Einladung zu Online-Lesungen in der Reihe „Kristalle der Hoffnungen“ im Rahmen von “30 Tage im November – Vom Wert der MenschenRechte”

Die Fähigkeit zu hoffen, stellt eine wesentliche Lebensbedingung des Menschen dar. Das Hoffen spiegelt nicht nur die persönliche und private Sehnsucht. Hoffnungen müssen auch enttäuscht werden, um lernen zu können. Die solcherart „belehrte Hoffnung“ eröffnet den Weg zur Humanisierung des Menschen. Hoffnungen des einzelnen Menschen können Realität werden, wenn sie sich zu gemeinsamen gesellschaftlichen Hoffnungen auf Wandel entwickeln. „Kristalle der Hoffnungen“ sind die Vorboten gesellschaftlicher Hoffnungserfüllungen. Lassen Sie uns solche „Kristalle der Hoffnungen“ in Lesungen und Vorträgen auffinden. Dabei folgen wir den Spuren von Menschen, die ihren Hoffnungen verbunden geblieben sind.

Die Online-Veranstaltungsreihe „Kristalle der Hoffnungen“ als Teil der Reihe „30 Tage im November“ wird getragen von: Redaktion „Latenz“, Redaktion „bloch-akademie-newsletter“, Löwenstein-Forschungsverein e.V., Hans-Mayer-Gesellschaft e.V. und Talheimer Verlag.

Online-Veranstaltungsreihe „Kristalle der Hoffnungen“ im Rahmen des Projektes „30 Tage im November – Vom Wert der MenschenRechte”. Öffentliche Veranstaltungsreihe vom 27. Oktober bis 04. Dezember 2022. Siehe: https://30tageimnovember.de/

Anmeldung bei schroeter@talheimer.de mit Angabe des Datums der gewünschten Veranstaltung. Wer sich anmeldet, erhält einen Zoom-Link zugesandt. Eintritt frei.

Freitag, den 4. November 2022 von 17.30 Uhr bis 18.45 Uhr
„Widerstand ist nichts als Hoffnung“
Online-Lesung aus dem Buch „Widerstand ist nichts als Hoffnung“. Es lesen Heinrich Bleicher (Vorsitzender der Hans-Mayer-Gesellschaft e.V.) und Welf Schröter (Redaktion bloch-akademie-newsletter). Erinnerungen an den „Dichter der Résistance“ René Char, an den spanischen Schriftsteller, Jorge Semprún, einem Gegner von Hitler und Franco sowie an den DDR-Oppositionellen Jürgen Teller. Länge ca. 50 Minuten plus anschließendes Gespräch.

Lesehinweis: Heidi Beutin, Wolfgang Beutin, Heinrich Bleicher-Nagelsmann, Michael Walter, Claudia Wörmann-Adam (Hg.): „Widerstand ist nichts als Hoffnung“ Widerständigkeit für Freiheit, Menschenrechte, Humanität und Frieden. 2021, 384 S., ISBN 978-3-89376-190-6.

Freitag, den 11. November 2022 von 17.30 Uhr bis 18.45 Uhr
„Erinnerungskultur stärkt Demokratie“
Online-Lesung aus dem Buch „Erinnerungskultur stärkt Demokratie. Zur Verteidigung der Menschenwürde“. Das Buch wurde Doris Angel und Harold Livingston, den Nachkommen der Familie Löwenstein gewidmet. Irene Scherer (Vorsitzende des Löwenstein-Forschungsvereins e.V.) und Welf Schröter (Redaktion bloch-akademie-newsletter). Länge ca. 45 Minuten plus anschließendes Gespräch.

Lesehinweis: Irene Scherer, Welf Schröter (Hg.): Erinnerungskultur stärkt Demokratie. Zur Verteidigung der Menschenwürde. Gewidmet Doris Angel (Doris Löwenstein) und Harold Livingston (Helmut Löwenstein). 2019, 144 S., ISBN 978-3-89376-183-8.

Freitag, den 18. November 2022 von 17.30 Uhr bis 18.45 Uhr
Zur Bedeutung und Aktualität von Richard Schmid
Online-Vortrag von Hans-Ernst Böttcher, ehem. Landgerichtspräsident in Lübeck, Mitglied im Löwenstein-Forschungsverein. Richard Schmid war ein Freund Fritz Bauers seit den 1920er Jahren und in der bundesdeutschen Nachkriegszeit 1953 bis 1964 ein etwas anderer Oberlandesgerichtspräsident. Der Autor und Vortragende hat 2013 in Mössingen die Bedeutung Richard Schmids für die Rehabilitierung des Mössinger Generalstreiks dargelegt. Länge ca. 50 Minuten plus anschließendes Gespräch.

Lesehinweis: Hans-Ernst Böttcher: Freiheitsgrundrechte und Gleichheitssatz – kein Widerspruch in sich. Oder: Von Richard Schmid als Verfassungsinterpret lernen. In: Latenz – Journal 5|2021. Ist der Liberalismus am Ende? Ausgabe 05|2021. Hrsg. von Irene Scherer und Welf Schröter. 2021, 204 S., ISBN 978-3-89376-191-3. 

Freitag, den 25. November 2022 von 17.30 Uhr bis 18.45 Uhr
„Die Geschichte der Löwenstein’schen Pausa. Zwischen Bauhaus, Mössinger Generalstreik und nationalsozialistischer Zwangsenteignung“
Bebilderter Online-Vortrag des Löwenstein-Forschungsvereins e.V. Mössingen zur Geschichte des Löwenstein’schen Textilunternehmens Pausa, der Bedeutung der rebellischen Bauhausfrauen in der Pausa, der Verbindung zur Stuttgarter Netzwerkerin Lilly Hildebrandt und des Widerstands der Pausa-Belegschaft gegen Hitler am 31. Januar 1933. Mit zahlreichen Bildern. Vortragende sind Irene Scherer (Vorsitzende des Löwenstein-Forschungsvereins e.V.) und Welf Schröter (Redaktion bloch-akademie-newsletter). Länge ca. 60 Minuten plus anschließendes Gespräch.

Lesehinweis: Irene Scherer, Welf Schröter, Klaus Ferstl (Hg.): Artur und Felix Löwenstein. Würdigung der Gründer der Textilfirma Pausa und geschichtliche Zusammenhänge. 2013, 396 Seiten, ISBN 978-3-89376-150-0.

Fünfter Online-Termin am Freitag, den 2. Dezember 2022 von 17.30 Uhr bis 18.45 Uhr
Karola Bloch – Aus meinem Leben
Online-Lesung aus der Autobiografie Karola Blochs über Widerstandsarbeit, Flucht, Exil. Länge ca. 60 Minuten plus anschließendes Gespräch. Es lesen Irene Scherer und Welf Schröter vom Talheimer Verlag. Länge ca. 50 Minuten plus anschließendes Gespräch.

