Wenn sich eine Gruppe von Menschen trifft und zwanglos über die Freude am Essen redet, zeigt sich nicht selten ein Missverständnis. Alle reden vom Essen, doch jede und jeder verbindet mit dem Wort Essen etwas anderes. Der eine Teil denkt an eine gesunde, wohlschmeckende und nachhaltig zubereitete Speise mit wenigen Essensresten als Abfall. Der andere Teil hat eine Nahrungsaufnahme im Fast-Food-Restaurant im Blick mit Standardware und einem großen Berg Plastikmüll. Für alle Beteiligten wird bald klar, Essen ist nicht gleich Essen.
Wenn sich eine Gruppe philosophisch geprägter Menschen begegnet, um über die Freude an der Sprache zu diskutieren, zeigt sich alsbald ein vergleichbares Missverständnis. Alle Beteiligten sehen sich als kompetent im Umgang mit der sogenannten „Künstlichen Intelligenz“. Der Fachbegriff der Annäherung der Gruppe an die vermeintliche „KI“ lautet „Sprachanalyse“. Alle Beteiligten wollen „sprachanalytisch“ vorgehen. Doch nach längerer Debatte wird immer deutlicher, dass Sprachanalyse nicht gleich Sprachanalyse ist.
Während die eine Seite sich unter Sprachanalyse einen computerlinguistischen Weg im Geiste Wittgensteins und Searles vorstellt und dabei die sprachsemantische Entleerungen mit Hilfe von Software-Modellen auf positivistischer Basis zugunsten mathematischer Handhabbarkeit anstrebt, wählt der andere Teil einen gegenläufigen Ansatz. Statt kontextloser Sprachanalyse und fehlender sozialer Gehalte der Sprache soll Sprachanalyse in gesellschaftliche Bedingungen und Zusammenhänge gefasst und materialistisch eingebettet sein.
In letztere fügen sich die philosophischen Auslegungen Helmut Fahrenbachs und Ernst Blochs ein. Deren Ansatz sprachanalytischen Vorgehens in jeweiligem Kontextbezug entzieht sich positivistischer Mathematisierung. Wer mit Hilfe Blochs und Fahrenbachs Denken die „Sprachmodelle“ sogenannter „KI“ begründen sowie fundieren zu können glaubt, irrt. Die Kontextsetzungen Fahrenbach‘scher und Bloch‘scher gesellschaftlicher Leitmotive folgen eher der Marcuse‘ischen Kritik an Wittgenstein. Es gibt keine gesellschaftspolitisch neutralen Sprachmodelle. So wie es auch keine neutrale Technik gibt. Sie tragen jeweils den Stand der gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse in sich.
Zukunftsweisendes sprachanalytisches Denken kann nicht kontextlos, entleert und geschichtslos erfolgen. Fahrenbachs wie Blochs offene Zielorientierung als Möglichkeit schließt zwar ein Scheitern im Sinne belehrter Hoffnung (Docta Spes) ein, verweigert sich aber einer Entpolitisierung und Entgesellschaftung. Auch die Algorithmen der „Großen Sprachmodelle“ (Large Language Models) sind zeitbezogen und somit an gesellschaftliche Rahmenbedingungen gebunden. Ich füge hinzu: Der Algorithmus ist selbst politisch. Er trägt die Widersprüche der eigenen Zeit mit sich.
Im Sinne Fahrenbachs gehört zur Sprachanalyse immer auch die Existenzanalyse. Die Sprache ist Medium des Denkens, des Erkennens und der Reflexion. Es bedarf der kritischen Sprachreflexion statt eines affirmativen Kopierens von Sprachmodellen.
Für Fahrenbach gilt die „dialektische Grundsituation der menschlichen Existenz“ (Problemlagen, 231): „Denn erst in der Perspektive des den Möglichkeits- und Zukunftshorizont erschließenden antizipierenden Bewusstseins wird die Möglichkeitsdimension der Welt und des Wirklichen selbst als objektives Korrelat entdeckt.“ (Fahrenbach, Problemlagen, 213).
Legt man diese Aussage zugrunde, wird Fahrenbachs Einordnung der notwendigen Hinwendung zum Thema Sprache deutlich: „Philosophie ist ihrer Reflexionsform (Methode) nach ein prinzipiell selbstreflektiertes Denken, das die im kritischen Denken sich erschließenden Voraussetzungen und Grenzen der Geltung von Erkenntnisansprüchen klärt und erörtert. Denken vollzieht sich wesentlich im ‚Medium‘ der Sprache bzw. als Sprechen (Rede), worin es allererst bestimmt, entwickelt, mitgeteilt und reflektiert wird – und zwar als ‚wissenschaftliches‘, methodisches Denken in der Weise begrifflichen Bestimmens und logischen Folgerns bzw. argumentativen Verknüpfens von Aussagen, sowie der kritischen Prüfung und Begründung ihres Sinnes und Wahrheitswertes. Philosophisches Denken muss sich in seiner transzendental-strukturellen Reflexionsbewegung – und als Metatheorie wissenschaftlicher Erkenntnis – methodisch auch auf die Analyse ‚sprachlogischer‘ Zusammenhänge richten, d.h. die Kriterien sprach- und begriffsanalytischer Klärung der Bedeutung von Ausdrücken und des Sinnes von Aussagen bzw. Fragestellungen sowie der argumentations- und diskurslogischen Prüfung des Geltungsanspruches von Tatsachen – Behauptungen, Theorien, Normen, Imperativen, Postulaten u.a. – klarlegen“. (Fahrenbach, Problemlagen, 125).
So betrachtet stellt das philosophische Werk Helmut Fahrenbachs keinen instrumentellen Baustein der auf der Wahrscheinlichkeits-Mathematik basierenden Sprach„analyse“ von digital-positivistischen Sprachmodellen sogenannter „KI“ dar. Fahrenbachs Ansatz formuliert das Gegenteil. Sein sprachanalytisches Denken entstand vor dem Auftritt angeblicher „Superintelligenz“ und ist objektiv dieser faktisch entgegengesetzt sowie in kritischer Distanz gesellschaftlich-emanzipatorisch in Richtung des Humanums erheblich voraus.
Wer heute Fahrenbachs Denken transhumanistisch eingemeinden und evolutionistisch-posthumanistischer Ideologie zuweisen will, dem sei geraten, das Werk Fahrenbachs zu lesen. Datenverarbeitung stellt kein Denken und kein Lernen dar. Es sind die Reflexionsfähigkeit und die Utopie- sowie Hoffnungsfähigkeit, die den Menschen prägen. „Mensch sein heißt wirklich: Utopie haben.“ (Bloch, Tübinger Einleitung).
(Ein Beitrag von Welf Schröter für bloch-blog.de)
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Verweise: Siehe Helmut Fahrenbach: Existenzanalyse und Sprachreflexion (2024; ISBN 978-3-89376-200-2) und Helmut Fahrenbach: Philosophie kommunikativer Vernunft (2022; ISBN 978-3-89376-196-8 und Helmut Fahrenbach: Problemlagen und Perspektiven der Philosophie im 20. Jahrhundert (2022; 978-3-89376-194-4). Siehe auch: www.bloch-blog.de/philosophie-existenzanalyse-sprachreflexion/
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