Konstruktion und De-Konstruktion von Identität

(Foto: © Welf Schröter) Konfrontationen der Identität - Konfrontationen der Architektur

(Foto: © Welf Schröter) Konfrontationen der Identität – Konfrontationen der Architektur

Ist die Herausbildung von Identität „ein lebenslanger Prozess der Konstruktion und Revision von Selbstbildern“? Erreicht der Mensch „Identität“ oder bestenfalls „Identitäten“? – In einer modernen Welt soll und muss Identität widersprüchlich sein, soll und muss Identitätswechsel erlaubt sein. Identität ist somit formbar und veränderbar. Parallel zum arbeitsweltlich-philosophischen Diskurs über „Identität in der Virtualität“, bei dem Identitätsbildung aus der Digitalisierung und Virtualisierung von Industrie- und Dienstleistungsarbeit abgeleitet werden soll, gab die Staatliche Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart Impulse zur Identitätsdebatte aus künstlerischer und musikalischer Arbeitsperspektive. In ihrer Zeitschrift „Spektrum #23“ durchstreiften Schaffende unterschiedlichster Fachumgebungen ihren Alltag, um Identitätsstiftendes zu finden. Deren Lektüre regt zur konstruktiven Aufhebung an.

„Du wirst, was Du tust“, ruft es aus der tanzenden Musik. Identität ist nicht zwangsläufig vorhanden. Identität ist Werden, ist Prozess. Von Identität lässt sich nicht im Singular sprechen. Identität ist Vielheit, besser noch Vielfalt. Identität entsteht durch Offenheit, mehr noch durch Protest, durch Handeln.

Die Humanisierung der Identität wäre die Forderung nach komplexer Identität. Identität entsteht und wächst durch Differenz. Identität folgt der Konstruktion und De-Konstruktion.

Der Komponist Mauricio Kagel brachte einst das Wort von der „fragmentarischen Identität“ ein. Für Bloch steht hinter dem „Ich“ das Werden zum Wir. Die virtuelle Identität ist nur vordergründig ein „Ich“. Tatsächlich fügt sich das „Ich“ vom Vorgestern zum „Ich“ vom Gestern hinein in das „Ich“ vom Morgen als ungleichzeitiges „Wir“ des Jetzt. „Identität in der Virtualität“ heißt vordergründige Gleichzeitigkeit bei tatsächlicher Ungleichzeitigkeit.

Nicht umsonst rief der biblische Daniel den Engel Gabriel zu interpretierender Assistenz herbei, um zurückliegend Unabgegoltenes im Gesicht des Gegenwärtigen für den hörend Sehenden erkennbar zu machen: „Lege diesem das Gesicht aus, damit er’s versteht.“

 

Cardenal mit Bloch

IMG_1070Ein „utopischer Stern“ habe die beiden Nachdenklichen verbunden, schrieb Karola Bloch im Januar 1981 über Ernesto Cardenal und Ernst Bloch, als die „Architektin des Lebens“ – so die chilenische Künstlerin Margerita Pastene über die Bauhaus-Anhängerin – von ihrer Reise nach Mittelamerika und ihrem Aufenthalt im nicaraguanischen Managua zurückgekehrt war.

Cardenal, der „Theologe der Befreiung“, der die Tagträume eines sozial engagierten Christentums mit den Ansätzen eines antiautoritären Marxismus zu verknüpfen suchte, der aus der Katholischen Kirche exkommuniziert wurde, war damals Kulturminister in der neuen Regierung der FSLN nach dem gewaltsamen Sturz des früheren Diktators Somoza.

Monate vor dem Eintreffen in der Hauptstadt der Sandinisten hatte Karola Bloch Ernesto Cardenal bei dessen Besuch in Tübingen kennengelernt.

Bei einer öffentlichen Ansprache gab Karola Bloch in dem mit sich ringenden Land am Rande des Pazifik hintergründig weitsichtig der Regierung Nicaraguas eine politische Haltungsperspektive Rosa Luxemburgs als Leitmotiv mit auf den weiteren Weg: „Freiheit nur für die Anhänger der Regierung und für die Mitglieder einer Partei – mögen sie noch so zahlreich sein – ist keine Freiheit. Freiheit ist immer die Freiheit des anders Denkenden.“ Der kritische Impuls hat wohl nicht nachhaltig getragen. Ernesto Cardenal brach 1986 mit der FSLN.

