Vollzahl der Zeiten

(Foto: Welf Schröter)

Lange vor der Herrschaft der Inkas in Lateinamerika entfaltete sich im Gebiet des heutigen Peru die indianische Hochkultur der Chachapoya. Ihr Totenkult zeichnete sich dadurch aus, dass sie den Schädel ihrer verstorbenen Angehörigen im eigenen komplex in Felswände erbauten steinernen Wohnhaus begruben. Sie waren davon überzeugt, dass die Toten somit weiterhin unter den Lebenden verblieben. Vergangene Zeit sollte gleichzeitig sein und gegenwärtig bleiben.

Der vom Protestantismus geleitete Denker, Kenner vorchristlicher Kulturen und Hitlergegner Eugen Rosenstock-Huessy sah die kommende Gleichzeitigkeit vergangener Menschenzeiten in der Zukunft des diesseitigen und jenseitigen Humanum. Die religiöse Erfüllung des Menschentraumes identifizierte er in einem neuen Zusammenleben, in der Anerkennung des „Du“ des Anderen als Anerkennung des eigenen „Ich“, und in der Hoffnung auf Heimat im christlichen Erlösungsprozess. Wenn die gelebten Leben von Vergangenheit und Gegenwart in der Zukunft zur „Vollzahl der Zeiten“ gelangen, wird Ungleichzeitigkeit gleichzeitig.

„Der Zeiten sind mehrere. Jeder zeitlichen Menschenart kommen ihre Bahnen, Räume, Alter zu. Je vollzähliger wir sie anerkennen, desto weiter greift der Frieden. Friedfertig werden wir, stille in unserem Land und voll der Klänge unserer Stunde, wenn wir das Erbe bewähren, das wir empfangen haben: die Vollzahl der Zeiten.“ So schrieb Rosenstock-Huessy in seinem Hauptwerk „Im Kreuz der Wirklichkeit – Eine nach-goethische Soziologie“ in Band drei mit dem Titel „Die Vollzahl der Zeiten“. „Der vollständige Mensch“ komme „sicher nicht aus den vereinzelten Zeiten, sondern nur aus ihrer Vollzahl.“

Ernst Bloch, der Denker des „Noch-Nicht“ und der Antizipation konkret-utopischer – nicht utopistischer – „Heimat“, war in seinem ersten Hauptwerk „Geist der Utopie“, das 1918 erschien, von tiefer christlicher Religiosität und beginnendem marxistischen Rebellentum geprägt. Er schrieb: „Alles könnte vergehen, aber das Haus der Menschheit muss vollzählig erhalten bleiben und erleuchtet stehen, damit dereinst, wenn draußen der Untergang rast, Gott darin wohnen und uns helfen kann – und solches führt aus der Seelenwanderung heraus auf den Sinn der echten sozialen, historischen und kulturellen Ideologie.“

Fünf Jahre später veröffentlichte Bloch eine überarbeitete Fassung von „Geist der Utopie“. In der Version von 1923 greift er die Idee der „Vollzahl“ erneut auf: „Und vor allem eben, über der uns immer wieder repetierbaren, sinnhafter umspielbaren Geschichte, läßt die Seelenwanderung zugleich alle Subjekte am Ende der Geschichte präsent, bewährt präsent sein, garantiert sie den Begriff der ,Menschheit‘ in seiner dereinst höchst konkret vollzähligen, absoluten Entität.“

Im Begriff der „Vollzahl der Zeiten“ suchten Rosenstock-Huessy wie auch Bloch nach der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Für Bloch liegt dort die „Heimat“. In der Zukunft. Als kommende Genesis.

Beide Denker begannen ihre Werke als Reaktion auf die Schrecken des Ersten Weltkrieges, der vor einhundert Jahren seinen Anfang nahm.

 

Eugen Rosenstock-Huessy: Im Kreuz der Wirklichkeit. Eine nach-goethische Soziologie. Talheimer Ausgabe. Band 1: Übermacht der Räume; Band 2: Vollzahl der Zeiten 1; Band 3: Vollzahl der Zeiten 2. Verbesserte, vollständige und korrigierte Neuausgabe mit Namen- und Sachregister. Herausgegeben von Michael Gormann-Thelen, Ruth Mautner, Lise van der Molen. Mit einem Vorwort von Irene Scherer und einem Nachwort von Michael Gormann-Thelen. 2008/2009, 1.964 Seiten, Ausgabe in drei Bänden.

Von Prag nach New York

Vor 75 Jahren – am 15. März 1939 – ließ der NS-Staat seine Wehrmachtstruppen in die Tschechoslowakei – in Prag – einmarschieren. Prag sollte ein Ort des „Dritten Reiches“ werden. Kaum war die SS auf dem Wenzelsplatz angekommen, startete die Gestapo die „Aktion Gitter“. Mehr als eintausend politische Emigranten und Hitlergegner wurden verhaftet. Seit 1933 waren Schriftsteller, Intellektuelle, jüdische Oppositionelle, Freunde des Bauhauses in die Moldaustadt geflohen, um der Verfolgung der Nazis zu entgehen.

