Bloch-Wörterbuch

Das Werk mit seinen 744 Seiten hat Gewicht, nicht nur, wenn es dem Leser in die Hand fällt. Das neue „Bloch-Wörterbuch“ stellt einen wichtigen Meilenstein der aktuellen fachlichen Bearbeitung des philosophischen Denkens von Ernst Bloch (1885–1977) dar.

Den Herausgebern Beat Dietschy, Doris Zeilinger und Rainer Zimmermann ist eine außergewöhnliche Leistung gelungen, die zurecht als Zwischenbilanz derzeitiger Bloch-Forschung, als „wissenschaftliches Handbuch, das den Stand der Forschung dokumentiert“ (Vorwort der Herausgeber), bezeichnet werden darf.

Das im Hardcover gebundene Teamergebnis eines von 22 Autorinnen und Autoren geschaffenen Arbeitsprozesses wendet sich primär an Interessierte aus Fachwissenschaften (Philosophie, Gesellschaftswissenschaften, Natur- und Technikwissenschaften), in zweiter Linie an „nichtprofessionelle LeserInnen“. Die Verfasser gehören den beiden Organisationen Ernst-Bloch-Assoziation und Ernst-Bloch-Gesellschaft an. In Abgrenzung zu in Universitäten immer wieder auftretenden Versuchen, Ernst Bloch auf die Rolle eines Literaten zu reduzieren, beansprucht das „Bloch-Wörterbuch“ bewusst die Perspektive, Bloch in seiner „explizit marxistische[n] Ausrichtung“ zu begreifen und die Ganzheitlichkeit seines Ansatzes zu betonen.

Das Wörterbuch besteht aus 46 Einzelarbeiten, die sich auf mehr als 46 zentrale Begriffe Blochs konzentrieren. Die Leitwörter reichen von „Antizipation“ bis „Zeit“ und umfassen nicht nur bekannte Themen wie etwa „Spuren“, „Naturallianz“, „Tendenz“ oder „Ungleichzeitigkeit“, sie umgreifen dankenswerter Weise auch weniger häufig verwendete Bloch-Motive wie „Fortschritt“, „Freiheit“, „Multiversum“ oder „Ultimum“. In der Regel werden die Fachbegriffe zunächst philosophiegeschichtlich und disziplinär eingeordnet, bevor ihre jeweilige Bedeutung in der Blochschen Konditionierung und im Blochschen Kontext dargelegt wird. Zu den besonderen und hervorzuhebenden Beiträgen in dem Band gehören neben den Texten von Doris Zeilinger zu „Latenz“ und „Natur“ vor allem auch die Arbeiten von Rainer Zimmermann zu „Naturallianz/Allianztechnik“, zu „Natursubjekt“ und „Naturrecht“ sowie die 44-seitige Aufarbeitung des von Bloch verwendeten Begriffes der „Ungleichzeitigkeit“ durch Beat Dietschy.

Letzterer erhebt die Wissenschaft zugleich zum Lesevergnügen, wenn er den Begriff „Ungleichzeitigkeit“ werkgeschichtlich durch die verschiedenen zentralen Werke Blochs verfolgt. Nicht vergessen werden darf die lesenswerte Abhandlung des verstorbenen Hans-Heinz Holz zu „Metaphysik“. Hinzuweisen gilt es auf den Abschnitt zu „Marxismus“ von Wolfgang Fritz Haug, der seinen Beitrag mit dem Hinweis Blochs auf die Notwendigkeit einer „Wärmestromwissenschaft“ krönt, die dem Marxismus hinzugefügt werden müsse. Ungemein anregend ist Heiko Hartmanns Beitrag zu „Atheismus“, den er konsequent als Teil eines Humanisierungsprozesses offenbart. Heiko Hartmann ist es zu verdanken, dass das „Bloch-Wörterbuch“ überhaupt verlegt werden konnte. Eine gute Gesamtleistung wie das „Bloch-Wörterbuch“ verdient neben der positiven Würdigung zugleich ein paar kritische Anmerkungen.

Es ist schade, dass das Redaktionsteam darauf verzichtet hat, zwei zusätzliche Stichworte in die alphabetische Gestaltung des Bandes aufzunehmen: Es fehlen die eigenständigen Leitworte „Musik“ und „Arbeit“. Bloch schrieb zwar kein eigenes Manuskript zum Arbeitsbegriff, dennoch durchzieht sein an Marx angelehntes Verständnis der Emanzipation und seine Entfremdungskritik das Noch-Nicht. Die Worte „Musik“ und „Arbeit“ finden im Wörterbuch immer wieder in einzelnen Texten Erwähnung, doch sind beide Stichworte für das Blochsche Gesamtwerk von nicht unerheblicher Bedeutung. Das Fehlen hinterlässt  noch zu schließende Lücken.

(Beat Dietschy, Doris Zeilinger, Rainer Zimmermann (Hg.): Bloch-Wörterbuch. Leitbegriffe der Philosophie Ernst Blochs. De Gruyter, Berlin 2012, 744 S.)

Verstrickt ins Hier

(Foto: © Welf Schröter)

Im Jahr 1926 wurden sie Freunde, der Soziologe und Geschichtsphilosoph Siegfried Kracauer und der Philosoph Ernst Bloch. Während „Krac“ – wie ihn später Karola Bloch freundlich nannte – sich mehr dem Frankfurter Institut für Sozialforschung um Theodor Adorno annäherte, wandte sich Bloch mehr dem Marxschen Denken und dem Materialismus zu. Verbunden hatte beide Denker das Ringen um Entzauberung und Entmythologisierung im gesellschaftlichen Diskurs.

