Zu Ehren des Bloch-Schülers Jürgen Teller – Geboren vor 100 Jahren – Online-Lesung am 3. Oktober 2026

Würdigung und Wertschätzung des Philosophen Jürgen Teller, einem engen Freund von Karola und Ernst Bloch. Jürgen Teller, der 1999 starb; wäre am 12. September einhundert Jahre alt geworden.

Einladung zur Online-Lesung via Zoom am 3. Oktober 2026 (Feiertag) um 18.00 Uhr

Briefe durch die Mauer – Eine Lesung zu Ehren von Jürgen Teller, der vor 100 Jahren geboren wurde. Erinnerung an den Leipziger Philosophen, Bloch-Schüler und Kritiker des SED-Staates

Es lesen Irene Scherer und Welf Schröter, beide vom Talheimer Verlag. Ein biografisches Grußwort spricht zu Beginn Dr. Elke Uhl (Stuttgart). Sie assistierte in den neunziger Jahren Jürgen Teller bei der Wahrnehmung seiner Honorarprofessur an der Universität in Leipzig.

Eine Online-Veranstaltung des Talheimer Verlages in Zusammenarbeit mit der Hans-Mayer-Gesellschaft, mit der Redaktion des „bloch-akademie-newsletters“ und der Redaktion des „www.bloch-blog.de“. Beginn am Samstag 3. Oktober 2026 um 18.00 Uhr. Eintritt frei.

Für die Übermittlung des Zoom-Zugangslinks wird um Anmeldung vorab gebeten mit einer Mail unter dem Stichwort „Teller“ an: schroeter@talheimer.de

Am 12. September 2026 wäre der Leipziger Philosoph, Kritiker der SED sowie Freund von Karola und Ernst Bloch 100 Jahre alt geworden. Er stirbt im Alter von 72 Jahren am 10. Juni 1999. Die Online-Lesung erinnert an den Leipziger Professor Dr. Jürgen Teller. Trotz Bedrängung und Verfolgung durch den DDR-Staatssicherheitsdienst behält der blochkundige Jürgen Teller seinen eigenständig unabhängigen Kopf.

Jürgen Tellers Denken und Handeln lässt sich nicht nur anhand seines fachlich-wissenschaftlichen Wirkens als Germanist und Lektor umreißen. Deutlich wird seine aufrechte Haltung gegen das DDR-Regime gerade auch in dem zeitgeschichtlich außerordentlichen Briefwechsel-Band unter dem Titel „Briefe durch die Mauer“, der zehn Jahre nach Jürgen Tellers Tod erscheint.

In der Zeit, als Ernst und Karola Bloch in Leipzig leben und Ernst Bloch an der dortigen Universität bis zu seinem Rauswurf lehrt, beginnt eine enge Freundschaft zu Jürgen Teller, dem Bloch-Schüler, sowie zu Johanna Teller. Nachdem die Blochs 1961 kurz vor der Schließung der Mauer bei einem Aufenthalt im Westen entscheiden, nicht mehr in die DDR zurückkehren, setzt sich die Freundschaft in einem jahrzehntelangen deutsch-deutschen Briefwechsel fort.

Eine oft verschlüsselte, über Jahrzehnte andauernde Korrespondenz zwischen DDR-Kritikern in Leipzig und BRD-Kritikern in Tübingen offenbart eine besondere Facette deutsch-deutscher Geschichte. Unter dem Titel „Briefe durch die Mauer“ haben Jan Robert Bloch, Anne Frommann, Irene Scherer und Welf Schröter den teilweise chiffrierten Briefwechsel zwischen dem Philosophen Ernst Bloch, der Architektin Karola Bloch, beide Tübingen, sowie dem Philosophen und Blochschüler Jürgen Teller und der Galeristin Johanna Teller, beide Leipzig, im Talheimer Verlag veröffentlicht. Unter den Decknamen „Marcion“, „Polonia“, „Major Tellheim“ und „Minna von Barnhelm“ senden die Oppositionellen-Ost über Jahrzehnte heimliche Botschaften an die Oppositionellen-West und umgekehrt.