Unter den Emigranten befanden sich auch Ernst und Karola Bloch. Ihr Sohn Jan Robert Bloch wurde in Prag geboren. Die Architektin und politische Aktivistin Karola Bloch hatte ausreichend Praxis- und Lebenserfahrung gesammelt, um rechtzeitig zu erkennen, dass ein drohender Einmarsch deutscher Militärverbände für sie Gefahr an Leib und Leben bedeutete. Sie drängte zum Aufbruch und stellte die Koffer bereit. Noch immer hält sich heute unter Bloch-Freunden die Anekdote, dass Ernst Bloch damals in Prag unwillig die Kofferpackerei verfolgte und wiederholt fragte: „Wieso müssen wir weg?“ Die Blochs reisten ins polnische Gdynia und verließen am 3. Juli 1938 per Schiff den europäischen Kontinent in Richtung der Freiheitsstatue in New York.

Ernst Bloch hatte erst viel später vollständig begriffen, was Karola Bloch vollbracht hatte. Er widmete ihr ein weiteres Mal einen seiner philosophischen Werkbände. Zu Beginn von „Tendenz – Latenz – Utopie“ heißt es: „Für meine Frau Karola, Mann und Werk vor den Nazis rettend“. In den USA schrieb Bloch sein philosophisches Hauptwerk.

Als in der Tübinger Zeit nach 1961 Professoren, Journalisten und Bekannte die Blochsche Wohnung besuchten, wollten die meisten in Karola Bloch nur eine Frau an seiner Seite erkennen, eine unscheinbare Hausfrau. Doch die aktive jüdische Widerstandskämpferin Karola Bloch war in den dreissiger Jahren unter dem Decknamen „Olga“ durch den SS-Staat gereist, um Gleichgesinnte gegen Hitler zu unterstützen. Unter Einsatz ihres Lebens spürte sie hautnah die Gefahr. Ihre Lebensklugheit retteten Mann, Sohn, philosophische Manuskripte und sie selbst. Karola Blochs Familie blieb in Europa und wurde im KZ Treblinka ermordet.

Bloch-Wörterbuch

Das Werk mit seinen 744 Seiten hat Gewicht, nicht nur, wenn es dem Leser in die Hand fällt. Das neue „Bloch-Wörterbuch“ stellt einen wichtigen Meilenstein der aktuellen fachlichen Bearbeitung des philosophischen Denkens von Ernst Bloch (1885–1977) dar.

Den Herausgebern Beat Dietschy, Doris Zeilinger und Rainer Zimmermann ist eine außergewöhnliche Leistung gelungen, die zurecht als Zwischenbilanz derzeitiger Bloch-Forschung, als „wissenschaftliches Handbuch, das den Stand der Forschung dokumentiert“ (Vorwort der Herausgeber), bezeichnet werden darf.

Das im Hardcover gebundene Teamergebnis eines von 22 Autorinnen und Autoren geschaffenen Arbeitsprozesses wendet sich primär an Interessierte aus Fachwissenschaften (Philosophie, Gesellschaftswissenschaften, Natur- und Technikwissenschaften), in zweiter Linie an „nichtprofessionelle LeserInnen“. Die Verfasser gehören den beiden Organisationen Ernst-Bloch-Assoziation und Ernst-Bloch-Gesellschaft an. In Abgrenzung zu in Universitäten immer wieder auftretenden Versuchen, Ernst Bloch auf die Rolle eines Literaten zu reduzieren, beansprucht das „Bloch-Wörterbuch“ bewusst die Perspektive, Bloch in seiner „explizit marxistische[n] Ausrichtung“ zu begreifen und die Ganzheitlichkeit seines Ansatzes zu betonen.

Das Wörterbuch besteht aus 46 Einzelarbeiten, die sich auf mehr als 46 zentrale Begriffe Blochs konzentrieren. Die Leitwörter reichen von „Antizipation“ bis „Zeit“ und umfassen nicht nur bekannte Themen wie etwa „Spuren“, „Naturallianz“, „Tendenz“ oder „Ungleichzeitigkeit“, sie umgreifen dankenswerter Weise auch weniger häufig verwendete Bloch-Motive wie „Fortschritt“, „Freiheit“, „Multiversum“ oder „Ultimum“. In der Regel werden die Fachbegriffe zunächst philosophiegeschichtlich und disziplinär eingeordnet, bevor ihre jeweilige Bedeutung in der Blochschen Konditionierung und im Blochschen Kontext dargelegt wird. Zu den besonderen und hervorzuhebenden Beiträgen in dem Band gehören neben den Texten von Doris Zeilinger zu „Latenz“ und „Natur“ vor allem auch die Arbeiten von Rainer Zimmermann zu „Naturallianz/Allianztechnik“, zu „Natursubjekt“ und „Naturrecht“ sowie die 44-seitige Aufarbeitung des von Bloch verwendeten Begriffes der „Ungleichzeitigkeit“ durch Beat Dietschy.