Lesehinweis: Karola Bloch: Aus meinem Leben. 1995, 324 Seiten, kt., ill., 28,00 €
ISBN 978-3-89376-037-4.

Sechster Online-Termin am Freitag, den 9. Dezember 2022 von 17.30 Uhr bis 18.45 Uhr
Hans Mayer – Der unbequeme Aufklärer
Online-Lesung aus dem Buch „Der unbequeme Aufklärer – Gespräche über Hans Mayer“. Eine Lesestunde über den großartigen Literaturwissenschaftler, Gegner des Nationalsozialismus und Kritiker der SED, Freund von Ernst und Karola Bloch sowie Inge Jens. Es lesen Heinrich Bleicher (Herausgeber und Vorsitzender der Hans-Mayer-Gesellschaft e.V.), Irene Scherer und Welf Schröter vom Talheimer Verlag. Länge ca. 60 Minuten plus anschließendes Gespräch.

Lesehinweis: Heinrich Bleicher (Hg.): Der unbequeme Aufklärer. Gespräche über Hans Mayer. zweite überarbeitete Auflage 2022, 296 Seiten, ISBN 978-3-89376-195-1

Einladung zur Präsenzveranstaltung „Oberlandesgerichtspräsident Richard
Schmid (1899 – 1986) – ein Radikaler in öffentlichen Dienst“ am 24. November

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Nachdenken über den Rechtsstaat“ zur Ausstellung „NS-Justiz in Stuttgart“ referiert Hans-Ernst Böttcher, Präsident des Landgerichts Lübeck i. R. über Richard Schmid (1899 – 1986): „Oberlandesgerichtspräsident Richard Schmid (1899 – 1986) – ein Radikaler in öffentlichen Dienst“ am 24. November 2022.

Die Justiz in Westdeutschland bestand nach 1945 fast ausschließlich aus Richtern und Staatsanwälten, die schon vor 1945 im Dienst waren. Eine Ausnahme war Richard Schmid (1899 – 1986). Als Rechtsanwalt in Stuttgart war er während der Nazidiktatur als Verteidiger in Kontakt mit verfolgten Sozialisten und Kommunisten und schließlich selbst Mitglied einer Widerstandsgruppe der illegalen Sozialistische Arbeiterpartei. Er erlitt Konzentrationslager und drei Jahre Zuchthaus. 1945 wird Richard Schmid Generalstaatsanwalt, 1953 kurz Justizminister und schließlich bis 1964 Oberlandesgerichtspräsident in Stuttgart.

Richard Schmid war ein Meister des Wortes, juristisch wie literarisch. Er war bis kurz vor seinem Tod schriftstellerisch und journalistisch aktiv, in der juristischen Presse ebenso wie in allgemeinen Zeitungen und Zeitschriften und im Funk. Wichtige Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts zu den Grundrechten gehen auf Richard Schmid zurück.

Hans-Ernst Böttcher kannte Richard Schmid seit 1976 noch persönlich gut; er berichtet von Leben und Werk und würdigt dessen bleibende Verdienste. Er zeigt, dass die verfassungsrechtlichen Anregungen Richard Schmids heute mehr denn je Grundlagen für eine demokratiegeleitete Anwendung und Auslegung der Gesetze und für ein klares ‚Nein!‘ gegen jede Form des Auflebens von Alt- und Neonazismus sein können.

Die Ausstellung „NS-Justiz in Stuttgart“ im Landgericht Stuttgart dokumentiert die nationalsozialistische Strafjustiz und die Radikalisierung der Urteilspraxis von 1933 bis 1945. Die Dokumentation beleuchtet u.a. auch die Biografien der Richter und Staatsanwälte des Sondergerichts und der Strafsenate des Oberlandesgerichts, die an Todesstrafen mitwirkten. Die meisten machten ab 1950 wieder Karriere im Justizdienst.

Weitere Informationen zur Ausstellung siehe: www.hdgbw.de/ausstellungen/projekte/

Die Veranstaltungsreihe will Fragestellungen der Ausstellung durch weiterführende Vorträge u. ä. aufgreifen und vertiefen. Dabei sollen nicht nur historische Teilaspekte und der Umgang mit der NS-Vergangenheit der Justiz Thema sein, sondern der Blick soll auch auf aktuelle Entwicklungen und Herausforderungen des Rechtsstaats gerichtet werden.

Oberlandesgericht Stuttgart, 24. November 2022, 18.00 Uhr bis 19.30 Uhr, Ort: Oberlandesgericht Stuttgart, Eingang zur Veranstaltung über Archivstraße 15 A, Stuttgart

Zum Tode Michail Gorbatschows: Karola Blochs Einschätzung seiner Politik

Zu den großen Verdiensten von Michail Gorbatschows (geboren am 2. März 1931, gestorben am 30. August 2022) gehörte zweifellos seine politische Zurückhaltung im Herbst 1989, als in Leipzig und in zahlreichen anderen Städten der DDR Zehntausende auf die Straße gingen, um die SED-Diktatur zu beenden und Schritte in Richtung Demokratisierung zu gehen. Gorbatschow verhinderte, dass russische Panzer die Demonstranten niederwalzten. Er wollte 1989 kein neues Berlin 1953, kein Budapest 1956, kein Prag 1968 und keinen Militärputsch wie am 13. Dezember 1981 in Warschau. Doch im Januar 1991 galt diese Sicht nicht mehr. Russische Panzer gingen gegen Demonstrierende in Vilnius vor, um einer Autonomieerklärung der litauischen Gesellschaft zuvorzukommen.

Karola Bloch setzte politische Hoffnungen auf Gorbatschow. Ihre scharfe Kritik an der Politik der KPdSU und der Sowjetunion war allen bekannt, die sie hören wollten. Sie kritisierte die SED-Führung nach den blutigen Ereignissen am 17. Juni 1953 in Berlin. Ihr Herz schlug 1956 für die streikenden polnischen Arbeiter und für die Aufständischen in Budapest. Sie stand auf der Seite des „Prager Frühlings“ 1968 und der unabhängigen Gewerkschaft Solidarność 1980. Sie protestierte am 13. Dezember 1981 gegen Jaruzelskis Militärputsch in Polen. Ihr Herz schlug für das „Neue Forum“ 1989 in Leipzig.