Zwei Tage vor der 110. Wiederkehr des Geburtstages von Karola Bloch am 22. Januar konnte Ernesto Cardenal am 20. Januar seinen eigenen 90. Geburtstag feiern. Als Kulturschaffender des Wortes, als Schriftsteller und Lyriker blieb und bleibt er sich bis heute in der Rolle des Mahnenden aus Solentiname treu, wenn auch in der Sprache der Poesie. Felicitaciones!

 

Vor 80 Jahren erschien Ernst Blochs „Erbschaft dieser Zeit“

(Foto: © Welf Schröter)

(Foto: © Welf Schröter)

„Hier wird breit gesehen. Die Zeit fault und kreißt zugleich. Der Zustand ist elend oder niederträchtig, der Weg heraus krumm. Kein Zweifel aber, sein Ende wird nicht bürgerlich sein.“ Mit diesen Worten führte Ernst Bloch, der Philosoph des „Noch-Nicht“ und vehemente Kritiker des Nationalsozialismus, in sein Werk „Erbschaft dieser Zeit“ ein, das im Jahr 1935 in der Schweiz erschien. Als das lange verschollene Buch 1962 vom Autor neu veröffentlicht wird, begrüßt Enzensberger den Band und wendet die methodische Herangehensweise zugleich in die Gegenwart: „Wo aber wäre der Kritiker, der uns die Erbschaft unserer fünfziger Jahre beschriebe, so wie Bloch die seiner Zeit, satt von Anschauung und Erinnerung und hungrig vor Hoffnung?“

„Das Buch ist ein Handgemenge“, schrieb Bloch in den dreißiger Jahren. Im Zentrum steht der Begriff „Ungleichzeitigkeit“, den Bloch Marx aufnehmend auf die Geschichte der Sehnsüchte der Menschen am Ende der Weimarer Republik anlegt und mit dem er zudem den einseitigen analytischen Kältestrom der Komintern kritisierte. „Erbschaft dieser Zeit“ zählt noch heute zu den wichtigsten Erklärungshelfern, wie es zum „Schrecken-Deutschland“, zum Nationalsozialismus kommen konnte. Wenn im Jahr 2015 an die Befreiung Europas vom Nationalsozialismus erinnert wird, sei den Akteuren die Lektüre dieser Schrift vorab empfohlen.

Der „ungleichzeitige Rest“ (Bloch) des alten militärisch-feudalen wilhelminischen Kaiserreiches im Bewusstsein Weimars und die unzureichende Erfüllung der Novemberrevolution haben die Wünsche und Träume der Menschen empfänglich gemacht für die „anachronistische Verwilderung“ (Bloch). Zuwenig hätten die Gegner der NS-Propaganda den „Wärmestrom“(Bloch) die „Schatzkammern einer nicht ganz aufgearbeiteten Vergangenheit“ begriffen und ergriffen. „Der subjektiv ungleichzeitige Widerspruch ist gestaute Wut, (…).“

Im Jahr 2015 ist erneut „gestaute Wut“ zu erkennen, wenn auch eine andere. Ein Blick in „Erbschaft dieser Zeit“ kann beim notwendigen Handeln die „Breite“ sowie den „Stachel der Unsicherheit“ sichtbar machen helfen. „Schon morgen ist jedes Jetzt anders da“(Bloch).

 

Ein Europäer und demokratischer Citoyen ist tot

(Foto: © Welf Schröter)

(Foto: © Welf Schröter)