Mit der Veröffentlichung des Briefwechsels entsteht ein Impuls für eine Erweiterung der Rezeption der Werke Jürgen Tellers, der in Leipzig als früherer Assistent Blochs unter der Drangsalierung der DDR-Staatssicherheit leidet. In diesem außergewöhnlichen Buch trifft sich die „andere“ DDR mit der „anderen“ BRD: Ein Dialog jener, die in ihren jeweils verschiedenen Gesellschaften zu oppositionellen Andersdenkenden werden. Die Lesung zeigt auch die bittere Ironie Tellers über das SED-Reich „Pachulkistan“ auf.

Aus mehr als zweihundert Briefen mit mehr als eintausend erklärenden Fußnoten entfalten sich die enttäuschten Hoffnungen zweier Generationen wie auch die Freude über den Sturz der SED. In den Kassibern werden viele Köpfe wieder lebendig: Hans Mayer, der in den Briefen an Bloch als „Literaturfreund“ benannt wird und bei dem Jürgen Teller nach dem Weggang Ernst Blochs promovieren will, Bertolt Brecht, Eberhardt Klemm, Uwe Johnson, Siegfried Unseld, HAP Grieshaber u.a.m.

Jahre später finden sich in Verstecken weitere Korrespondenzen. Sie sind vor den Hausdurchsuchungen der StaSi verborgen geblieben und erscheinen 2015 im Band „,Etwas, das in die Phantasie greift‘. Briefe von Karola Bloch an Siegfried Unseld und an Jürgen Teller.“

.

Ausgewählte Literaturempfehlungen zum Weiterlesen

Jan Robert Bloch, Anne Frommann, Welf Schröter (Hg.): Briefe durch die Mauer. Briefwechsel 1954–1998 zwischen Ernst und Karola Bloch sowie Jürgen und Johanna Teller. 2009, 344 Seiten, ISBN 978-3-89376-113-5.

Irene Scherer, Welf Schröter (Hg.): „Etwas, das in die Phantasie greift“. Briefe von Karola Bloch an Siegfried Unseld und an Jürgen Teller. 2015, 392 Seiten, ISBN 978-3-89376-156-2.

Welf Schröter: „Sonst ist es fein still auf dem schneebedeckten Brachland Pachulkistans“ – Widerstehen durch die Mauer hindurch. Der deutsch-deutsche Briefwechsel von Johanna & Jürgen Teller (Leipzig) mit Ernst & Karola Bloch (Tübingen). Zum 20. Todestag von Jürgen Teller. In: Heidi Beutin, Wolfgang Beutin, Heinrich Bleicher-Nagelsmann, Michael Walter, Claudia Wörmann-Adam (Hg.): „Widerstand ist nichts als Hoffnung“. Widerständigkeit für Freiheit, Menschenrechte, Humanität und Frieden. 2021, 384 Seiten, S. 301–317, ISBN 978-3-89376-190-6.

Gert Roßberg: Es gibt Preise, die zahlt man nicht. Abschied von Jürgen Teller. In: Francesca Vidal (Hg.): Bloch-Jahrbuch 1998/99. Natur – Arbeit – Ästhetik. Anlässlich des fünften Todestages von Karola Bloch. 1999, 160 Seiten, ISBN 978-3-89376-086-2.

Ingrid Sonntag: Freundschaft als Refugium. Briefe zwischen Ernst & Karola Bloch und Jürgen & Johanna Teller. In: Irene Scherer, Welf Schröter (Hg.): Karola Bloch – Architektin, Sozialistin, Freundin. 2010, 392 Seiten, ISBN 978-3-89376-073-2.

Jürgen und Johanna Teller: Glückwunsch zum 86. Geburtstag. Brief an Karola Bloch. In: Irene Scherer, Welf Schröter (Hg.): Karola Bloch – Architektin, Sozialistin, Freundin. 2010, 392 Seiten, ISBN 978-3-89376-073-2.

Jürgen und Johanna Teller: „Dem Altern kann man halt nur mit Heiterkeit begegnen.“ Brief an Karola Bloch. In: Irene Scherer, Welf Schröter (Hg.): Karola Bloch – Architektin, Sozialistin, Freundin. 2010, 392 Seiten, ISBN 978-3-89376-073-2.