Im Jahr der beginnenden Freundschaft zu Ernst Bloch schreibt Kracauer 1926 an diesen: „Gerade das Entschleiern und Bewahren zusammen erscheint auch mir als das von einem letzten Aspekt aus Geforderte, und als großes Motiv dieser Art von Geschichts-Philosophie würde ich das Postulat ansprechen, daß nichts je vergessen werden darf und nichts, was unvergessen ist, ungewandelt bleiben darf.“

Zu Ernst Blochs 80. Geburtstag am 8. Juli 1965 pointiert Kracauer: „Daher meine Überzeugung, daß einer, der nicht verstrickt ins Hier ist, niemals in ein Dort gelangen könne.“

Kracauer – wie Bloch aus einem jüdischen Elternhaus kommend – flieht vor den Nazis nach Amerika. Auf eigene Weise hatte er die Gründe für die Machtbasis Hitlers vor allem in der sich verändernden ökonomischen Lage der Angestellten analysiert. Anders als Bloch will Kracauer nach 1945 nicht mehr in das Nachkriegsdeutschland zurückkehren. Er bleibt in den USA.

Doch die Freundschaft zwischen Siegfried und Lili Kracauer sowie Ernst und Karola Bloch bleibt herzlich und humorvoll leicht. Schmunzelnd formuliert Karola Bloch in ihrem Brief vom 21. Juni 1962 Richtung USA: „Die Männer habens besonders leicht – sie altern ja gar nicht.“

Am 8. Februar 2014 jährt sich Siegfried Kracauers Geburtstag zum 125. Mal.

(Näheres zu Kracauer siehe: http://www.polunbi.de/pers/kracauer-01.html)

Ausdruck der gequälten Kreatur

Pfarrer i.R. Albrecht Esche (Foto: © Welf Schröter)

„Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt der herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volkes.“ Mit diesem Zitat von Karl Marx aus dessen „Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“ eröffnet der engagierte Christ und Pfarrer im Ruhestand Albrecht Esche eine neue Diskussion über die Motive des Widerstandes gegen Hitler. Dabei verweist er nebenbei auch auf die inneren ungleichzeitigen und unabgegoltene Spuren im Denken von Marx. Er trage „jüdische Traditionen und Bilder in sich, die jahrtausendealt sind.“

Nach Marx ist die Religion – so Esche – „Ausdruck der gequälten Kreatur gegen Ausbeutung, Willkür, Ungerechtigkeit und Unterdrückung. Also verbirgt sich in religiösen Welten auch das Potenzial eines Aufbegehrens, eines protestantisch anmutenden Aufschreis.“ Der Protestant wendet sich einem einzigartigen geschichtlichen Vorgang zu, nämlich dem „Mössinger Generalstreik“ am 31. Januar 1933 gegen die Machtübergabe an Hitler. Unter dem Titel „Kommunistische Utopie und pietistische Endzeit-Erwartung“ spürt Esche den Wurzeln des rebellischen schwäbischen Geistes nach.

Waren die Mössinger Arbeiterinnen und Arbeiter, Handwerker und Arbeitslose in hohem Maße von pietistischen Hoffnungen auf eine diesseitige Utopie, auf das Paradies auf Erden, nicht im Himmel geprägt? Albrecht Esche sieht in der individuellen Opferbereitschaft der damaligen Nazigegner, die aus Briefen aus dem Gefängnis erkennbar werden, einen starken Nachklang pietistischer Haltungen. Können Pietismus und Marxismus zusammen gedacht werden? Der Christ Esche bejaht.

Am Beispiel des jungen sozialistischen, pietistischen Christen Christoph Blumhardt zeigt er die Verknüpfung. Blumhardt habe sich auf das Bibelzitat gestützt: „Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Friede und Gerechtigkeit und Freude im Heiligen Geist.“ Esche überträgt in die Gegenwart: „Übersetzt man ,Freude im Heiligen Geist‘ mit Solidarität, dann hat man die drei Kampfbegriffe der Arbeiterbewegung um 1900: ,Gerechtigkeit – Frieden – Solidarität‘. Blumhardt erklärte einst: „Jesus starb als Sozialist, die Apostel – Fischer von Beruf – waren Proletarier“.

Für Esche ist der Pietismus aus historischer Sicht (nicht aus theologischer) eine aufsässige „Emanzipationsbewegung von unten“, die der kirchlichen und sonstigen Obrigkeit das alleinige Recht der Bibelinterpretation absprach. Die kommunistischen Generalstreiker in Mössingen hätten die „Unbedingtheit“ ihres Handelns zum Teil aus dem verinnerlichten Konfirmations-Katechismus übernommen: „Herr Jesu, dir leb ich, dir leid ich, dir sterb ich. Dein bin ich tot und lebendig. Mach mich, o Jesu, ewig selig.“ An die Stelle von Jesus trat die konkrete Utopie einer anderen Gesellschaft.

Albrecht Esche unterstreicht die Spuren, die auch zum Mössinger Generalstreik führten: Es war „viel eher eine christlich inspirierte Zukunftshoffnung auf eine Welt, in der Frieden, Gerechtigkeit und Solidarität herrschen.“ Die Mössinger Kommunisten könne man ohne den örtlichen Pietismus nicht verstehen.

Die Ungleichzeitigkeit und Unabgegoltenheit dörflicher Emanzipationshoffnungen sind noch immer spürbar.