a.m.

Jahre später finden sich in Verstecken weitere Korrespondenzen. Sie sind vor den Hausdurchsuchungen der StaSi verborgen geblieben und erscheinen 2015 im Band „,Etwas, das in die Phantasie greift‘. Briefe von Karola Bloch an Siegfried Unseld und an Jürgen Teller.“

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Ausgewählte Literaturempfehlungen zum Weiterlesen

Jan Robert Bloch, Anne Frommann, Welf Schröter (Hg.): Briefe durch die Mauer. Briefwechsel 1954–1998 zwischen Ernst und Karola Bloch sowie Jürgen und Johanna Teller. 2009, 344 Seiten, ISBN 978-3-89376-113-5.

Irene Scherer, Welf Schröter (Hg.): „Etwas, das in die Phantasie greift“. Briefe von Karola Bloch an Siegfried Unseld und an Jürgen Teller. 2015, 392 Seiten, ISBN 978-3-89376-156-2.

Welf Schröter: „Sonst ist es fein still auf dem schneebedeckten Brachland Pachulkistans“ – Widerstehen durch die Mauer hindurch. Der deutsch-deutsche Briefwechsel von Johanna & Jürgen Teller (Leipzig) mit Ernst & Karola Bloch (Tübingen). Zum 20. Todestag von Jürgen Teller. In: Heidi Beutin, Wolfgang Beutin, Heinrich Bleicher-Nagelsmann, Michael Walter, Claudia Wörmann-Adam (Hg.): „Widerstand ist nichts als Hoffnung“. Widerständigkeit für Freiheit, Menschenrechte, Humanität und Frieden. 2021, 384 Seiten, S. 301–317, ISBN 978-3-89376-190-6.

Gert Roßberg: Es gibt Preise, die zahlt man nicht. Abschied von Jürgen Teller. In: Francesca Vidal (Hg.): Bloch-Jahrbuch 1998/99. Natur – Arbeit – Ästhetik. Anlässlich des fünften Todestages von Karola Bloch. 1999, 160 Seiten, ISBN 978-3-89376-086-2.

Ingrid Sonntag: Freundschaft als Refugium. Briefe zwischen Ernst & Karola Bloch und Jürgen & Johanna Teller. In: Irene Scherer, Welf Schröter (Hg.): Karola Bloch – Architektin, Sozialistin, Freundin. 2010, 392 Seiten, ISBN 978-3-89376-073-2.

Jürgen und Johanna Teller: Glückwunsch zum 86. Geburtstag. Brief an Karola Bloch. In: Irene Scherer, Welf Schröter (Hg.): Karola Bloch – Architektin, Sozialistin, Freundin. 2010, 392 Seiten, ISBN 978-3-89376-073-2.

Jürgen und Johanna Teller: „Dem Altern kann man halt nur mit Heiterkeit begegnen.“ Brief an Karola Bloch. In: Irene Scherer, Welf Schröter (Hg.): Karola Bloch – Architektin, Sozialistin, Freundin. 2010, 392 Seiten, ISBN 978-3-89376-073-2.

Jürgen Teller: Die große alte Dame der Linken. In: Anne Frommann, Welf Schröter (Hg.): „Ich gehe zu jenen, die mich brauchen“. Zum 85. Geburtstag von Karola Bloch. 1991, 192 Seiten, ISBN 978-3-89376-013-8.

Jürgen Teller: Die Zeit in der DDR. In: Anne Frommann, Welf Schröter (Hg.): Karola Bloch – Die Sehnsucht des Menschen, ein wirklicher Mensch zu werden. Reden und Schriften in zwei Bänden. Mit einem Nachwort von Jürgen Teller (1926–1999) und einem Beitrag von Hans Mayer (1907–2001) über Ernst Bloch. 1989/90, 340 Seiten, ISBN 978-3-89376-003-9.

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Philosophische Missverständnisse im Umgang mit der sogenannten „Künstlichen Intelligenz“

Wenn sich eine Gruppe von Menschen trifft und zwanglos über die Freude am Essen redet, zeigt sich nicht selten ein Missverständnis. Alle reden vom Essen, doch jede und jeder verbindet mit dem Wort Essen etwas anderes. Der eine Teil denkt an eine gesunde, wohlschmeckende und nachhaltig zubereitete Speise mit wenigen Essensresten als Abfall. Der andere Teil hat eine Nahrungsaufnahme im Fast-Food-Restaurant im Blick mit Standardware und einem großen Berg Plastikmüll. Für alle Beteiligten wird bald klar, Essen ist nicht gleich Essen.

Wenn sich eine Gruppe philosophisch geprägter Menschen begegnet, um über die Freude an der Sprache zu diskutieren, zeigt sich alsbald ein vergleichbares Missverständnis. Alle Beteiligten sehen sich als kompetent im Umgang mit der sogenannten „Künstlichen Intelligenz“. Der Fachbegriff der Annäherung der Gruppe an die vermeintliche „KI“ lautet „Sprachanalyse“. Alle Beteiligten wollen „sprachanalytisch“ vorgehen. Doch nach längerer Debatte wird immer deutlicher, dass Sprachanalyse nicht gleich Sprachanalyse ist.

Während die eine Seite sich unter Sprachanalyse einen computerlinguistischen Weg im Geiste Wittgensteins und Searles vorstellt und dabei die sprachsemantische Entleerungen mit Hilfe von Software-Modellen auf positivistischer Basis zugunsten mathematischer Handhabbarkeit anstrebt, wählt der andere Teil einen gegenläufigen Ansatz. Statt kontextloser Sprachanalyse und fehlender sozialer Gehalte der Sprache soll Sprachanalyse in gesellschaftliche Bedingungen und Zusammenhänge gefasst und materialistisch eingebettet sein.

In letztere fügen sich die philosophischen Auslegungen Helmut Fahrenbachs und Ernst Blochs ein. Deren Ansatz sprachanalytischen Vorgehens in jeweiligem Kontextbezug entzieht sich positivistischer Mathematisierung. Wer mit Hilfe Blochs und Fahrenbachs Denken die „Sprachmodelle“ sogenannter „KI“ begründen sowie fundieren zu können glaubt, irrt. Die Kontextsetzungen Fahrenbach‘scher und Bloch‘scher gesellschaftlicher Leitmotive folgen eher der Marcuse‘ischen Kritik an Wittgenstein. Es gibt keine gesellschaftspolitisch neutralen Sprachmodelle. So wie es auch keine neutrale Technik gibt. Sie tragen jeweils den Stand der gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse in sich.