Er sezierte die Moderne und suchte die Fugen ihrer zentrifugalen Fragmente. Ob Kritik der Technik und Kritik des Gesellschaftlichen, ob Analyse der „Individualisierung“ als Voraussetzung der Emanzipation des Individuums oder hoffnungsvoller Blick auf ein antitotalitäres Europa, er forderte heraus und verlangte seinen Leserinnen und Lesern viel ab. Mit Leidenschaft und Humor ironisierte er die Innenzentrierung des Akademisch-Universitären, organisierte eher Dialoge und Diskurse mit der Zivilgesellschaft. Er drängte auf eine neue Zeit globaler Demokratie und Humanität. Er wollte ein neues Verständnis von Moderne und eine Modernisierung des Sozialen als konkret-utopisches Nahziel.Einer seiner zentralen Begriffe lautete „Entgrenzung“. Dieser analytische Begriff wurde methodischer Bestandteil des gesellschaftlichen Diskurses über die Zukunft der Arbeit. Dort wurde die strukturelle Entgrenzung der Arbeit im Wandlungsprozess hin zu neuen Infrastrukturen der Arbeit als westlicher Vorgang der digital-technischen Umbaus der Industriearbeit benannt. „Entgrenzung“ korrespondiert heute – im Angesicht der Perspektive von „Industrie 4.0“ – mit wachsender Komplexität und Abstraktion als neue Rahmenbedingung der Individuation.

Der überraschende Tod des Soziologen Ulrich Beck, Autor des Werkes über die „Risikogesellschaft“, wendet den Blick auf seine fachlich-wissenschaftlich wie auch gesellschaftlich-politischen Leistungen. Ulrich Beck war kein „Blochianer“, aber er schätzte bei Ernst Bloch vor allem dessen Methodenbaukasten. So war es keine Überraschung, als Beck die Laudatio für die Verleihung des „Ernst-Bloch-Preises“ an den französischen Soziologen Pierre Bourdieu hielt und mit folgender Formulierung seine Rede eröffnete:

„Das Werk und Leben Ernst Blochs lehrt unsereins, dass der Weg zu einer Gesellschaft der Individuen – zu einem Europa der Individuen – nur in Brüchen und Widersprüchen, auch zu sich selbst, möglich wird: ,Ich bin. Aber ich habe mich nicht. Darum werden wir erst‘ lautet der einleitende Satz Ernst Blochs damals wie heute.“

Ulrich Beck sprach auch über sich, als er Bourdieu würdigend ausführte:

„Pierre Bourdieu […] ist der europäische Intellektuelle, der – um Ernst Bloch zu zitieren – ,Widerstand der sozial-humanen Vernunft‘ leistet, ,aktiv, ohne Ausrede‘. Bloch nannte dies ,Pazifismus der Stärke‘ und grenzte es gegen den ,Pazifismus der Schwäche‘ ab, den er ein ,häufiges Gemisch von Limonade und Phrase‘ nannte. Da alle großen Utopien gescheitert sind, argumentiert Bourdieu, können sich selbstkritische Intellektuelle nun endlich darauf besinnen, was sie ganz pragmatisch tun können, beispielsweise ihren Beitrag zu einem Europa der Bürger leisten. Dies mit dem unbeirrbaren Blochschen Blick auf die zu organisierende Mündigkeit getan zu haben und zu tun, macht den umtriebigsten europäischen Intellektuellen Pierre Bourdieu zum Ernst-Bloch-Preisträger 1997.“ (Zitat aus: Ulrich Beck: Mißverstehen als Fortschritt. Europäische Intellektuelle im Zeitalter der Globalisierung. In: Klaus Kufeld (Hg.): Zukunft gestalten. 1998, ISBN 978-3-89376-074-9)

In diesen Sätzen kommt nicht nur das Profil Bourdieus zum Tragen. Hierin lebt vor allen die wache Grundhaltung eines Ulrick Beck.

 

„Verhinderte, im Jetzt enthaltene Zukunft?“ (Bloch)

(Foto: © Welf Schröter)

(Foto: © Welf Schröter)