Gorbatschows Ankündigungen von Glasnost und Perestroika erweckte auch in ihr große Hoffnungen. Gemeinsam mit dem Schriftsteller Erich Fried schrieb sie im Mai 1988 einen Brief an die Redaktion der Zeitung Isvestija in Moskau. Darin hieß es unter anderem:

„Mehr als drei Jahrzehnte haben wir die Sowjetunion aus der Ferne betrachtet. Das Chruschtschow-Interregnum weckte 1956 unsere Hoffnungen, aber nicht für lange Zeit. Heute steht die Sowjetunion wieder an einem Kreuzweg. Wir haben das, was sich neuerdings dramatisch entfaltet, mit großem Interesse und mit großer Sympathie gesehen. Mehr als je seit den Zwanzigerjahren hat ein Mensch, der in der Sowjetunion an leitender Stelle steht, sowohl Massenunterstützung in seinem eigenen Land gewonnen als auch das Vorstellungsvermögen der übrigen Welt erregt. …“ 

(Karola Bloch: An die Isvestija. In: Anne Frommann, Welf Schröter (Hg.): Karola Bloch – Die Sehnsucht des Menschen, ein wirklicher Mensch zu werden. Reden und Schriften, Band 1, Mössingen 1989, S. 156)

Am 21. August 1991 – auf den Tag genau dreiundzwanzig Jahre nach dem Einmarsch der Panzer in Prag 1968 – ergriff Karola Bloch auf einer Kundgebung in Tübingen für Michail Gorbatschow das Wort. Sie wandte sich gegen den Staatsstreich des russischen Militärs, mit dem die Perestroika beendet werden sollte. Sie sagte damals unter anderem:

„Mit Trauer und Entsetzen habe ich vom gewaltsamen Sturz Michail Gorbatschows erfahren. Wieder einmal versucht eine Kaste alter Männer aus Armee und Geheimdienst ein gesellschaftliches Experiment mit Panzern niederzuwalzen. Die Bilder von Berlin, Budapest, Prag und Peking sehe ich vor Augen. Der Militärputsch von Moskau widerspricht nicht nur der sowjetischen Verfassung, er ist ein Verbrechen am russischen Volk, an den Völkern der Sowjetunion. Ein Ende der dortigen Reformpolitik wäre eine geschichtliche Tragödie für die ganze Welt. Mein Herz und meine Sympathien sind mit Michail Gorbatschow. …“

(Karola Bloch: Gegen den Staatsstreich. In: Anne Frommann, Welf Schröter (Hg.): „Ich gehe zu jenen, die mich brauchen“. Zum 85. Geburtstag Karola Blochs. Mössingen 1991, S. 189f.)

Einunddreißig Jahre nach dem Staatsstreich gegen Gorbatschow könnte mit dem Putinschen Einmarsch russischer Panzer in die Ukraine ein weiteres Element jener „geschichtlichen Tragödie“ Wirklichkeit geworden sein, vor dem Karola Bloch gewarnt hatte.

 

Verleihung der Dankbarkeitsmedaille des Europäischen Solidarność-Zentrums in Gdansk an Manfred Mack am 31. August 2022

Vor 42 Jahren am 31. August 1980 wurde in Gdansk auf der Werft der streikenden Arbeiterinnen und Arbeiter die unabhängige Gewerkschaft Solidarność gegründet. Heute am 31. August 2022 erhielt ein Vertreter der damaligen bundesdeutschen Bewegung „Solidarität für Solidarność“ eine besondere Würdigung und Ehrung. Manfred Mack, langjährigem Freund der polnischen Kultur und der unabhängigen polnischen Gesellschaft, wurde in Gdansk die „Dankbarkeitsmedaille des Europäischen Solidarnosc-Zentrums“ verliehen.

Der Osteuropa-Wissenschaftler Manfred Mack gehörte während seines Studiums an der Universität Tübingen zum Komitee „Solidarität mit Solidarność“. Die Arbeit dieses Komitees wurde auch von der in Polen geborenen Karola Bloch sehr aktiv unterstützt. Karola Bloch trat bei Solidaritätskundgebungen auf und drückte ihre Verbundenheit der polnischen Gewerkschaft aus. Sie lud aus Polen geflohene Gewerkschaftsvertreter zu sich ein. Untergrundschriften des polnischen KOR gelangten über Paris nach Tübingen, wurden ins Deutsche übersetzt und mit einem Vorwort von Karola Bloch verbreitet. In dem Tübinger Komitee, das viele Jahre tätig war, wirkten rund eineinhalb Dutzend junger Frauen und Männer, die aktiv mit den Demokratiebewegungen in Polen, in der CSSR, in Ungarn, in der DDR und in der Sowjetunion sympathisierten. Auch der Herausgeber des „bloch-akademie-newsletters“ gehörte dazu.

Eine Jury unter dem Vorsitz von Lech Walesa verleiht Manfred Mack die Dankbarkeitsmedaille des Europäischen Solidarność-Zentrums (ECS) im Rahmen der Feierlichkeiten des „Festes der Freiheit“. Diese Auszeichnung wurde bisher an über 700 Personen weltweit verliehen. Die Medaille der Dankbarkeit ist eine ehrenvolle Auszeichnung für Freunde Polens, die sich im Geiste der Solidarność-Ideale für die universellen Menschenrechte eingesetzt haben und einsetzen, sich für die Idee der Solidarität als Grundlage der europäischen Ordnung engagieren, sich für die Verständigung zwischen den Völkern einsetzen und die soziale und moralische Ordnung auf dem Dialog aufbauen. Manfred Mack hat sich seit den 1970er Jahre in vielfältiger Weise für die Opposition in Polen eingesetzt, durch Übersetzungen, Veranstaltungen, aber auch im Rahmen Tübinger Komitees „Solidarität mit Solidarność“ durch konkrete Hilfsmaßnahmen während des Kriegsrechts in Polen.

 

Dankesrede von Manfred Mack bei der Entgegennahme der Dankbarkeitsmedaille des Europäischen Solidarność-Zentrums in Gdansk

Bei der Entgegennahme der Dankbarkeitsmedaille des Europäischen Solidarność-Zentrums in Gdansk hielt Manfred Mack als Geehrter am 31. August 2022 nachfolgende Rede:

Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Freunde, ich bedanke mich sehr herzlich für diese große Ehre. Dieser Dank kommt aus tiefem Herzen, denn eigentlich müsste ich der Solidarność, müsste ich meinen polnischen Freunden dankbar dafür sein, dass ihr mein Leben so unendlich bereichert habt, dass ich so viel mit Euch erleben durfte. Ich kann hier den Slogan der friedlichen Revolution wiederholen: Es begann in Danzig. Auch mein Abenteuer mit Polen begann in Danzig, zu Ostern 1972, als ich im Rahmen eines Schüleraustauschs zum ersten Mal in Polen, zum ersten Mal in Danzig war.

Diese Begegnungen und die daraus entstandenen Freundschaften, hatten großen Einfluss auf meinen weiteren Lebensweg. Deshalb freue ich mich, dass Kasia Rozmarynowska heute hier ist. Durch sie und ihren Mann Marek habe ich bei meinen Besuchen all die wunderbaren Menschen kennenlernen dürfen, Antek Pawlak, Bozena und Maczej Grzywaczewki, Leszek Szaruga und viele andere. Durch sie bekam ich Einblick in das Alltagsleben im Kommunismus, aber auch in die vielfältigen oppositionellen Aktivitäten, sie zeigten mir die Untergrundzeitschriften des zweiten Umlaufs. Sie haben mich mit ihrem Freiheitswillen angesteckt und mir gezeigt, wie viel uns verbindet, mich den Deutschen aus einem kapitalistischen Land und sie die Altersgenossen in einem Land des realen Sozialismus.