Zukunftsweisendes sprachanalytisches Denken kann nicht kontextlos, entleert und geschichtslos erfolgen. Fahrenbachs wie Blochs offene Zielorientierung als Möglichkeit schließt zwar ein Scheitern im Sinne belehrter Hoffnung (Docta Spes) ein, verweigert sich aber einer Entpolitisierung und Entgesellschaftung. Auch die Algorithmen der „Großen Sprachmodelle“ (Large Language Models) sind zeitbezogen und somit an gesellschaftliche Rahmenbedingungen gebunden. Ich füge hinzu: Der Algorithmus ist selbst politisch. Er trägt die Widersprüche der eigenen Zeit mit sich.

Im Sinne Fahrenbachs gehört zur Sprachanalyse immer auch die Existenzanalyse. Die Sprache ist Medium des Denkens, des Erkennens und der Reflexion. Es bedarf der kritischen Sprachreflexion statt eines affirmativen Kopierens von Sprachmodellen.

Für Fahrenbach gilt die „dialektische Grundsituation der menschlichen Existenz“ (Problemlagen, 231): „Denn erst in der Perspektive des den Möglichkeits- und Zukunftshorizont erschließenden antizipierenden Bewusstseins wird die Möglichkeitsdimension der Welt und des Wirklichen selbst als objektives Korrelat entdeckt.“ (Fahrenbach, Problemlagen, 213).

Legt man diese Aussage zugrunde, wird Fahrenbachs Einordnung der notwendigen Hinwendung zum Thema Sprache deutlich: „Philosophie ist ihrer Reflexionsform (Methode) nach ein prinzipiell selbstreflektiertes Denken, das die im kritischen Denken sich erschließenden Voraussetzungen und Grenzen der Geltung von Erkenntnisansprüchen klärt und erörtert. Denken vollzieht sich wesentlich im ‚Medium‘ der Sprache bzw. als Sprechen (Rede), worin es allererst bestimmt, entwickelt, mitgeteilt und reflektiert wird – und zwar als ‚wissenschaftliches‘, methodisches Denken in der Weise begrifflichen Bestimmens und logischen Folgerns bzw. argumentativen Verknüpfens von Aussagen, sowie der kritischen Prüfung und Begründung ihres Sinnes und Wahrheitswertes. Philosophisches Denken muss sich in seiner transzendental-strukturellen Reflexionsbewegung – und als Metatheorie wissenschaftlicher Erkenntnis – methodisch auch auf die Analyse ‚sprachlogischer‘ Zusammenhänge richten, d.h. die Kriterien sprach- und begriffsanalytischer Klärung der Bedeutung von Ausdrücken und des Sinnes von Aussagen bzw. Fragestellungen sowie der argumentations- und diskurslogischen Prüfung des Geltungsanspruches von Tatsachen – Behauptungen, Theorien, Normen, Imperativen, Postulaten u.a. – klarlegen“. (Fahrenbach, Problemlagen, 125).

So betrachtet stellt das philosophische Werk Helmut Fahrenbachs keinen instrumentellen Baustein der auf der Wahrscheinlichkeits-Mathematik basierenden Sprach„analyse“ von digital-positivistischen Sprachmodellen sogenannter „KI“ dar. Fahrenbachs Ansatz formuliert das Gegenteil. Sein sprachanalytisches Denken entstand vor dem Auftritt angeblicher „Superintelligenz“ und ist objektiv dieser faktisch entgegengesetzt sowie in kritischer Distanz gesellschaftlich-emanzipatorisch in Richtung des Humanums erheblich voraus.

Wer heute Fahrenbachs Denken transhumanistisch eingemeinden und evolutionistisch-posthumanistischer Ideologie zuweisen will, dem sei geraten, das Werk Fahrenbachs zu lesen. Datenverarbeitung stellt kein Denken und kein Lernen dar. Es sind die Reflexionsfähigkeit und die Utopie- sowie Hoffnungsfähigkeit, die den Menschen prägen. „Mensch sein heißt wirklich: Utopie haben.“ (Bloch, Tübinger Einleitung).

(Ein Beitrag von Welf Schröter für bloch-blog.de)

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Verweise: Siehe Helmut Fahrenbach: Existenzanalyse und Sprachreflexion (2024; ISBN 978-3-89376-200-2) und Helmut Fahrenbach: Philosophie kommunikativer Vernunft (2022; ISBN 978-3-89376-196-8 und Helmut Fahrenbach: Problemlagen und Perspektiven der Philosophie im 20. Jahrhundert (2022; 978-3-89376-194-4). Siehe auch: www.bloch-blog.de/philosophie-existenzanalyse-sprachreflexion/

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Eröffnung der Sonderausstellung „Ernst und Karola Bloch – Eine fotografische Reise durch ein bewegtes Leben“

Einladung zur Eröffnung der Sonderausstellung „Ernst und Karola Bloch – Eine fotografische Reise durch ein bewegtes Leben“ mit einem Vortrag von Roland Beer „,…denn ohne Arbeit kann man nicht leben‘ – Die Architektin Karola Bloch“ am 27. August 2026 um 18.00 Uhr im Ernst-Bloch-Zentrum Ludwigshafen/Rhein. Eintritt frei.

Die Veranstaltung eröffnet Prof. Dr. Dr. Matthias Mayer vom Ernst-Bloch-Zentrum Ludwigshafen/Rhein. Ihm folgt ein Grußwort von Welf Schröter, Mitherausgeber der Texte und Schriften Karola Blochs im Talheimer Verlag. Im Hauptvortrag spricht Roland Beer über das Leben und das Werk der Architektin Karola Bloch (1905-1994).