Die wachsenden Abstraktionen, Virtualisierungen, Komplexitäten, Beschleunigungen und neue Verzeitlichungen fordern Antworten für die Neuverortung des Menschen in einer sowohl evolutionär als auch revolutionär anmutenden globalisierten Vernetzung von Menschen, Dingen, Maschinen und Produkten heraus. Virtuelle und nicht-virtuelle Wirklichkeiten in den Geschäfts- und Arbeitsumgebungen greifen ineinander und erzeugen eine ganzheitlich wahrnehmbare Mischform der Arbeitswelt.Eines der zentralen wachsenden Zukunftsthemen für die Erwerbswelt ist das Entstehen, Sichern und Pflegen von Identität, von Identitätsstiftung aus virtuell-flüchtigen Arbeitsumgebungen. Darin liegt eine wesentliche gesellschaftspolitische Gestaltungsaufgabe. Für eine ökologische, soziale und gesellschaftliche Gestaltung dieses Veränderungsbündels bedarf es einer Erweiterung der bisher zur Verfügung stehenden Handlungskategorien. Eine neue Kategorie ist in der besonderen Hervorhebung einer ganzheitlich verstandenen Sicht der Identität des Individuums in die Perspektive und Praxis von „Industrie 4.0“ zu erkennen. Eine solche positive Aufhebung von Identität ist unabdingbar, um die Entfremdungsdynamiken in der Arbeit und von der Arbeit zu begrenzen und zu bändigen.

Was passiert mit dem menschlichen Subjekt im Spannungsgefüge von Realität und Virtualität, zwischen fiktiver Realität und realer Virtualität? Erleichtert dieses Spannungsgefüge die gesellschaftliche und individuelle Emanzipation oder stellt es ein wachsendes Hemmnis dar? Der Wandel der materiell schöpferischen Arbeit hin zu einer vermehrt immateriell schöpferischen Tätigkeit führt zur Erhöhung der Abstraktion und der Komplexität des Arbeitens. Virtuelle Arbeit erfährt ihren Wert und bringt als Ergebnis der Quantität von Kommunikationsarbeit und Vernetztheit „virtuelle Identität“ hervor. Das „biografische Ich“ verhält sich dabei zu seinem „virtuellen Ich“ ungleichzeitig.

Der Biokybernetiker Valentin Braitenberg (1926-2011) sah in der Erfindung des Computers die sachlich-analytische Antwort und Kritik an der nationalsozialistischen Vergewaltigung der Sprache und der Germanistik. Die Computerei war für Braitenberg, dem Maturana-Schüler, ein aufklärerisch-antitotalitärer und basisdemokratischer Handlungsansatz. Im Gespräch betonte er, dass die Menschen sich mit Hilfe der Rechner von ideologischen Verbrämungen selbst befreien könnten.

„Wenn Du die Welt verändern willst, gib den Menschen die passenden Werkzeuge in die Hand!“ (Sinngemäß zitiert aus den studentischen Forderungen des gesellschaftskritischen „Free Speech Movement“ in Berkeley, California im Jahr 1968). So lautete der Reflex der Protestbewegung der sechziger Jahre. Teile dieser Bewegung entwickelten deshalb die ersten Personal Computer und die passende Netz-Software.

Spiegelt sich mehr als vierzig Jahre danach Unangegoltenes und Uneingelöstes? Ist dies – heute betrachtet – in den Worten Blochs eine „verhinderte, im Jetzt enthaltene Zukunft“?

„Das letzte Wort im Hauptwerk ,Das Prinzip Hoffnung‘ heißt ,Heimat‘. Der Philosoph hofft, daß einmal der Tag kommt, an dem der Mensch seine Identität, seine Heimat finden wird.“ (Karola Bloch)

Entbirgt die Spannung zwischen „biografischem Ich“ und „virtuellem Ich“ ein neues Humanum? Eine endlich humane „Ich“-Identität in Richtung auf die – im Sinne Blochs – vor uns liegende Genesis?

 

Entfremdung und Aufhebung

Hegelinschrift an der Außenfassade des Hauptbahnhof Stuttgart (Foto: © Welf Schröter)

Hegelinschrift an der Außenfassade des Hauptbahnhof Stuttgart (Foto: © Welf Schröter)

Philosophische Annäherungen an den Arbeitsbegriff – Ein Beitrag von Matthias Mayer

In Ansehung philosophie-geschichtlicher Kontextualisierung ist Hegels Versuch einer Definition der Arbeit (die vorher kaum Gegenstand philosophischer Reflexion war) als eine Rechtfertigung zu verstehen. Rechtfertigung wofür? – der produzierenden und kommerzialisierenden Bourgeoisie seiner Zeit, die noch Schuldgefühle in sich trug, weil sie die bis dato herrschende Klasse der Aristokratie durch die Guillotine hat beseitigen lassen, um selbst sich „auf deren Stühle zu setzen“ (Bloch). Seither und aus diesem „schlechten Gewissen“ heraus regiert uns das von Max Weber erkannte protestantische Arbeitsethos (= Ichideal), welches Jean-Paul Sartre in seinem Flaubert als „Ethik der Anti-Physis“ beschreibt und dessen tiefenpsychologische Antriebe Sigmund Freud und – in unseren Tagen – Arno Gruen analysiert haben.