Deshalb habe ich mich mit deutschen Freunden seitdem für die Opposition in Polen engagiert, durch das Übersetzen von Texten, durch Veranstaltungen und während des Kriegsrechts auch durch konkrete Unterstützung. Mit unserem Tübinger Komitee „Solidarität mit Solidarność“ haben wir am 13. Dezember 1981 um 11 Uhr die vermutlich erste Protestveranstaltung in Deutschland gegen das Kriegsrecht organisiert mit Karola Bloch als Rednerin.

Wir haben Vertreter des NZS wie Anka Krajewska oder Andrzej Mietkowski, Künstler wie Jacek Kaczmarski, oder Vertreter der Solidarnosc wie Sewek Blumstajn nach Deutschland eingeladen. Wissenschaftlich habe ich mich damals mit der Erforschung der polnischen Untergrundpresse in den 1970 Jahren beschäftigt.

Auch hier durfte ich wunderbare Menschen kennenlernen, Mirek Chojecki, Irena Wojcicka, Henryk Wujec und viele andere, aber auch Prof. Stefan Nowak und Bronislaw Geremek. Ein klein wenig konnte ich auch ganz praktisch helfen, in dem ich Honorare westlicher Verlage für polnische Autoren nach Polen geschmuggelt habe, u.a für Andrzej Drawicz, Antek Pawlak und Marek Nowakowski.

Das führte übrigens dazu, dass der polnische Geheimdienst SB seine Versuche, mich als Mitarbeiter zu gewinnen, eingestellt hat. Ich war nie allein in Polen, jeden Schritt, jeden Besuch hat der Geheimdienst akribisch verfolgt. Nach einer Geldübergabe in Danzig haben sie aufgegeben, den jungen Polenfreund für sich zu gewinnen. Auf meiner IPN-Akte gibt es einen schönen Stempelaufdruck: „Der Vorgang eignet sich nicht für die interne Schulung“.

Aber zurück zu den Aktivitäten meiner Tübinger Freunde, die alle wie ich diese Dankbarkeitsmedaille verdient hätten. Wir haben damals auch die sehr konkrete Polenhilfe organisiert. 30 Millionen Pakete wurden damals aus Deutschland nach Polen geschickt. Nie wieder habe ich in meinem politischen Leben mit Menschen aus so unterschiedlichen Lagern zusammengearbeitet, vom rechten Spektrum der CDU und der Vertriebenenverbände, den Kirchen über Sozialdemokraten, Freidemokraten, Gewerkschaften bis hin zu linken Studentenverbänden. Auch mit vielen unpolitischen Menschen, die eines verband, Polen in diesen schwierigen Zeiten zu unterstützen.

Und als Historiker kann ich beurteilen, dass dies zu einem epochalen Umschwung im Verhältnis zwischen der deutschen und der polnischen Gesellschaft geführt hat. Viele Polen ließen sich nicht mehr durch das Schreckgespenst der deutschen Revanchisten auf die Linie der Partei bringen und viele Deutsche entdeckten Polen als sympathisches, freiheitsliebendes Land.

Sie werden verstehen, dass es mich deshalb schmerzt, wenn ich miterleben muss, wie die aktuelle polnische Regierung – in der Tradition der Gomulka-Kommunisten durch antideutsche Parolen versucht, Wählerstimmen zu bekommen. Mein Engagement für Polen war immer tief verwurzelt in dem Bewusstsein der unendlichen Schuld, die meine Vorfahren gegenüber Polen auf sich geladen haben.

Deshalb habe ich auch die Initiative meines Deutschen Polen-Instituts unterstützt, in Berlin ein Denkmal für die polnischen Opfer der deutschen Okkupation zu errichten und gleichzeitig einen Ort der deutsch-polnischen Begegnung zu schaffen und ich unterstütze auch den Vorschlag des Beauftragten für deutsch-polnische Beziehungen Dietmar Nietan, einen deutsch-polnischen Zukunftsfond zu schaffen, der im umfassender Weise dazu beiträgt, dass sich Deutschland seiner historischen Verantwortung stellt und zugleich Initiativen unterstützt, die dazu beitragen, dass das Sprichwort „Solange die Welt besteht, wird der Pole nicht der Bruder des Deutschen sein‘“ in sein Gegenteil verkehrt wird.

Mein früherer Chef und Meister Karl Dedecius hat mir empfohlen, jede Rede mit einem Gedicht zu beenden. Dieses Gedicht von Antek Pawlak entstand 1982 nach vielen nächtlichen Gesprächen eines jungen Deutschen mit einem jungen Polen über die deutsch-polnischen Beziehungen.

Mein Monolog und
ein verwunderter
Altersgenosse
(für Manfred)

Man hat mir befohlen dich zu hassen
aus deinen Händen kann man
die rote Karte des Blutes lesen
wir wurden als Feinde geboren
das ist natürlich wie der Atem
der aus unseren Mündern kam
bei dem Gespräch an diesem
Winterabend

Man hat mir befohlen dich zu hassen
man gab dafür den einfachsten
und ausreichenden Grund – du bist Deutscher
ich dagegen bin Pole
in meiner Sprache heißt Pole
ein Unschuldiger

(Antoni Pawlak; übersetzt von Manfred Mack)

„Widerstand ist nichts als Hoffnung“ (IV) – Einladung zu Lesungen im November 2022

Einladung zur Online-Veranstaltungsreihe „Kristalle der Hoffnungen“ im Rahmen des Projektes „30 Tage im November“ 2022 – Veranstaltungsübersicht

Die Fähigkeit zu hoffen, stellt eine wesentliche Lebensbedingung des Menschen dar. Das Hoffen spiegelt nicht nur die persönliche und private Sehnsucht. Hoffnungen müssen auch enttäuscht werden, um lernen zu können. Die solcherart „belehrte Hoffnung“ eröffnet den Weg zur Humanisierung des Menschen. Hoffnungen des einzelnen Menschen können Realität werden, wenn sie sich zu gemeinsamen gesellschaftlichen Hoffnungen auf Wandel entwickeln. „Kristalle der Hoffnungen“ sind die Vorboten gesellschaftlicher Hoffnungserfüllungen. Lassen Sie uns solche „Kristalle der Hoffnungen“ in Lesungen und Vorträgen auffinden. Dabei folgen wir den Spuren von Menschen, die ihren Hoffnungen verbunden geblieben sind.

Die Online-Veranstaltungsreihe „Kristalle der Hoffnungen“ als Teil der Reihe „30 Tage im November“ wird getragen von: Redaktion „Latenz“, Redaktion „bloch-akademie-newsletter“, Löwenstein-Forschungsverein e.V., Hans-Mayer-Gesellschaft e.V. und Talheimer Verlag.

Anmeldung bei schroeter@talheimer.de mit Angabe des jeweiligen Datums der gewünschten Veranstaltung. Wer sich anmeldet, erhält einen Zoom-Link zugesandt. Eintritt frei.