Als Frau, Jüdin und Sozialistin behauptete sie sich mit starkem Willen in einer von Männern dominierten Welt, in Europa und den USA. In den 1950er-Jahren war sie die führende Planerin von Kindereinrichtungen in der DDR. Als Anhängerin des „Neuen Bauens“ stand sie für die Ideale der Architekturmoderne, mit besonderem Blick auf das Soziale und die Perspektive der Frauen.

Roland Beer ist freier Stadtplaner, Fotograf und Autor. Er studierte in Stuttgart, Kaiserslautern und Halle/Saale und lebt seit 2003 in Leipzig. Seit 2019 widmet er sich kultur- und architekturhistorischen Forschungsprojekten – darunter zum Architekten Otto Fischbeck, zu Karola Bloch und zur Malerin Ruth Eitle. Gemeinsam mit Claudia Lenz verfasste er das Buch „,…denn ohne Arbeit kann man nicht leben‘ – Die Architektin Karola Bloch“ (Talheimer Verlag).

Im Anschluss an den Vortrag wird die neue Sonderausstellung „Ernst und Karola Bloch – Eine fotografische Reise durch ein bewegtes Leben“ eröffnet.

Näheres zum bebilderten Beer/Lenz-Doppelband
http://bloch-blog.de/denn-ohne-arbeit-kann-man-nicht-lebendie-architektin-karola-bloch/

Lesungen über Karola Bloch zum Anhören: https://bloch-blog.de/karola-bloch/

Bücher zu Karola Bloch: https://bloch-blog.de/buecher-zu-karola-bloch/

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Der Philosoph Helmut Fahrenbach ist im Alter von fast 97 Jahren gestorben

In Trauer gibt die Redaktion des bloch-blogs den Tod des Philosophen Prof. Dr. Helmut Fahrenbach bekannt. Er starb wenige Tage vor seinem 97. Geburtstag in Tübingen.

Helmut Fahrenbach hinterlässt ein umfangreiches eigenständiges philosophisch-wissenschaftliches Werk. Im Zentrum seines Denkens stehen die von ihm neu angelegte „Philosophische Anthropologie“ und die Arbeiten für eine hoffnungsgeprägte „Philosophie kommunikativer Vernunft.“ Dabei bildete seine vorwärtstreibende Kritik an Ernst Blochs Hoffnungsbegriff eine wesentliche Ebene.

Fahrenbachs „Philosophie der Zukunft“ greift auf Einflüsse von Kant, Hegel, Kierkegaard, Marx, Löwith, Plessner und Jaspers zurück und setzt sich konstruktiv-kritisch mit dem Denken von Marx, Bloch, Sartre, Marcuse und Habermas auseinander. In seinen letzten Lebensjahren vollendete er im Talheimer Verlag seine zwölfbändige Werkausgabe, die von ihm am Ende noch um einen Ergänzungsband erweitert wurde. In einem Kurzvideo kann die Stimme Helmut Fahrenbachs gehört werden. Er skizziert darin Grundlinien seines Denkens.

Der im Jahr 1928 in Kassel geborene Autor studierte in Marburg und Heidelberg, promovierte im Jahr 1955 bei Karl Löwith über „Wesen und Sinn der Hoffnung“. 1956 kam er als Assistent zu Walter Schulz nach Tübingen. Seine Habilitation 1965 thematisierte „Ethische Existenz“ im Denken von Kierkegaard, Jaspers, Heidegger und Sartre. Von 1976 bis 1991 lehrte er Philosophie an der Universität Tübingen.

Fahrenbach wandte sich scharf gegen die die diktatorische Politik des Realsozialismus sowjetischer Prägung. Zugleich verteidigt er in seinem Gesamtwerk die Notwendigkeit eines demokratisch, auf Menschen- und Bürgerrechten aufgebauten Entwurfs eines pluralen sowie vernunftgeleiteten Sozialismus. Er plädierte zudem für die Erweiterung des Weltethos-Dialog-Konzepts von Hans Küng um wesentliche Bausteine der „Philosophie kommunikativer Vernunft.“

Zum Nachhören, Nachschauen und Nachlesen:

Ein Kurzvideo gibt Einsicht in die „Philosophische Werkausgabe“ von Helmut Fahrenbach: https://youtu.be/FQvep8qKuDY

Link zum Beitrag: Philosophie der Ermöglichung einer menschlichen Zukunft. Zum Tode von Helmut Fahrenbach. Erinnerungen an einen Philosophen. Ein Nachruf von Welf Schröter: https://bloch-blog.de/philosophie-der-ermoeglichung-einer-menschlichen-zukunft/

Link zu den Buchtiteln der Werkausgabe: http://bloch-blog.de/die-zwoelfbaendige-philosophische-werkausgabe-von-helmut-fahrenbach-ist-erschienen/

Helmut Fahrenbachs Ergänzungsband „Existenzanalyse und Sprachreflexion“: https://bloch-blog.de/philosophie-existenzanalyse-sprachreflexion/

Lesung aus dem philosophischen Werk Helmut Fahrenbachs beim „Tübinger Bücherfest 2025“ in den Räumen des Küngschen Weltethos-Instituts: https://bloch-blog.de/zum-nachhoeren-lesung-aus-dem-philosophischen-werk-helmut-fahrenbachs/

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Philosophie der Ermöglichung einer menschlichen Zukunft

Zum Tode von Helmut Fahrenbach. Erinnerungen an einen Philosophen.
Ein Nachruf von Welf Schröter

„Denn aus der Grundsituation und Bewusstwerdung des Menschen, dass er sein Leben als Aufgabe der Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung zu führen hat, entspringt das philosophische Fragen des Menschen nach sich selbst und den Bedingungen und Sinnmöglichkeiten seiner Existenz.“ In diesem Satz von Helmut Fahrenbach lässt sich das zentrale Leitmotiv seines philosophischen Denkens, seines wissenschaftlichen Arbeitens und seines gesellschaftspolitischen Handelns unzweifelhaft herauslesen. Fahrenbach, der Philosoph, und Fahrenbach, der Hochschullehrer, sowie Fahrenbach, der Materialist, waren sich der Einfachheit der Frage und der enormen Komplexität der Antwortsuche bewusst. Jener Schlüsselsatz lädt ein zu den Themen, die des Fragens würdig – also im Sinne Helmut Fahrenbachs „frag-würdig“ – sind. Doch auch für den dialektisch-widersprüchlichen Weg des Antwortens hatte er das Ziel der Praxis eines human-ethischen Regelwerks, einer „Philosophie kommunikativer Vernunft“ in Anlehnung an Jaspers sowie im Dialog mit Habermas vor Augen. Dabei blieb er präzisen Analysen einer komplexen Welt zugewandt, die – seiner wiederholten Ansicht nach – den Spuren der materialistischen Erkundung und Differenzierung methodisch folgen müssen.