Für Hegel ist der Satz „Ich bin Ich“ (A = A ) die kleinstmögliche aller existierenden „Arbeitseinheiten“. Anders: Selbstbewusstsein (als Identitätsformel) wird von ihm als Bewegung verstanden, als Akt und damit bereits als Arbeit.

„Das arbeitende Bewusstsein ist der Anfang der Bildung, der Anfang der Erfahrung seiner selbst als eines selbstständigen Wesens, als eines Selbstbewusstseins, das sich selbst als ein Selbst erfasst. In der Arbeit als Bildung ist der Anfang der Selbsterfahrung des Selbstbewusstseins als Ich bin Ich zu suchen.“ (Eberhard Braun)

Diese zunächst rein mentale Bewegung (Denken = Überschreiten) erweitert sich durch „Entäußerung“, d. h. im „Kampf um Anerkennung auf Leben und Tod“ zwischen „Herr und Knecht“ sowie um die Arbeit als Stoffwechsel und Ringen mit der Natur sowie um die Arbeit am realen Gegenstand. So bildet sich die Prämisse jenes Arbeitsbegriffs, auf dem der Marxismus seine Theorie vom dialektischen und historischen Materialismus hat errichten können.

„Arbeit, so muss man schließen, ist nicht allein Formieren äußerer Gegenstände, sie ist auch ein Formieren des Bewusstseins. In der Arbeit formiert das Bewusstsein sich selbst; es reflektiert sich selbst und erhebt hierin sich zum wahrhaften Selbstbewusstsein, welches die Form der Allgemeinheit, der bleibenden Gegenständlichkeit erhält.“ (Eberhard Braun)

Der Arbeitsbegriff Hegels entspringt einer Komponente seiner Ontologie (= Logik), welche (bereits) existentialistische Züge aufweist und auf der Sartre später aufbauen wird: der Gegenstand als „Nicht-Ich“ zeigt mir mein „Nichts-Ich“, d. h. mein Ich, das „Nichts“ ist, an, „füllt es aus“. Hegel: „Das Ding ist Ich“ (vielleicht der bedeutendste Satz der „Phänomenologie des Geistes“).

Von Schelling herkommend, hat Hegels Konstruktion des Selbstbewusstseins noch etwas Erzeugendes an sich – daher wird sie von ihm auch als Arbeit (ursprünglich der Natur) gefasst und bezeichnet. Dieser Aspekt entfällt bei Sartre. Ihm genügt schon der reine „Blick des Anderen“, um Ich-Gefühl und Selbstbewusstsein herbei zu führen.

Was bleibt uns also als Erbe des Hegelschen Arbeitsbegriffs? Arbeit verweist uns je auf uns selbst, erfüllt somit eine grundlegende ontologische Funktion. Entfällt diese, beherrschen Entfremdung und Verdinglichung unsere Lebens- wie Arbeitswelt.

 

Arbeit und Identität

(Foto: © Welf Schröter)

(Foto: © Welf Schröter)

Im Rahmen des Diskurses „Identität in der Virtualität“ ergriff der Tübinger Dozent und Philosoph Matthias Mayer in der Reihe „Arbeitswelt trifft Philosophie – Philosophie trifft Arbeitswelt“ das Wort. Er suchte die Verbindung zwischen Arbeit und Identität. Dabei wandte er sich dem Werk des Bloch-Schülers Eberhard Braun zu, der in seiner kritischen Adaption Hegels schrieb:

„Arbeitend erhebt das Selbstbewusstsein sich von seinem Versenktsein in das natürliche Sein zu einem übernatürlichen, geistigen Sein. Arbeit ist, so müssen wir sagen, im Kern absolute Abstraktion, der Beginn der Negation der Negation und deshalb der Anfang des Geistes.“ (Eberhard Braun)