Erster Online-Termin am Freitag, den 4. November 2022 von 17.30 Uhr bis 18.45 Uhr: „Widerstand ist nichts als Hoffnung“

Online-Lesung aus dem Buch „Widerstand ist nichts als Hoffnung“. Es lesen Heinrich Bleicher (Vorsitzender der Hans-Mayer-Gesellschaft e.V.), Irene Scherer (Vorsitzende des Löwenstein-Forschungsvereins e.V.) und Welf Schröter (Redaktion bloch-akademie-newsletter). Länge ca. 50 Minuten plus anschließendes Gespräch.

Zweiter Online-Termin am Freitag, den 11. November 2022 von 17.30 Uhr bis 18.45 Uhr: „Erinnerungskultur stärkt Demokratie“

Online-Lesung aus dem Buch „Erinnerungskultur stärkt Demokratie. Zur Verteidigung der Menschenwürde“. Irene Scherer (Vorsitzende des Löwenstein-Forschungsvereins e.V.) und Welf Schröter (Redaktion bloch-akademie-newsletter). Länge ca. 45 Minuten plus anschließendes Gespräch.

Dritter Online-Termin am Freitag, den 18. November 2022 von 17.30 Uhr bis 18.45 Uhr: Zur Bedeutung und Aktualität von Richard Schmid

Online-Vortrag von Hans-Ernst Böttcher, ehem. Landgerichtspräsident in Lübeck, Mitglied im Löwenstein-Forschungsverein. Richard Schmid war ein Freund Fritz Bauers seit den 1920er Jahren und in der bundesdeutschen Nachkriegszeit 1953 bis 1964 ein etwas anderer Oberlandesgerichtspräsident. Der Autor und Vortragende hat 2013 in Mössingen die Bedeutung Richard Schmids für die Rehabilitierung des Mössinger Generalstreiks dargelegt. Länge ca. 50 Minuten plus anschließendes Gespräch.

Vierter Online-Termin am Freitag, den 25. November 2022 von 17.30 Uhr bis 18.45 Uhr: „Die Geschichte der Löwenstein’schen Pausa. Zwischen Bauhaus, Mössinger Generalstreik und nationalsozialistischer Zwangsenteignung“

Bebilderter Online-Vortrag des Löwenstein-Forschungsvereins e.V. Mössingen zur Geschichte des Löwenstein’schen Textilunternehmens Pausa, der Bedeutung der rebellischen Bauhausfrauen in der Pausa, der Verbindung zur Stuttgarter Netzwerkerin Lilly Hildebrandt und des Widerstands der Pausa-Belegschaft gegen Hitler am 31. Januar 1933. Mit zahlreichen Bildern. Vortragende sind Irene Scherer (Vorsitzende des Löwenstein-Forschungsvereins e.V.) und Welf Schröter (Redaktion bloch-akademie-newsletter). Länge ca. 60 Minuten plus anschließendes Gespräch.

Fünfter Online-Termin am Freitag, den 2. Dezember 2022 von 17.30 Uhr bis 18.45 Uhr: Karola Bloch – Aus meinem Leben

Online-Lesung aus der Autobiografie Karola Blochs über Widerstandsarbeit, Flucht, Exil. Es lesen Irene Scherer und Welf Schröter vom Talheimer Verlag. Länge ca. 50 Minuten plus anschließendes Gespräch.

Sechster Online-Termin am Freitag, den 9. Dezember 2022 von 17.30 Uhr bis 18.45 Uhr: Hans Mayer – Der unbequeme Aufklärer

Online-Lesung aus dem Buch „Der unbequeme Aufklärer – Gespräche über Hans Mayer“. Eine Lesestunde über den großartigen Literaturwissenschaftler, Gegner des Nationalsozialismus und Kritiker der SED, Freund von Ernst und Karola Bloch sowie Inge Jens. Es lesen Heinrich Bleicher (Herausgeber und Vorsitzender der Hans-Mayer-Gesellschaft e.V.), Irene Scherer und Welf Schröter vom Talheimer Verlag. Länge ca. 60 Minuten plus anschließendes Gespräch.

Anmeldung bei schroeter@talheimer.de mit Angabe des Datums der gewünschten Veranstaltung. Wer sich anmeldet, erhält einen Zoom-Link zugesandt. Eintritt frei.

 

„Widerstand ist nichts als Hoffnung“ (III) – Vortrag zu Richard Schmid

Oberlandesgerichtspräsident Richard Schmid (1899 – 1986) – ein Radikaler in öffentlichen Dienst

Einladung vom Vortrag am 24. November in Stuttgart um 18.00 Uhr: Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Nachdenken über den Rechtsstaat“ zur Ausstellung „NS-Justiz in Stuttgart“ referiert Hans-Ernst Böttcher, Präsident des Landgerichts Lübeck i. R. über Richard Schmid (1899 – 1986): Oberlandesgerichtspräsident Richard Schmid (1899 – 1986) – ein Radikaler in öffentlichen Dienst“.

Siehe: https://30tageimnovember.de/

Die Justiz in Westdeutschland bestand nach 1945 fast ausschließlich aus Richtern und Staatsanwälten, die schon vor 1945 im Dienst waren. Eine Ausnahme war Richard Schmid (1899 – 1986). Als Rechtsanwalt in Stuttgart war er während der Nazidiktatur als Verteidiger in Kontakt mit verfolgten Sozialisten und Kommunisten und schließlich selbst Mitglied einer Widerstandsgruppe der illegalen Sozialistische Arbeiterpartei. Er erlitt Konzentrationslager und drei Jahre Zuchthaus. 1945 wird Richard Schmid Generalstaatsanwalt, 1953 kurz Justizminister und schließlich bis 1964 Oberlandesgerichtspräsident in Stuttgart.

Richard Schmid war ein Meister des Wortes, juristisch wie literarisch. Er war bis kurz vor seinem Tod schriftstellerisch und journalistisch aktiv, in der juristischen Presse ebenso wie in allgemeinen Zeitungen und Zeitschriften und im Funk. Wichtige Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts zu den Grundrechten gehen auf Richard Schmid zurück.

Hans-Ernst Böttcher kannte Richard Schmid seit 1976 noch persönlich gut; er berichtet von Leben und Werk und würdigt dessen bleibende Verdienste. Er zeigt, dass die verfassungsrechtlichen Anregungen Richard Schmids heute mehr denn je Grundlagen für eine demokratiegeleitete Anwendung und Auslegung der Gesetze und für ein klares ‚Nein!‘ gegen jede Form des Auflebens von Alt- und Neonazismus sein können.

Die Ausstellung „NS-Justiz in Stuttgart“ im Landgericht Stuttgart dokumentiert die nationalsozialistische Strafjustiz und die Radikalisierung der Urteilspraxis von 1933 bis 1945.