Den Mittelpunkt seines belesen-umfassenden Gesamtwerkes bildet das umgewälzte Verständnis einer „Philosophischen Anthropologie“. Zurückgreifend auf Kant, Hegel, Kierkegaard. Löwith, Plessner und Marx ging er auf die Grundfrage des Menschen zu. Im Vorwort zum ersten Band seiner „Philosophischen Anthropologie“ fasste er auf Wunsch seiner Verlegerin Irene Scherer sein Anliegen in eigenen Worten zusammen: „Der Titel ,Philosophische Anthropologie‘ fungiert im Folgenden nicht als Bezeichnung für eine ,philosophische Teil-Disziplin‘, die sich ihrem systematischen Status und ihrer Reflexionsform nach von anderen philosophischen Problemstellungen (etwa ontologischen, erkenntnistheoretischen, moralphilosophischen) und von thematisch analogen wissenschaftlichen Fragestellungen (naturaler, sozialer, kultureller Anthropologie) unterscheidet. Er soll vielmehr die grundlegende und zentrale Thematik der Philosophie kennzeichnen, in der es um die Selbst- und Seins-Erkenntnis des Menschen geht, deren Ermöglichung allem konkreten und lebensbezogenem Philosophieren motivierend und sinngebend zugrunde liegt.“

In seinem Beitrag zum Band „Unterwegs zum Menschen“ unterstrich Martin Böhler die hohe Aktualität des Fahrenbachschen Ansatzes. Böhler schrieb: „Der von Interessen geleitete Verlust traditioneller, sicherer Fundamente seiner Selbstbestimmung (z.B. Religion, Humanismus) erzeugen für den modernen Menschen in der Tendenz eine prinzipielle Unsicherheit hinsichtlich seines Selbstverständnisses, was für ihn die Frage nach sich selbst um so dringlicher werden lässt: Was ist das – der Mensch? Was heißt es, ein Mensch zu sein? Die Antwort auf diese Frage ist die Aufgabe der Philosophischen Anthropologie.“

Das Fahrenbachsche Verstehen des Begriffes „Ermöglichung“ nimmt in kritischer Reflexion das theologische Wort der „Hoffnung“ auf, um es ins Diesseits wendend sowohl mit Bloch als auch in vorwärtstreibender Weise über Bloch hinaus ins Weltoffene, sich abkehrend vom Utopischen viel eher hin ins Konkret-Utopische auf der Basis eines antizipierenden wie auch eines antizipatorischen Bewusstseins praktisch werden zu lassen. Nicht nur in diesem Sinne ist Helmut Fahrenbachs Philosophie eine „Philosophie der Zukunft“.

In die Betonung des gesellschaftlichen Potenzials der Möglichkeit bzw. der Möglichkeiten bettet Fahrenbach die notwendige „Erschließung des Problemfeldes zwischen philosophischer Anthropologie, Ethik und Gesellschaftstheorie“ ein. Philosophisch begründet forderte er ein neues Aufeinanderzugehen der Gesellschafts- und Sozialwissenschaften in Richtung auf eine sich selbst hinterfragende Philosophie. In dem Großteils fehlenden Aufeinanderzugehen der genannten Disziplinen sah er eine strategische Lücke in der erforderlichen Interdisziplinarität.

In diese Lücke stieß Fahrenbach mit seiner Bloch-Rezeption, mit der er zu einer praktischen Philosophie aufrief: „Die faszinierenden und irritierenden Züge von Blochs Denken verstärken und komplizieren sich noch einmal dadurch, dass es Bloch nicht nur um Philosophie, sondern um deren wesentlichen Zusammenhang mit der marxistischen Theorie bzw. um unverkürzte ‚marxistische Philosophie‘ geht. In diesem Zentrum der Bloch’schen Philosophie bündeln sich Anziehungskraft und Irritation für Philosophen und Marxisten. Denn die von Bloch behauptete und in bestimmter Weise auch realisierte Einheit von Philosophie, auch als besonderer ‚aktiver Metaphysik‘ und marxistischer Theorie irritiert Philosophen und marxistische Theoretiker gleichermaßen, da beide doch zumeist auf gegenseitige ‚Aufhebung‘ oder zumindest auf kritische Unterscheidung bzw. abgrenzende Kritik eingeschworen sind.“

Die Rezeption durch Fahrenbach verbindet den Anspruch des Möglich-Verändernden mit dem Kommunikativ-Diskursiven: „Denn in einer sozio-kulturell differenten und politisch-ökonomisch disparaten Weltgesellschaft, deren Differenzen aber zugleich in einer komplexen Verflechtung und Abhängigkeit zueinander stehen, muss auf den verschiedenen Ebenen eine diskursiv kommunikative Verständigung über die allgemeinen und differenten Interessen und ihren Ausgleich gesucht werden, wenn gleichberechtigte Anerkennungsverhältnisse erreicht und der Weg zu einem solidarischen ‚weltbürgerlichen Zustand‘ beschritten werden soll.“

Deutlicher wird Fahrenbach in seinem Verständnis kommunikativer Vernunft, die er als „interkulturell notwendige Denkform“ betrachtet: „Kommunikative Vernunft ist die der selbstkritisch reflektierten Moderne zugehörige Vernunftform, die den Geltungsmodus und Wahrheitserweis von Erkenntnis- und Gewissheitsansprüchen kognitiv-theoretischer und normativ-praktischer Art weder subjektiven Evidenzen oder apriorischen Gewissheiten noch einer positivistisch oder instrumentell reduzierten Verstandes-Rationalität überantwortet, sondern – zumal in Dissenslagen – der kommunikativ-diskursiven Klärung, Prüfung und möglichen Verifikation im Sinne intersubjektiv allgemeiner Anerkennung bzw. Anerkennungsfähigkeit.“ Spätestens bei dieser Aussage wird die brennende Aktualität Fahrenbachschen Denkens angesichts militärischer Konflikt- und Kriegspropaganda und internet-algorithmischen Manipulierungsversuchen mehr als offensichtlich.