„Hegel begreift das Wesen des Menschen als Prozess der Selbsterzeugung durch Arbeit. Dies ist das Moment, das es zu bewahren und fortzubilden gilt.“ (Eberhard Braun)

Bezugnehmend auf das von ihm mitherausgegebene Buch „Eberhard Braun: Die Rose am Kreuz der Gegenwart. Ein Gang durch Hegels ,Phänomenologie des Geistes‘“ führte Mayer aus:

„Es gibt, verkürzt, zwei Arten der Aufhebung, d.h. der Überwindung der Welt der Erscheinung, der Überwindung der Spaltung der Welt in Subjekt und Objekt. Die eine, von Schelling bevorzugte wie beschriebene, soll durch einen ,mystischen Moment‘ der Unmittelbarkeit sich vollziehen; er nennt sie ,intellektuelle Anschauung‘ . Die andere, von Hegel präferierte und erörterte, soll reflexiv, durch die ,Anstrengung des Begriffs‘  – auch sie spielt hinein in die Symbolik der Rose – gelingen, d.h. durch die mühsam in Begriffen vermittelte Erkenntnis, die zur absoluten Erkenntnis und absoluten Identität führt. ,Wahre Gedanken und wissenschaftliche Einsicht ist nur in der Arbeit des Begriffes zu gewinnen.‘ Beiden Systemen geht es um Identität. Bei Schelling ist sie in der Natur schon a priori grundgelegt.“

Der Charakter der Arbeitswelt ändert sich durch den voranschreitenden Prozess der Digitalisierung und Virtualisierung. Um den Wandel des Kerns der Arbeit zu erkennen und um die Bildung des Ich und der Identität zu erfassen, sei auf eine wesentliche Aussage Brauns verwiesen:

„Aus der Arbeit geht nicht nur die praktische Bildung hervor, die Verbesserung in der Beherrschung natürlicher Dinge. Auch alles theoretische Wissen geht aus der Arbeit hervor. Daraus lässt sich schließen: für Hegel hat Erkenntnis primär die Verfassung von Arbeit. Wie die Arbeit ist auch Erkennen ein Formieren des Gegebenen, und dieses Formieren ist ein Humanisieren, ein Vermenschlichen des ursprünglich den Menschen Fremden. Wenn dies aber richtig ist, dann ist Arbeit der Schlüsselbegriff zu Hegels Philosophie im Allgemeinen und im Ganzen.“ (Eberhard Braun)

Die Befreiung der Arbeit bedarf der Erkenntnis ihrer Entfremdung. Identität entsteht aus Arbeit: „Arbeitend erhebt der Mensch sich zum Denken, zur Vorstellung des Allgemeinen.“ (Braun)

Siehe: Eberhard Braun: Die Rose am Kreuz der Gegenwart. Ein Gang durch Hegels „Phänomenologie des Geistes“. Mit einer Einleitung von Matthias Mayer.

Naturrecht und menschliche Würde

Arno Münster am 3. Dezember 2014 in Tübingen. (Foto: © Welf Schröter)

Arno Münster am 3. Dezember 2014 in Tübingen. (Foto: © Welf Schröter)

Es war ein unzweideutiges Plädoyer für die Freiheit des Menschen, die unter keinem politischen Vorwand und schon gar nicht durch den Avantgardeanspruch irgendeiner Partei eingeschränkt werden dürfe. Mit dieser Haltung eröffnete Arno Münster, der sich in seiner philosophischen Arbeit Ernst Bloch verpflichtet sah und sieht, im denkwürdigen Hörsaal Eins in der Neuen Aula der Tübinger Universität sein Werben um die Verteidigung der Würde des Menschen. Die Freiheit der Citoyenne und des Citoyen ist die Grundlage und Bedingung humaner gesellschaftlicher Emanzipation hin zur – wie Bloch es nannte – Genesis der Menschheit, die diese noch vor sich habe. Es gelte die kantianische Erbschaft in Blochs Denken hervorzuheben, der immer die Trikolore als Ausgangspunkt und Leitmotiv gesellschaftlicher Veränderung annahm. 