Die Dokumentation beleuchtet u.a. auch die Biografien der Richter und Staatsanwälte des Sondergerichts und der Strafsenate des Oberlandesgerichts, die an Todesstrafen mitwirkten. Die meisten machten ab 1950 wieder Karriere im Justizdienst.

Weitere Informationen zur Ausstellung: www.hdgbw.de/ausstellungen/projekte/

Die Veranstaltungsreihe will Fragestellungen der Ausstellung durch weiterführende Vorträge u. ä. aufgreifen und vertiefen. Dabei sollen nicht nur historische Teilaspekte und der Umgang mit der NS-Vergangenheit der Justiz Thema sein, sondern der Blick soll auch auf aktuelle Entwicklungen und Herausforderungen des Rechtsstaats gerichtet werden.

Eingang zur Veranstaltung über Archivstraße 15 A/B.

 

„Widerstand ist nichts als Hoffnung“ (II) – Eines der Motive

Dieser Ausruf des französischen Résistance-Kämpfers René Char bildet das Leitmotiv der gemeinsamen Veranstaltungsreihe „30 Tage im November“, womit der Wert der Menschenrechte gegen Intoleranz und Rassismus, gegen Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit verteidigt wird.

Über 200 Organisationen laden zu mehr als 100 Veranstaltungen ein. Widerstand gründet in Hoffnung. Widerstand begründet Hoffnung. Widerstand gegen Unrecht muss auf Freiheit, Gleichheit und Schwesterlichkeit beruhen. Unser Widerstand basiert auf Demokratie und will die weitere Demokratisierung der Demokratie. Bloßer Widerstand gegen Unrecht als Kritik reicht nicht aus. Es bedarf des Widerstands für eine die soziale Gleichberechtigung einlösende Zivilgesellschaft, für die Umsetzung der Tagträume einer besseren Welt.

Das von Heinrich Bleicher mitedierte Buch „Widerstand ist nichts als Hoffnung“ fordert zur Widerständigkeit für Menschenrechte, Humanität und Frieden auf. „30 Tage im November“ versteht sich zugleich auch als ein Lernort der Geschichte: Erinnerungskultur stärkt Demokratie. Zeigen wir unseren Mut zu neuer Hoffnung, hier unter uns und für uns sowie als Solidarität mit Geflüchteten und Verfolgten. Es geht um „die Sehnsucht des Menschen, ein wirklicher Mensch zu werden“ (Karola Bloch).

Siehe: https://30tageimnovember.de/

 

„Widerstand ist nichts als Hoffnung“ (I) – Ein Konzept

30 Tage im November – Vom Wert der MenschenRechte – Öffentliche Veranstaltungsreihe vom 27. Oktober bis 04. Dezember 2022

Siehe: https://30tageimnovember.de/

Der Blick auf die deutsche Geschichte zeigt, wohin Intoleranz, Rassismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit führen können. Heute gilt es mehr denn je, Wissen und Werte zu vermitteln, die uns befähigen, Frieden, Demokratie und Freiheit immer wieder neu zu fordern, zu bewahren und die Allgemeinen Menschenrechte zu verteidigen!

Erinnerungskultur stärkt die Demokratie: Unsere Initiative versteht sich als ein Lernort der Geschichte. Das Neue darf das Alte nicht verdecken, wenn es gilt, die Geschichte zu verstehen und unsere Gegenwart zu gestalten: An Morgen erinnern.

Die AnStifter laden Kulturinitiativen, KünstlerInnen, Kinos und Theater, Büchereien, Schulen und Unis, Kirchen und Gewerkschaften, Verbände sowie die Stadtgesellschaft zum Mitmachen ein: als VeranstalterIn, AkteurIn, als Publikum, VorleserIn, AnStifterIn, als Verantwortliche für Frieden, Demokratie und Menschenrechte. Die Reihe will mit Ihnen und Euch, den Kulturschaffenden aus Stadt und Region, auf die Suche gehen, mit Bild, Text und Ton, Theater, Musik und Film, mit Freude an Experimenten, Dialog, öffentlichem Denken und Machen.

Unser Konzept basiert auf Eigenwilligkeit und Eigeninitiative, Vielfalt und Solidarität der Mitwirkenden. Sie unterstützen uns, auch wenn Sie die „30 Tage im November“ nur nominell mittragen wollen. Sie können eigene Veranstaltungen für die Reihe entwickeln, passende Vorschläge aus Ihrem November-Programm einreichen, Kooperationen anbieten oder in ganz anderer Form eingreifen. Wir bitten, im Rahmen der „30 Tage“ auf Ihren Bühnen, vor oder nach Ihren Veranstaltungen in geeigneter Form Ihnen wichtig erscheinende Artikel der Menschenrechte zu präsentieren oder Ihre Veranstaltung der Menschenrechtspräambel zu widmen.

Die Reihe „Vom Wert der Menschenrechte“ mit mehr als 100 Veranstaltungen wird von mehr als 200 Initiativen, Theatern und anderen Einrichtungen mitgetragen. Zu der Reihe erscheint im Herbst eine 20-seitige Programmzeitung, es gibt Plakate und Flyer, Hinweise über die sozialen Medien, eine Website und Ihre eigenen Hausprogramme.

(Aus der Ankündigung von Peter Grohmann und dem Team „Die AnStifter“)

 

Kristalle der Hoffnungen

Einladung zu fünf Online-Lesungen

Veranstaltet von der Buchzeitschrift „Latenz“ (Mössingen) und der Redaktion des „bloch-akademie-newsletters“ (Mössingen) – unterstützt von der Hans-Mayer-Gesellschaft e.V. (Köln), von der Louise-Otto-Peters-Gesellschaft e.V. (Leipzig), vom Projekt „Frauen machen Geschichte. Leipziger Frauenporträts online“ (Leipzig), von zeitraumort.de (Leipzig) und vom Talheimer Verlag (Mössingen)

Die Fähigkeit zu hoffen, stellt eine wesentliche Lebensbedingung des Menschen dar. Das Hoffen spiegelt nicht nur die persönliche und private Sehnsucht. Hoffnungen müssen auch enttäuscht werden, um lernen zu können. Die solcherart „belehrte Hoffnung“ eröffnet den Weg zur Humanisierung des Menschen. Hoffnungen des einzelnen Menschen können Realität werden, wenn sie sich zu gemeinsamen gesellschaftlichen Hoffnungen auf Wandel entwickeln. „Kristalle der Hoffnungen“ sind die Vorboten gesellschaftlicher Hoffnungserfüllungen. Lassen Sie uns solche „Kristalle der Hoffnungen“ in Lesungen auffinden. Dabei folgen wir den Spuren von Menschen, die ihren Hoffnungen verbunden geblieben sind. – Es sind Lesungen im Online-Format, die die Beteiligten in der Pandemie schützen und sie zugleich näher zusammen rücken lassen. Seien Sie willkommen! Bitte melden Sie sich vorab an! Eintritt frei. Nach der Anmeldung wird der Zugangslink zugesandt. Eine zusehend-zuhörende Teilnahme per Internet ist auch ohne eigene Webkamera und ohne eigenes Mikrofon möglich. Um Anmeldung mit Angabe des Termins wird gebeten bei: schroeter@talheimer.de