Jürgen Teller: Die große alte Dame der Linken. In: Anne Frommann, Welf Schröter (Hg.): „Ich gehe zu jenen, die mich brauchen“. Zum 85. Geburtstag von Karola Bloch. 1991, 192 Seiten, ISBN 978-3-89376-013-8.

Jürgen Teller: Die Zeit in der DDR. In: Anne Frommann, Welf Schröter (Hg.): Karola Bloch – Die Sehnsucht des Menschen, ein wirklicher Mensch zu werden. Reden und Schriften in zwei Bänden. Mit einem Nachwort von Jürgen Teller (1926–1999) und einem Beitrag von Hans Mayer (1907–2001) über Ernst Bloch. 1989/90, 340 Seiten, ISBN 978-3-89376-003-9.

.

Philosophische Missverständnisse im Umgang mit der sogenannten „Künstlichen Intelligenz“

Wenn sich eine Gruppe von Menschen trifft und zwanglos über die Freude am Essen redet, zeigt sich nicht selten ein Missverständnis. Alle reden vom Essen, doch jede und jeder verbindet mit dem Wort Essen etwas anderes. Der eine Teil denkt an eine gesunde, wohlschmeckende und nachhaltig zubereitete Speise mit wenigen Essensresten als Abfall. Der andere Teil hat eine Nahrungsaufnahme im Fast-Food-Restaurant im Blick mit Standardware und einem großen Berg Plastikmüll. Für alle Beteiligten wird bald klar, Essen ist nicht gleich Essen.

Wenn sich eine Gruppe philosophisch geprägter Menschen begegnet, um über die Freude an der Sprache zu diskutieren, zeigt sich alsbald ein vergleichbares Missverständnis. Alle Beteiligten sehen sich als kompetent im Umgang mit der sogenannten „Künstlichen Intelligenz“. Der Fachbegriff der Annäherung der Gruppe an die vermeintliche „KI“ lautet „Sprachanalyse“. Alle Beteiligten wollen „sprachanalytisch“ vorgehen. Doch nach längerer Debatte wird immer deutlicher, dass Sprachanalyse nicht gleich Sprachanalyse ist.

Während die eine Seite sich unter Sprachanalyse einen computerlinguistischen Weg im Geiste Wittgensteins und Searles vorstellt und dabei die sprachsemantische Entleerungen mit Hilfe von Software-Modellen auf positivistischer Basis zugunsten mathematischer Handhabbarkeit anstrebt, wählt der andere Teil einen gegenläufigen Ansatz. Statt kontextloser Sprachanalyse und fehlender sozialer Gehalte der Sprache soll Sprachanalyse in gesellschaftliche Bedingungen und Zusammenhänge gefasst und materialistisch eingebettet sein.

In letztere fügen sich die philosophischen Auslegungen Helmut Fahrenbachs und Ernst Blochs ein. Deren Ansatz sprachanalytischen Vorgehens in jeweiligem Kontextbezug entzieht sich positivistischer Mathematisierung. Wer mit Hilfe Blochs und Fahrenbachs Denken die „Sprachmodelle“ sogenannter „KI“ begründen sowie fundieren zu können glaubt, irrt. Die Kontextsetzungen Fahrenbach‘scher und Bloch‘scher gesellschaftlicher Leitmotive folgen eher der Marcuse‘ischen Kritik an Wittgenstein. Es gibt keine gesellschaftspolitisch neutralen Sprachmodelle. So wie es auch keine neutrale Technik gibt. Sie tragen jeweils den Stand der gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse in sich.

Zukunftsweisendes sprachanalytisches Denken kann nicht kontextlos, entleert und geschichtslos erfolgen. Fahrenbachs wie Blochs offene Zielorientierung als Möglichkeit schließt zwar ein Scheitern im Sinne belehrter Hoffnung (Docta Spes) ein, verweigert sich aber einer Entpolitisierung und Entgesellschaftung. Auch die Algorithmen der „Großen Sprachmodelle“ (Large Language Models) sind zeitbezogen und somit an gesellschaftliche Rahmenbedingungen gebunden. Ich füge hinzu: Der Algorithmus ist selbst politisch. Er trägt die Widersprüche der eigenen Zeit mit sich.