In den letzten Jahren ist es in der Öffentlichkeit um Helmut Fahrenbach nur scheinbar ruhiger geworden. Voller Energie und Tatendrang nahm er sich am Schreibtisch vor, sein schriftliches Werk zu sichten. Im Talheimer Verlag fand er einen Partner, mit dem er über rund zehn Jahre hinweg zwischen 2015 und 2025 seine letztlich zwölfbändige elf Titel enthaltende Gesamtausgabe zuzüglich eines Ergänzungsbandes publizieren konnte. Das Sortieren, Gliedern, Konzipieren, das Lektorieren und Korrigieren teilte sich der Autor mit der Übersetzerin der Schriften Ivan Golls, Monika Fahrenbach-Wachendorff, und dem Verlag.

Einige Wochen vor seinem Tod wurde das Gesamtwerk des Autors auf dem „Tübinger Bücherfest 2025“ gewürdigt. Im Beisein von Monika Fahrenbach-Wachendorff und weiterer Familienmitglieder lasen Irene Scherer und Welf Schröter aus mehreren Titeln der Gesamtausgabe. Die Lesung war eine Würdigung des Werkes und seines Autors wie auch Ausdruck besonderer Wertschätzung eines ungewöhnlich belesenen Denkers, der in freundlichem Ton auch enge intellektuelle Mitstreiter wie Bloch, Küng, Habermas mit Freude sachlich kritisch hinterfragte. In seiner „frag-würdigen“ Weise.

Zu Lebzeiten Helmut Fahrenbachs hat sich die Institution Universität von ihm abgewandt. Die Alma Mater hat die hohe Aktualität seines Denkens offiziell nicht zur Kenntnis nehmen wollen. Im Nachhinein gereicht dies – trotz aller Schmerzen der Enttäuschungen – ihm zur Ehre. Doch auch die Bloch-Community wollte mehrheitlich mit ihm nicht in Verbindung treten. Während dieser Teil der Community auf Themen wie Glücksphilosophie, Dekonstruktion und Ästhetik setzte, drängte Fahrenbach zur materialistischen Analyse, zum Fragen-Lernen, zur gesellschaftlichen Fundierung der Ethik und zur Kontroverse über die Universalität der Menschenrechte im Geiste eines zu erweiternden Weltethos-Gedankens. Für den genannten Teil der Community galt er zumeist als störend.

Für seine Störungen und seine Rolle als Störender sind wir ihm gerade dankbar. Sein klares Denken, seine präzise Analyse, sein Fragen waren anstrengend, fordernd, herausfordernd. Bertolt Brecht sagte einmal, der Kopf sei rund, damit das Denken die Richtung wechseln könne. Dieser nicht nur humorvoll zu nehmende Satz passt zum Autor Helmut Fahrenbach, der Bertolt Brecht sehr schätzte.

Es ist an der Zeit, dass ältere und junge Menschen dem aufrechten Gang wieder mehr Bedeutung beimessen, sich dem Abenteuer des Lesens, des Diskutierens, des Argumentierens zuwenden. Es gilt, im Fahrenbachschen Sinne das Fragen zu lernen, um Gegebenes hinterfragen zu können. Es ist an der Zeit, Mut zum Widerspruch zu entwickeln, Mut zu fassen, selbst denken zu wollen. Es gilt, erneut Antworten auf die Frage zu finden: Was ist der Mensch und was könnte er sein? Vielleicht hatte Karola Bloch schon eine der Antworten gefunden, als sie einst von der „Sehnsucht des Menschen, ein wirklicher Mensch zu werden“ sprach.

Es ist an der Zeit, sich Fahrenbachs „Philosophische Anthropologie“ vorzunehmen, um sie zu erkunden und mit anderen darüber zu reden. Das wäre der beste Weg, seinem Denken gerecht zu werden.

Helmut Fahrenbach starb am 12. Dezember 2025 in Tübingen. Wenige Tage später wäre er am 18. Dezember 97 Jahre alt geworden.

Einladung zum Online-Vortrag „Ungleichzeitigkeiten in den Erinnerungen an den Holocaust“

Einladung zum Online-Vortrag zur „Langen Nacht der Philosophie Zürich 2025“
„Ungleichzeitigkeiten in den Erinnerungen an den Holocaust“ am 21. November

„Ungleichzeitigkeiten in den Erinnerungen an den Holocaust – Philosophische Gedanken zum Dialog zwischen Nachkommen der Täter-Generation und den Nachkommen der Opfergeneration achtzig Jahre nach der Befreiung vom Nationalsozialismus“

Online-Vormittags-Vortrag mit Diskussion am 21. November 2025 von 10.00 Uhr bis 11.30 Uhr via Zoom veranstaltet vom Löwenstein-Forschungsverein e.V., dem Talheimer Verlag unterstützt von der Redaktion „bloch-akademie-newsletter“ sowie von der Redaktion der Zeitschrift „Latenz“. Referent: Welf Schröter, Mitherausgeber und Mit-Autor des Buches „Erinnerungskultur stärkt Demokratie“.

In diesem Jahr wurde zu zahlreichen Veranstaltungen aus Anlass des 80. Jahrestages des Endes des Zweiten Weltkrieges und der Befreiung vom Nationalsozialismus eingeladen. Immer wieder rückt dabei das Gedenken an den Holocaust, an die Shoah und an die Befreiung der NS-KZs wie Auschwitz, Bergen-Belsen u.a. in den Vordergrund. Es stellt sich die Frage, ob Erinnerung gleich Erinnerung ist. Wie erinnern sich Nachkommen der Tätergeneration? Wie erinnern sich Nachkommen der Opfergeneration? – Der Autor nimmt den philosophisch interpretierten Begriff der „Ungleichzeitigkeit“ zur Hand, um damit Unterschiede, Widersprüche und Gemeinsamkeiten zu verdeutlichen. Anhand von Beispielen für ungleichzeitiges Erinnern weist der Referent auf die Rolle der Sprache hin. Exemplarisch geht der Vortrag auf Opfer- und Täter-Kontroversen ein. Unter anderem beleuchtet er das Leben der Hitler-Gegnerin, Polin und Jüdin Karola Bloch (1905–1994) und die Geschichte der Rezeption des antisemitischen Verbrechens gegen die mit dem Bauhaus verbundene Mössinger Löwenstein’sche Pausa (1919–1936), einem vor 1933 künstlerisch innovativen Textilunternehmen in Süddeutschland.