Erste Online-Lesung in der Reihe „Kristalle der Hoffnungen“
Samstag 22. Januar 2022 von 17.00 Uhr bis 18.30 Uhr

Karola Bloch – Die Sehnsucht des Menschen, ein wirklicher Mensch zu werden
Texte aus dem Leben einer wunderbar frechen, aufmüpfigen und aufrechten Frau
Es lesen Irene Scherer und Welf Schröter

Am 22. Januar 1905 wurde die Widerstandskämpferin, Friedensaktivistin, Architektin, Anhängerin des Bauhauses, SED-Kritikerin, Unterstützerin von Solidarnosc und Jüdin Karola Bloch in der polnischen Stadt Lodz geboren. In ihrer Autobiografie „Aus meinem Leben“ (ISBN 978-3-89376-037-4) beschreibt sie die Geschichte ihres Lebens, ihrer Hoffnungen, ihres Traumas und ihrer Tagträume. Ihre Tübinger Zeit nach 1961 wird in dem Doppelband „Karola Bloch – Die Sehnsucht des Menschen, ein wirklicher Mensch zu werden“ (ISBN 978-3-89376-003-9) erlebbar. Das Buch „Karola Bloch – Architektin, Sozialistin, Freundin“ (ISBN 978-3-89376-073-2) zeichnet ihren beruflichen Weg nach. Karola Bloch starb am 31. Juli 1994 in Tübingen. – Irene Scherer und Welf Schröter, die beide Karola Bloch gut gekannt haben, lesen aus Texten, Schriften und Briefen. Siehe dazu auch das Porträt Karola Blochs im Leipziger Online-Portal „Frauen machen Geschichte. Leipziger Frauenporträts“.

Zweite Online-Lesung in der Reihe „Kristalle der Hoffnungen“
Freitag 11. Februar 2022 von 18.00 Uhr bis 19.30 Uhr

In Erinnerung an Inge Jens
„Es gibt wenige Menschen, denen ich so viel verdanke“ – Inge Jens über Hans Mayer
Es lesen Irene Scherer und Welf Schröter. Mit einer Einführung von Heinrich Bleicher, Vorsitzender der Hans-Mayer-Gesellschaft

Inge Jens, Ehrenmitglied der Hans-Mayer-Gesellschaft, hatte in den letzten zwei Jahren an dem Entstehen einer biografisch-politischen sowie literarisch-fachlichen Annäherung an Hans Mayer mitgewirkt. In einem ausführlichen Interview schildert sie ihre Sicht auf diesen brillanten Literaten: „Die Rolle, die Literatur für ein Leben spielen kann, spiegelte sich bei Hans Mayer in seiner Existenz schon sehr deutlich und er vermittelte dies weiter. Er zeigte, dass das nicht ein Privileg nur für ihn war, sondern dass man sich um dieses Privileg bemühen kann.“ Inge Jens hatte noch den von Heinrich Bleicher für die „Hans-Mayer-Gesellschaft“ herausgegebenen Band „Der unbequeme Aufklärer – Gespräche über Hans Mayer“ (ISBN 978-3-89376-195-1) erhalten. In dem Buch äußern sich Freunde und Schüler von Hans Mayer über den in Tübingen im Jahr 2001 gestorbenen Literaturwissenschaftler und Autor. Heinrich Bleicher hat den Band Inge Jens gewidmet. Am 11. Februar 2022 wäre Inge Jens 95 Jahre alt geworden.

Dritte Online-Lesung in der Reihe „Kristalle der Hoffnungen“
Samstag 19. März 2022 von 17.00 Uhr bis 18.30 Uhr

„Sonst ist es fein still auf dem schneebedeckten Brachland Pachulkistans“ (Jürgen Teller)
Aus dem deutsch-deutschen Briefwechsel von Johanna & Jürgen Teller (Leipzig) mit Ernst & Karola Bloch (Tübingen) – Karola Blochs Solidarität mit den Leipziger Montagsdemonstrationen
Am Geburtstag von Hans Mayer lesen Irene Scherer und Welf Schröter

Autorinnen und Autoren aus dem Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller (VS) sowie Schreibende aus der Bildungsarbeit haben sich in Sprache und Schrift dem Thema „Widerstand“ genähert. Wie wurde Widerstand in der Literatur dargestellt? Wann ist Widerstand notwendig und legitim? Wie zeigte sich Widerstand gegen den Nationalsozialismus? Was bedeutet Widerstand heute? – Der Band „,Widerstand ist nichts als Hoffnung‘ – Widerständigkeit für Freiheit, Menschenrechte, Humanität und Frieden“ (ISBN 978-3-89376-190-6) gibt in Beispielen Antworten auf diese Fragen. Einer der Beiträge beschreibt Karola Blochs Solidarität mit den Leipziger Montagsdemonstrationen und mit Jürgen Teller (dem ehemaligen Assistenten Ernst Blochs in Leipzig Mitte der fünfziger Jahre). In seinem Aufsatz analysiert Welf Schröter Karola Blochs scharfe Kritik am SED-Regime und ihre Loyalität gegenüber Jürgen Teller, der von der DDR-Staatssicherheit drangsaliert wurde.

In dem von Jan Robert Bloch, Anne Frommann und Welf Schröter herausgegebenen Band „Briefe durch die Mauer“ (ISBN 978-3-89376-113-5) wird In über 200 heimlichen Briefen die Freundschaft zwischen Blochs und Tellers zum Leben erweckt. Ein Nachtrag dazu zeigt der Band „,Etwas, das in die Phantasie greift‘ – Briefe von Karola Bloch an Siegfried Unseld und an Jürgen Teller“ (ISBN 978-3-89376-156-2).

Vierte Online-Lesung in der Reihe „Kristalle der Hoffnungen“
Mittwoch 27. April 2022 von 18.00 Uhr bis 19.30 Uhr

„Ernst und ich identifizierten uns mit der rebellischen Jugend“ (Karola Bloch)
Irene Scherer und Welf Schröter lesen aus „,Lieber Genosse Bloch …‘ – Briefe von Rudi Dutschke, Gretchen Dutschke-Klotz und Karola Bloch 1968–1979“

Dieser Briefwechsel eröffnet den Blick auf eine ganz ungewöhnliche Freundschaft zwischen Personen unterschiedlicher Generationen. Der marxistische Philosoph Ernst Bloch (geboren 1885) und die Polin, Architektin und Sozialistin Karola Bloch (geboren 1905) finden unter anderem über Briefe Kontakt zu dem fast um ein halbes Jahrhundert jüngeren Rebellen Rudi Dutschke, einem der bekanntesten Köpfe der Studentenbewegung von 1968. Die Briefe geben Zugang zu Denken und Handeln, zur Haltung und Moral jener Menschen, die sowohl den Krieg der USA in Vietnam wie auch den Einmarsch der Sowjetunion in Prag scharf kritisierten, die ihre Hoffnungen in die demokratischen Befreiungsbewegungen der „Dritten Welt“ setzten und sich vom militärischen Abenteurertum einer „Roten Armee Fraktion“ abgrenzten.