Ernst Bloch habe – so Arno Münster – in seinen Isolationsjahren in der DDR zwischen 1957 und 1960, in denen die SED den rebellischen Denker zum Schweigen bringen wollte, sein wichtiges Buch „Naturrecht und menschliche Würde“ verfasst und später in der Bundesrepublik veröffentlicht. Das Werk – so Münster – müsse heute neu gelesen werde. Es habe unabgegoltene Aktualität wie insgesamt der Blochsche Naturrechtsgedanke. 

Bloch, der in den dreißiger Jahren gegen den Protest der aktiven Hitlergegnerin Karola Bloch, seine Wertschätzung Stalins veröffentlichte, hat in diesem Werk faktisch den Stalinismus wie auch den Leninismus kategorial seziert und abgelehnt. Das Buch muss als radikale Kritik am diktatorischen Regime Ulbrichts gelesen werden. Rudolf Bahro konnte später mit seiner „Alternative“ darauf aufsetzen. 

Arno Münster stellte Ernst Bloch in die Tradition des Denkens des französischen Kriegsgegners Jean Jaurès, der vor 100 Jahren zu Beginn des Ersten Weltkrieges einem politischen Attentat zum Opfer fiel. Auch Jaurès sah im Dokument der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ das Schlüsseldokument europäischer Freiheitsbestrebungen.

„Es gibt kein richtiges 1917 ohne ein richtiges 1789“ (Arno Münster).

 

 

Das Digitale als Allianz zwischen Mensch und Technik?

Klaus Kornwachs am 29. November 2014 auf Einladung des Forum Soziale Technikgestaltung im Ernst-Bloch-Zentrum in Ludwigshafen am Rhein (Foto: © Welf Schröter)

Klaus Kornwachs am 29. November 2014 auf Einladung des Forum Soziale Technikgestaltung im Ernst-Bloch-Zentrum in Ludwigshafen am Rhein (Foto: © Welf Schröter)

Vor einem übergroßen Porträt des Philosophen Ernst Bloch eröffnete der blochkritische Technikphilosoph Klaus Kornwachs seine nachdenkliche Rede über „Industrie 4.0 – Ungleichzeitigkeit und Allianztechnik“ mit einem Bloch-Zitat aus dem „Prinzip Hoffnung“: „Unsere bisherige Technik steht in der Natur wie eine Besatzungsarmee im Feindesland und vom Landesinneren weiß sie nichts, die Materie der Sache ist ihr transzendent.” 

Nach ausgiebiger Analyse ökonomischer und produktionstechnischer Tendenzen der letzten Jahre wandte sich der technikaffine Redner den prognostizierbaren Auswirkungen von „Industrie 4.0“ zu. Bezugnehmend auf den Titel der Tagung „Identität in der Virtualität“ in der Reihe „Arbeitswelt trifft Philosophie – Philosophie trifft Arbeitswelt“ wagte er eine anspruchsvolle These zur Notwendigkeit neuer Wege der Technikgestaltung im Hinblick auf die heraufziehende Logik von „Industrie 4.0“: „Das Entstehen von Fachkräftemangel und Sockelarbeitslosigkeit durch Anpassungsprobleme an gestiegene Qualifikationsanforderungen ist nicht nur eine Herausforderung an die Ökonomie und Wirtschaftspolitik (Politische Ökonomie), sondern auch an die Technikgestaltung und die Innovationsfähigkeit.“ (Kornwachs)

Kern der Überlegungen Kornwachs‘ ist die Annahme, dass die neue Generation digitaler Software und leistungsfähiger Netze die Widersprüche zwischen Mensch und Technik weniger vertiefen sondern eher aufheben helfe. Er setze auf eine Vermittlungsfunktion des Digitalen, die eine neuartige, durchaus kreative Allianz zwischen Mensch und Technik möglich mache.

Die Transformation der Arbeit geschehe dabei unter den Bedingungen gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und technologischer Ungleichzeitigkeit. Kornwachs: „Außerdem lösen die technischen Möglichkeiten nicht nur die klassischen Vorstellungen von Arbeitsort und Arbeitszeit und Identität auf, sondern es gibt jetzt schon eine breite Koexistenz völlig unterschiedlicher Formen von Arbeitsorganisationen und Formen von Arbeitsteilung nebeneinander, die miteinander zu vermitteln durch die IKTs immer besser ermöglicht wird, für den Einzelnen aber undurchschaubar ist.“ 

Blochs Allianzverständnis müsse daher aktualisiert und in Kritik am Hegelschen Arbeitsbegriff weiterentwickelt werden.