Direkt-Link: https://www.langenachtderphilosophie.ch/speakers/erbschaften-vergangener-zeit-ungleichzeitigkeit-in-der-erinnerungskultur-nach-dem-holocaust/
Eintritt frei. Philosophische Vorkenntnisse sind nicht erforderlich. Nach Anmeldung bei schroeter@talheimer.de mit dem Stichwort „21.11.“ wird der Zoom-Link zugesandt.

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Zum Nachhören: Lesung aus dem philosophischen Werk Helmut Fahrenbachs

Die Bedeutung politischer Philosophie: Das Denken des Philosophen Helmut Fahrenbach – Ein Nachtrag zum „Tübinger Bücherfest 2025“

Wie kann Philosophie zur Verteidigung von Demokratie und Menschenrechten beitragen? Welche Relevanz kann einer politisch-praktischen Philosophie zugesprochen werden? Der mehr als 95jährige Tübinger Philosoph Helmut Fahrenbach gibt in seiner nun abgeschlossenen Werkausgabe Antworten auf diese Fragen. Dabei steht seine „Philosophische Anthropologie“ als politisch eingreifendes Denken im Vordergrund. Die Verteidigung und Sicherung der Menschenrechte bedürfe einer Praxis kommunikativer Vernunft. Der Philosoph plädiert aus der Perspektive einer „Philosophischen Anthropologie“ für eine praktisch werdende „Philosophie der Zukunft“.

Die Aufzeichnung einer Lesung während des „Tübinger Bücherfestes 2025“ aus dem Gesamtwerk führt in das Denken Fahrenbachs ein und motiviert zum Selbstlesen: https://youtu.be/5HMo_1jMXZI

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Philosophieren ist nun einmal kein standpunktloses Unternehmen

Philosophieren ist nun einmal kein standpunktloses Unternehmen. Lesung am Sonntag 28. September 2025 um 15.00 Uhr in den Räumen des Weltethos-Institutes Tübingen, Hintere Grabenstraße 26

In einer großen Anstrengung veröffentlichte der Tübinger Philosoph Helmut Fahrenbach sein fachliches Gesamtwerk. In zwölf Bänden plus einem Ergänzungsband entstand die Talheimer Ausgabe. In einem Zeitraum von neun Jahren wurden die dreizehn Bücher nach und nach verlegt. Die Edition der Ausgabe wurde anlässlich Helmut Fahrenbachs 95. Geburtstag vollendet. Der Philosoph Helmut Fahrenbach entwickelt seine eigenständige Philosophie auf Grundlage der kritischen Rezeption der Werke von Kant, Hegel, Marx, Löwith, Jaspers, Plessner, Kierkegaard, Wittgenstein, Sartre, Bloch, Marcuse, Lefebvre, Fromm und Habermas.

„Fahrenbachs Werk kommt zur richtigen Zeit. Während durch Globalisierung, Robotik und Digitalisierung das aufgeklärte Menschenbild immer mehr in Frage gestellt wird, verteidigt der Autor die Selbstbestimmung des Einzelnen in solidarisch-gesellschaftlicher Emanzipation. Fahrenbach bietet Antworten auf grundlegende, immer noch aktuelle Fragen nach den Potenzialen der Humanitas. Es geht um die philosophisch-politische Erbschaft der Citoyennes und der Citoyens sowie der Stabilisierung und Weiterentwicklung der Freiheit. Helmut Fahrenbach entfaltet die Philosophie der Hoffnung zu einer Lebensphilosophie der Zukunft.“ (Talheimer Verlag)

In ihrer Lesung haben Irene Scherer und Welf Schröter, beide vom Talheimer Verlag, Passagen aus Helmut Fahrenbachs Werk ausgewählt, die sich mit Fragen der Hoffnung, der Philosophie der Zukunft, des Menschenbildes, der Menschenrechte befassen. Neben der „Philosophischen Anthropologie“ kommt auch Fahrenbachs Rezeption des Küng’schen Weltethos-Gedankens zur Sprache. Eintritt frei.

Wer sich einen Überblick über die Werkausgabe verschaffen will, kann in einem 13-minütigen Video mit einem O-Ton des Autors sowie in der Gesamtschau der Bände einen Zugang finden. Siehe: https://youtu.be/FQvep8qKuDY und insbesondere https://bloch-blog.de/die-zwoelfbaendige-philosophische-werkausgabe-von-helmut-fahrenbach-ist-erschienen/

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Zum 120. Geburtstag Karola Blochs und zum 140. Geburtstag Ernst Blochs

2025 – Ein Jahr der Erinnerungsanlässe: Der 120. Geburtstag Karola Blochs,
der 140. Geburtstag Ernst Blochs, der 15. Todestag Jan Robert Blochs und
der 80. Jahrestag der Zerschlagung des Hitler-Regimes durch die Alliierten

„Wir haben eine Architekturfirma zusammen, in der statt Architektur Philosophie gemacht wird“ (Karola Bloch)

Es war Walter Jens, der in seinen besten Zeiten im Großen Saal des Landestheaters Tübingen anlässlich des 85. Geburtstages von Karola Bloch in Anwesenheit der Jubilarin vor aller Öffentlichkeit feststellte, dass sie die entschieden Linkere im Duo Bloch gewesen sei. Er verband – ganz im Einklang mit Hans Mayer – damit einen Blick auf das Paar Ernst und Karola Bloch, der beide Ehepartner auf gleicher Augenhöhe verortete. Er sprach humorvoll von einer einträchtigen Zwietracht, einer concordia discors. Er unterstrich die produktive Spannung zweier Menschen, zwischen denen keine Hierarchie herrschte, sondern gleichberechtige Ausprägungen analytisch-politischen Denkens. Das Paar wollte gemeinsam im selben Grab beerdigt sein. Gleich und gleichberechtigt nebeneinander.