Im Sinne Fahrenbachs gehört zur Sprachanalyse immer auch die Existenzanalyse. Die Sprache ist Medium des Denkens, des Erkennens und der Reflexion. Es bedarf der kritischen Sprachreflexion statt eines affirmativen Kopierens von Sprachmodellen.

Für Fahrenbach gilt die „dialektische Grundsituation der menschlichen Existenz“ (Problemlagen, 231): „Denn erst in der Perspektive des den Möglichkeits- und Zukunftshorizont erschließenden antizipierenden Bewusstseins wird die Möglichkeitsdimension der Welt und des Wirklichen selbst als objektives Korrelat entdeckt.“ (Fahrenbach, Problemlagen, 213).

Legt man diese Aussage zugrunde, wird Fahrenbachs Einordnung der notwendigen Hinwendung zum Thema Sprache deutlich: „Philosophie ist ihrer Reflexionsform (Methode) nach ein prinzipiell selbstreflektiertes Denken, das die im kritischen Denken sich erschließenden Voraussetzungen und Grenzen der Geltung von Erkenntnisansprüchen klärt und erörtert. Denken vollzieht sich wesentlich im ‚Medium‘ der Sprache bzw. als Sprechen (Rede), worin es allererst bestimmt, entwickelt, mitgeteilt und reflektiert wird – und zwar als ‚wissenschaftliches‘, methodisches Denken in der Weise begrifflichen Bestimmens und logischen Folgerns bzw. argumentativen Verknüpfens von Aussagen, sowie der kritischen Prüfung und Begründung ihres Sinnes und Wahrheitswertes. Philosophisches Denken muss sich in seiner transzendental-strukturellen Reflexionsbewegung – und als Metatheorie wissenschaftlicher Erkenntnis – methodisch auch auf die Analyse ‚sprachlogischer‘ Zusammenhänge richten, d.h. die Kriterien sprach- und begriffsanalytischer Klärung der Bedeutung von Ausdrücken und des Sinnes von Aussagen bzw. Fragestellungen sowie der argumentations- und diskurslogischen Prüfung des Geltungsanspruches von Tatsachen – Behauptungen, Theorien, Normen, Imperativen, Postulaten u.a. – klarlegen“. (Fahrenbach, Problemlagen, 125).

So betrachtet stellt das philosophische Werk Helmut Fahrenbachs keinen instrumentellen Baustein der auf der Wahrscheinlichkeits-Mathematik basierenden Sprach„analyse“ von digital-positivistischen Sprachmodellen sogenannter „KI“ dar. Fahrenbachs Ansatz formuliert das Gegenteil. Sein sprachanalytisches Denken entstand vor dem Auftritt angeblicher „Superintelligenz“ und ist objektiv dieser faktisch entgegengesetzt sowie in kritischer Distanz gesellschaftlich-emanzipatorisch in Richtung des Humanums erheblich voraus.

Wer heute Fahrenbachs Denken transhumanistisch eingemeinden und evolutionistisch-posthumanistischer Ideologie zuweisen will, dem sei geraten, das Werk Fahrenbachs zu lesen. Datenverarbeitung stellt kein Denken und kein Lernen dar. Es sind die Reflexionsfähigkeit und die Utopie- sowie Hoffnungsfähigkeit, die den Menschen prägen. „Mensch sein heißt wirklich: Utopie haben.“ (Bloch, Tübinger Einleitung).

(Ein Beitrag von Welf Schröter für bloch-blog.de)

.

Verweise: Siehe Helmut Fahrenbach: Existenzanalyse und Sprachreflexion (2024; ISBN 978-3-89376-200-2) und Helmut Fahrenbach: Philosophie kommunikativer Vernunft (2022; ISBN 978-3-89376-196-8 und Helmut Fahrenbach: Problemlagen und Perspektiven der Philosophie im 20. Jahrhundert (2022; 978-3-89376-194-4). Siehe auch: www.bloch-blog.de/philosophie-existenzanalyse-sprachreflexion/

.