 

 

Von der Singularität des Menschen zur Singularität der Maschine

(Foto: © Welf Schröter)

(Foto: © Welf Schröter)

Aus dem Kreis der IT-Szene Kaliforniens kommen seit geraumer Zeit neue Thesen. Es heißt, bis zum Ende des 20. Jahrhunderts habe die Technikentwicklung die Begrenzung des Menschen auf sein biologisches Dasein konfirmiert. Seit Beginn des 21. Jahrhunderts aber sei ein neuer Menschheitstraum auf die Bühne getreten. Die Singularität des Menschen werde von der Singularität der Technik abgelöst. In rund einem Jahrzehnt sei die Computertechnik soweit, ein Menschliches Gehirn abzubilden. In drei bis vier Jahrzehnten werde die Leistungsfähigkeit des organischen Gehirns durch ein technisches Gehirn um das millionen- bis milliardenfache überflügelt.Kern des Traums ist nicht die Ersetzung des Gehirns durch ein technisches Artefakt, sondern die Kombination von organischer mit anorganischer Materie.

Die Informationstechnik sieht sich nicht mehr als Gegenstück zum Menschen sondern als dessen verewigendem inneren Bestandteil. Zwischen Google, Facebook und Apple kreist eine Diskussion unter dem Namen Transhumanismus. Die Verschmelzung des Menschen mit der IT-Technik.Der Traum sieht nicht nur die Verlängerung der Existenz von Informationstechnik, sondern den Ausbruch des Menschen aus seiner biologischen Begrenztheit vor. Der Paradigmenwechsel liegt nicht in der Humanisierung des Menschen sondern in der Humanoidisierung der Maschine.

Dabei greifen die Apologeten des Transhumanismus auf philosophische Traditionen zurück. „Denken heißt Überschreiten“ formulierte einstens Ernst Bloch. Die Transhumanisten wollen überschreiten. Sie überschreiten jedoch die humane ethische Dimension menschlicher Kultur. Der Rückgriff in Silicon Valley auf Bloch und Adorno mag verblüffen. Es ist ein Fehlgriff. Denn beide Denker haben ihre Utopie-Kontroverse stets als Veredelung des Menschen nicht als Veredelung von dessen technischer Kopie verstanden. Transhumanismus ist nicht die Fortführung der „konkreten Utopie“ des Menschen sondern dessen Verkehrung in eine algorithmische Ultima Ratio.

Die philosophische Kontroverse in Europa hinkt dieser Debatte weit hinterher. Es bedarf eines öffentlichen gesellschaftlichen Diskurses über die Zukunft des Menschenbildes. Die Idee, den religiösen Ewigkeitsanspruch technisch humanoid zu realisieren, offenbart dialektisch eher die Forderung nach einer Aufhebung in einer – nach Bloch – sozialen Genesis statt der körperlichen Abstraktion der biologischen Endlichkeit. Der Traum der Unendlichkeit im Jenseits will sich informationstechnisch in einen Traum der Unendlichkeit im Diesseits verwandeln.

Vor kurzem warf ein Wissenschaftler in einem renommierten Forschungsinstitut provokativ ein, der Mensch sei ohnehin nur „ein Datum“. Damit war nicht die zeitliche Perspektive sondern die numerische gemeint. Der Mensch als quantifizierende Summe aus Informationen und Daten. Sicherlich lässt sich die menschliche Existenz auch als „Datum“ beschreiben. Jedoch lässt sie sich nicht darauf reduzieren.

Schon einmal versuchten Anhänger der „Vorsehung“, Menschen nur auf ein numerisches Datum, eine mehrstellige Zahl zurückzuführen. Sie wurde in die Haut eingefügt. Die Überlebenden trugen sie als Zeichen bis an ihr Lebensende. Die Reduktion des Menschen auf sein „Datum“ wäre Grundlage einer inhumanen Gesellschaft. Eine Anti-Utopie.