In diesem Band (ISBN 978-3-89376-001-5) wurden der Briefwechsel zwischen Gretchen Dutschke, Rudi Dutschke und Karola Bloch umfassend zusammengefügt.

Fünfte Online-Lesung in der Reihe „Kristalle der Hoffnungen“
Dienstag 24. Mai 2022 von 18.00 Uhr bis 19.30 Uhr

Menschlichkeit als Methode – In Erinnerung an Anne Frommann
Irene Scherer und Welf Schröter lesen aus Anne Frommanns Werken

Die aus Zittau stammende Pädagogin hatte „ihr Buch“ selbst zusammengestellt: „Menschlichkeit als Methode“ versammelt sozialpädagogische und biografische Texte aus vierzig Jahren beruflicher Praxis und fachlicher Arbeit. Der Durchgang durch den Band beginnt biografisch und endet teilnehmend. Ausgehend von der Reform der Heimerziehung und einem neuen Verständnis des Faches Sozialpädagogik stellt Anne Frommann das „Ich“ des zu unterstützenden jungen Menschen ins Zentrum ihres Denkens und Handelns. „Menschlichkeit als Methode“ – ein Buch, das die Humanisierung des Menschen anstrebt (ISBN 978-3-89376-127-2).

Teilnahme und Anmeldung

Seien Sie willkommen! Bitte melden Sie sich vorab an! Eintritt frei. Nach der Anmeldung wird der Zugangslink zugesandt. Eine zusehend-zuhörende Teilnahme per Internet ist auch ohne eigene Webkamera und ohne eigenes Mikrofon möglich. Veranstaltungsübersicht siehe: www.bloch-blog.de
Um Anmeldung mit Angabe des Termins wird gebeten bei: schroeter@talheimer.de

Veranstaltende sowie Partnerinnen und Partner

Redaktion „Latenz“
http://www.talheimer.de/gesamtverzeichnis.html?page=shop.browse&category_id=28

Hans-Mayer-Gesellschaft e.V.
http://www.hans-mayer-gesellschaft.de/

Talheimer Verlag
www.talheimer.de/talheimer-neuerscheinungen

Onlineportal „Leipziger Frauenporträts“
https://www.leipzig.de/jugend-familie-und-soziales/frauen/leipziger-frauenportraets

Porträt Karola Bloch im Onlineportal „Leipziger Frauenporträts“
https://www.leipzig.de/jugend-familie-und-soziales/frauen/1000-jahre-leipzig-100-frauenportraets/detailseite-frauenportraets/projekt/bloch-karola-geborene-piotrkowska

Louise-Otto-Peters-Gesellschaft e.V.
https://www.louiseottopeters-gesellschaft.de/

Zeitraumort (Leipzig)
www.zeitraumort.de

 

Blochs „mehrschichtige Dialektik“ als Gestaltungsansatz in der „digitalen Transformation“

In der Geschichte der Gesellschaften in Europa und insbesondere in der deutschen gebrochenen Historie führten tiefgreifende Transformationen immer wieder zu Polarisierungen zwischen jenen, die das Bisherige bewahren, und jenen, die das Vorhandene überschreiten wollten. Bei Übergängen und Umbrüchen innerhalb einer sozialökonomischen Formation markierten die Beschleunigungen des Wandels nicht selten eine größere Rolle als die Richtung des Wandels selbst. Geschwindigkeit dominierte die subjektive Wahrnehmung und die psychologischen Reaktionsmuster.

Der durch die Globalisierung eingeleitete Bedeutungsverlust des Nationalen und des Nationalstaates wird durch den Prozess der beschleunigten Digitalisierung bzw. der „digitalen Transformation“ abermals akzentuiert. Die seit mehr als zwei Jahrzehnten voranschreitende Entortung und Entzeitlichung menschlicher Begegnungsmöglichkeiten erscheint angesichts weltumspannender Internetinfrastrukturen als Bestätigung des Nicht-Nationalen und als sich verstärkende Ausrichtung weg vom nationalen Denken.

Foto: © Welf Schröter

Die „digitale Transformation“ wird dabei zunächst subjektiv in ihrer Veränderungskraft als durchsetzungsfähiger empfunden, als sie zu Beginn in ihrem faktischen Gehalt ist. Die sich beschleunigende Transformation des virtuellen Raumes mit dem gleichzeitig sich qualitativ konvergierenden Mensch-Netz-Interaktionsraum löst Emotionen aus, die ungleichzeitig zum Realen und ungleichzeitig zum Historischen wirken. Menschen sehen sich nicht mehr als souverän Handelnde sondern als immer häufiger bloße Assistenten oder Entmündigte von Technik.

In ihrem sozialpsychologisch-soziologischen Deutungsverhalten hinken Sozialwissenschaften und Philosophie größtenteils hinter dem derzeit vorherrschenden Primat des Technisch-Digitalen hinterher. Eine wesentliche Stärkung des Primats des Gesellschaftlich-Sozialen und der Subjektidentität ließe sich erreichen, wenn ein interdisziplinärer Diskurs sich auf der Basis von Ernst Blochs „mehrschichtiger Dialektik“ vorantreiben ließe. Blochs Begriff der „Ungleichzeitigkeit“ entfaltet im Hinblick auf gesellschaftlich-kulturelle wie sozialpsychologische Herangehensweisen und Methoden seine ganzheitliche Wirkung.

Angesichts des Wandlungsprozesses der Arbeit und deren latenzhafter Identität-Nicht-Identität der weiteren Entfremdung des tätigen Menschen und seiner Emanzipationspotenziale mit Hilfe des Abstrakt-Virtuellen kann die „mehrschichtige Dialektik“ zur Aufhebung unabgegoltener „belehrter Hoffnungen“ (Bloch) beitragen. Die „digitale Transformation“ des Hier und Jetzt in ein humanes Morgen gelingt eher auf der Basis „mehrschichtiger Dialektik“.

Eine Aussage des Tübinger Philosophen Helmut Fahrenbach, die dieser unter Rückgriff auf Blochs Kritik an ökonomistischem Denken traf, ließe sich methodisch heute neu lesen: „Wenn die marxistische Aufklärung gegen diese Irrationalismen nur objektive ökonomische Wahrheiten setzt, anstatt in der dialektischen Kritik des Irrationalen auch die utopisch-subversiven Elemente (Potentiale) freizulegen und zu reflektieren, wird sie am Lebensgefühl und Bewusstsein der Menschen wirkungslos vorbeireden.“ (Helmut Fahrenbach: Philosophie – Politik – Sozialismus. 2016. ISBN 978-3-89376-1586)