Am 22. Januar 2025 jährte sich der Geburtstag Karola Blochs zum 120. Mal. Am 8. Juli 2025 liegt die Geburt Ernst Blochs 140 Jahre zurück. Vor 15 Jahren starb der Naturwissenschaftler und Philosoph Jan Robert Bloch, der Sohn des Paares. Eine solche Daten-Trinität verlangt nach Erinnerungen, nach Reflexion, nach Kritik.

Als Ernst und Karola Bloch 1961 das letzte Mal in ihrem Leben ihren bisherigen Handlungsmittelpunkt verließen, um von Leipzig nach Tübingen, von Ost nach West zu wechseln, begann zugleich ihr letzter gemeinsamer Lebensabschnitt. Sie starben in Tübingen. Auf der Flucht vor dem Nationalsozialismus waren sie von Berlin nach Zürich, Wien, Paris, Prag, in die USA und Ende der vierziger Jahre nach Leipzig gezogen. Die Vertreibung ins Exil behinderte und beeinträchtigte ihre Lebensträume, ihre Lebensleistungen und ihre Lebenswerke.

Es schien, dass sie beide in der Neckarstadt eine neue gemeinsame Arbeitsgrundlage für sich geschaffen hatten. In einem Brief an Irene Henselmann beschrieb – wie Roland Beer und Claudia Lenz hervorheben – Karola Bloch 1968 recht humorvoll ihre neue Situation: „Ernst sagt, wir haben eine Architekturfirma zusammen, in der statt Architektur Philosophie gemacht wird. Und ich muss Dir sagen, dass trotz der Traurigkeit, dass Ernst nicht mehr lesen kann (…), macht mir diese ,Firma‘ viel Spass, denn es ist so schön mit ihm zusammen zu arbeiten.“

Diese durchaus humorvolle Formulierung trifft einen Kern: Während in den Exiljahren Karola Bloch den Unterhalt verdienen musste, weil Ernst Blochs deutschsprachige Werke im Ausland kaum verlegerische Interessen weckten, arbeiteten in der Tübinger Zeit beide tatsächlich am selben Arbeitsthema. Die Edition der Briefe Karola Blochs an den Suhrkampverleger Siegfried Unseld in dem Band „Etwas, das in die Phantasie greift“ bezeugen die neue Rolle Karola Blochs: Sie hat faktisch das Editionsmanagement der Ernst-Bloch-Gesamtausgabe weitgehend mitbetreut, wenn nicht gar vielfach gesteuert.

Während in den Exilstationen und in der Leipziger Zeit beide Blochs ihren jeweiligen Berufen in eigener Dynamik folgten, wendete sich ab 1961 das Blatt. Karola Bloch gab ihren Beruf als Architektin auf. Für westdeutsche Augen und Ohren erschien sie nun als „Frau von“. In den Exil-Jahren davor war Ernst Bloch der „Mann von“. Für die Öffentlichkeit der BRD blieben die beruflichen Leistungen, ihr Lebenswerk, verdeckt. Erst posthum – viele Jahre nach ihrem Tod – wird das Profil Karola Blochs als hochkompetente und wirtschaftlich selbstständige Architektin des „Neuen Bauens“ erkennbar.

Doch die Rezeptionsgeschichte des Lebenswerkes der Architektin steht nach ihrem Tod lange unter dem Schatten eines partiellen Machismo in der Bloch-Community. Ihr, die am Bau von Hochhäusern, Theatern und Kindereinrichtungen maßgeblich mitwirkte, wird – eineinhalb Jahrzehnte nach ihrem Ableben – aus der Mitte der Bloch-Community die Fähigkeit des Denkens abgesprochen. Ein diskriminierender Vorgang. Auf diesen Akt folgte aus der Community vor allem Schweigen. Noch immer steht diese Herabwürdigung ohne deutlichen Widerspruch bis heute im Raum.

Mehr noch: Rezeptionsgeschichtlich wird zudem eine wesentliche Faktenfolge umgedreht. Die Umwertung will der Architektin den Vorwurf der dogmatischen Sowjet-Ideologisierung machen. Abgrenzend soll man dagegen das Werk Blochs – wohl eher entpolitisierend – ästhetisch und literarisch neu lesen. Karola Bloch wird rückwirkend zu einer Art moskautreuer Doktrinärin verzaubert. Es würde – so lautet die versteckte Argumentation – der Erinnerung an Karola Bloch schaden, wenn man ihre Werke und Texte aus der DDR-Zeit heute neu veröffentlicht. Ein Ton der umgedrehten Rezeption.

Es war Ernst Bloch, der Stalin eine publizistische Verbeugung zollte, während Karola Bloch sich für Flüchtlinge einsetzte, die vor Stalin flohen. Es war Ernst Bloch, der den DDR-Nationalpreis entgegennahm, während die Architektin Bloch die SED kritisierte. Es war Karola Bloch, die sich dafür einsetzte, nicht nach Moskau sondern in die USA zu fliehen. Es war Karola Bloch, die in Leipzig der SED „roten Faschismus“ vorwarf und nach Denkmälern für die Stalinopfer rief. Dies bezeugte Jürgen Teller. Ernst Bloch korrigierte schließlich seine Wertung Stalins und gestand seinen Irrtum ein.

Vor diesem Hintergrund war es ein wichtiger Schritt und eine große Leistung, dass das Team Beer/Lenz in unabhängiger Arbeit alle findbaren Texte der Architektin aus ihrer Leipziger Zeit ungekürzt veröffentlichte.

Die Entdeckung bzw. Wiederentdeckung des Lebensweges und des Lebenswerkes der Architektin des „Neuen Bauens“ erlaubt die Verschiebung der Schwerpunkte innerhalb der Bloch Communities. Die Betrachtung der Leipziger und Tübinger Zeit der Blochs ebnet den Weg zur Sichtung der Werkgemeinsamkeit und zur Eröffnung der Möglichkeit, das Verbindende der beiden Hitlergegnerschaften herauszuheben.

Wir sollten den 120. Geburtstag Karola Blochs und den 140. Geburtstag Ernst Blochs zum Anlass nehmen, die Diskussion über die Werke beider Blochs frei von konservierender Diskriminierung und frei von alt-antikommunistischen Vorurteilen mutig neu zu entfachen.

Wir sollten beide Blochs würdigen, auf gleicher Augenhöhe in ihrer beruflichen Unterschiedlichkeit, wie sie sich selbst gesehen haben in ihrer „Architekturfirma“. Warum jetzt? Weil eine alte neue Diskriminierung sich anschleicht. Im Vorfeld der Lesung zum Leben Karola Blochs kürzlich in Albstadt weigerte sich eine Buchhandlung für die Veranstaltung zu werben, weil Karola Bloch eine Jüdin war.

Erinnern wir uns dabei an Jan Robert Bloch. Er wünschte sich im Jahr 2000 – zehn Jahre vor seinem plötzlichen Tod – ein „Forum für kämpfende Humanität“ als Perspektive der Bloch-Community. Dieser Wunsch wurde 25 Jahre danach noch nicht eingelöst. Heute stünden die Verteidigung der Menschenrechte und der rechtstaatlichen Demokratie, der Widerspruch gegen Antisemitismus und Rassismus sowie der Einsatz für gerechten Frieden und Klimaschutz im Vordergrund einer „kämpfenden Humanität“. Blochs Verständnis von Ungleichzeitigkeiten und antizipatorischem Bewusstsein – auch im Sinne Helmut Fahrenbachs – könnten einem solchen Vorgehen zugrunde liegen. Weniger Innenzentrierung mehr Interventionen sind erforderlich. Vor gesellschaftspolitischem und zugleich parteiunabhängigem Denken muss man keine Furcht spüren.

Es wäre zudem an der Zeit, die Versäumnisse des Jahres 2024 zu korrigieren. Anlässlich des 30. Todestages Karola Blochs im vergangen Jahr ist es nicht gelungen, eine Veranstaltung zu ihrer Würdigung im Ernst-Bloch-Zentrum durchzuführen. Die Daten-Trinität in diesem Jahr wäre eine Chance, eine Würdigung der Architektin nachzuholen und dem Blick, den die Blochs auf sich selbst hatten, zu folgen.

Wenn wir uns in diesem Jahr der Zerschlagung des Hitler-Regimes und der Befreiung durch die Alliierten vor nunmehr achtzig Jahren erinnern, ist es an der Zeit, wieder Karola Bloch nachzulesen – auch und gerade gegen die männlich-überdrehte Perspektive. Sie schrieb: „Unmündigkeit ist trotz größter zivilisatorischer und kultureller Entfaltung nach wie vor geblieben. Unsere Aufgabe ist es, unaufhaltsam aufzuklären, das Bewußtsein des Menschen wachzurütteln. Andere Waffen haben wir nicht“ (Karola Bloch).

Lesehinweise: Irene Scherer, Welf Schröter (Hg.): „Etwas, das in die Phantasie greift“. Briefe von Karola Bloch an Siegfried Unseld und an Jürgen Teller. 2015, 392 S., ISBN 978-3-89376-156-2. // Roland Beer, Claudia Lenz: „… denn ohne Arbeit kann man nicht leben“. Die Architektin Karola Bloch. 2022, 2 Bände, 696+4 S., ISBN 978-3-89376-187-6. // Näheres zum bebilderten Doppelband Beer/Lenz siehe: http://bloch-blog.de/denn-ohne-arbeit-kann-man-nicht-lebendie-architektin-karola-bloch/ // Irene Scherer, Welf Schröter (Hg.): Karola Bloch – Architektin, Sozialistin, Freundin. 2010, 392 S., ISBN 978-3-89376-073-2. // Francesca Vidal (Hg.): Bloch-Jahrbuch 2010. Experiment Welt. Zum 125. Geburtstag von Ernst Bloch – In Erinnerung an Jan Robert Bloch. 2010, 160 S., ISBN 978-3-89376-136-4. // Bücher von sowie über Karola Bloch siehe: https://bloch-blog.de/buecher-zu-karola-bloch/

Lesung für Karola Bloch

In Erinnerung an Karola Bloch fand im Rahmen der „Literaturtage 2024 Albstadt“ eine öffentliche Lesung statt unter dem Titel >> Karola Bloch: „Ich gehe zu jenen, die mich brauchen, nicht zu denen, die ich brauche“. Über das Leben der Hitlergegnerin und Stalinkritikerin, der Jüdin Karola Bloch (1905–1994). << Die Lesung wurde aufgezeichnet und ist als Audiodatei nun zugänglich:

https://www.youtube.com/watch?v=xxqf7Za6vNE

Ihr Leben lang wandte sich Karola Bloch gegen Antisemitismus und Rassismus. Die Polin und Jüdin, Architektin und Bürgerrechtlerin musste immer wieder vor Hitlers Angriffen fliehen. Von Berlin nach Zürich, Wien, Paris, Prag, New York sowie nach 1945 Leipzig und Tübingen verliefen ihre Exilspuren. Das Ja zum solidarischen Miteinander und das Nein gegen autoritäre Politik prägten ihre Haltung. Stets stand sie auf der Seite von Verfolgten und Geflüchteten. Ein Leben im und für das Widerstehen. Welf Schröter, der Karola Bloch in deren letzten fünfzehn Lebensjahren begleitete, liest zusammen mit Irene Scherer aus autobiografischen Texten, Reden und Briefen dieser emanzipierten Frau.

Organisiert wurde der Abend im Rahmen des Projektes „Demokratie auf Spurensuche“ von der Jugendinitiative „Immerwaslos“ sowie weiteren Partner:innen. „Demokratie auf Spurensuche“ will helfen, junge Menschen nachhaltig aufzuklären und ihnen im Umgang mit Extremismus und Populismus beizustehen. Siehe: www.immerwaslos.org

Informationen und Audiodateien zu Karola Bloch: https://bloch-blog.de/karola-bloch/

Bücher von und über Karola Bloch: https://bloch-blog.de/buecher-zu-karola-bloch/

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