Letzterer erhebt die Wissenschaft zugleich zum Lesevergnügen, wenn er den Begriff „Ungleichzeitigkeit“ werkgeschichtlich durch die verschiedenen zentralen Werke Blochs verfolgt. Nicht vergessen werden darf die lesenswerte Abhandlung des verstorbenen Hans-Heinz Holz zu „Metaphysik“. Hinzuweisen gilt es auf den Abschnitt zu „Marxismus“ von Wolfgang Fritz Haug, der seinen Beitrag mit dem Hinweis Blochs auf die Notwendigkeit einer „Wärmestromwissenschaft“ krönt, die dem Marxismus hinzugefügt werden müsse. Ungemein anregend ist Heiko Hartmanns Beitrag zu „Atheismus“, den er konsequent als Teil eines Humanisierungsprozesses offenbart. Heiko Hartmann ist es zu verdanken, dass das „Bloch-Wörterbuch“ überhaupt verlegt werden konnte. Eine gute Gesamtleistung wie das „Bloch-Wörterbuch“ verdient neben der positiven Würdigung zugleich ein paar kritische Anmerkungen.

Es ist schade, dass das Redaktionsteam darauf verzichtet hat, zwei zusätzliche Stichworte in die alphabetische Gestaltung des Bandes aufzunehmen: Es fehlen die eigenständigen Leitworte „Musik“ und „Arbeit“. Bloch schrieb zwar kein eigenes Manuskript zum Arbeitsbegriff, dennoch durchzieht sein an Marx angelehntes Verständnis der Emanzipation und seine Entfremdungskritik das Noch-Nicht. Die Worte „Musik“ und „Arbeit“ finden im Wörterbuch immer wieder in einzelnen Texten Erwähnung, doch sind beide Stichworte für das Blochsche Gesamtwerk von nicht unerheblicher Bedeutung. Das Fehlen hinterlässt  noch zu schließende Lücken.

(Beat Dietschy, Doris Zeilinger, Rainer Zimmermann (Hg.): Bloch-Wörterbuch. Leitbegriffe der Philosophie Ernst Blochs. De Gruyter, Berlin 2012, 744 S.)

Maidan

Es waren öffentliche Plätze, auf denen gesellschaftliche Akteure den Tagtraum einer besseren Gesellschaft aufleben ließen. Es waren Orte, wo aus dem „Ich“ ein „Wir“ zu werden begann.

Der Orte gab es mehrere. Sie standen für Aufbruch wie auch für Niederlagen. Sie zeigten aber die Kraft des Unabgegoltenen und Uneingelösten des zivilgesellschaftlichen Emanzipationsbestrebens.

Zu den Namen „Wenzelsplatz“ in Prag, „Augustusplatz“ in Leipzig, „Platz des Himmlischen Friedens“ in Peking, „Azadi-Platz“ in Teheran und „Tahrir-Platz“ in Kairo kam jetzt der „Maidan“ im ukrainischen Kiew. Auf letzterem verschmolzen die Sehnsucht nach Gerechtigkeit und Würde mit dem Wunsch nach Demokratie, nach Verschränkungen von direkter und repräsentativer Demokratie.

Hans-Jürgen Krahl war es, der zutreffend bezüglich der Handelnden im „Prager Frühling“ feststellen musste, dass die Revolutionäre doch immer auch mit den Muttermalen desjenigen Systems versehen sind, gegen das sie ankämpfen. Im „Prager Frühling“ wollten sich die Akteure auf dem „Wenzelsplatz“ zu spät von der faktischen Dominanz der Rolle einer Partei lösen. Die Revolte auf dem „Tahrir-Platz“ suchte, alte Eliten zu beseitigen, hatte aber das Denken in autoritären Lösungsschritten geerbt. Nun der „Maidan“.

Er unterscheidet sich, da die Menschen sich an einem Traum orientierten, der von außen in Attraktivität zu leuchten begann. Es war das Bild von Europa, das ihnen vermittelt war. Dieses Bild von Demokratie, Rechtsstaat und Lebensqualität setzte ungeahnte Durchhaltekräfte von Tausenden von Menschen frei. Sie wussten, wogegen sie waren. Sie wussten, wo sie hinwollten. Verschwommen blieb eine scheinbare aber wesentliche Rahmenbedingung. Doch dieses Bild stand in gegensätzlicher Spannung zur Erbschaft des Charakters des Nationalstaats aus dem 19. Jahrhundert als einem von mehreren Altlasten.

Während die 28 Staaten der Europäischen Union im Inneren damit ringen, tendenziell die Grenzen des Nationalen zu überwinden, um Europa im globalisierten Wirtschafts- und Finanzmarkt zu stärken, betrachtet der „Maidan“ seinen Weg nach Europa vorwiegend als nationalstaatlichen Denkschritt. Es ist der Wunsch nach nationaler Identität, nach Kompensation des Fehlens eines historischen ukrainischen Nationalstaates. Hier zeigt sich das Muttermal der früheren Herrschaft.

Nun sind es die Gegner des „Maidan“, die mit der nationalen Karte den Weg des „Maidan“ nach Europa blockieren wollen. Und es wirkt wie eine Farce, dass sich ausgerechnet einer von den wichtigen Orten der Beratungen der Anti-Hitler-Koalition auf der ehemals sowjetischen Krim befindet. Mit der neuen nationalen „Ordnung“ von Jalta des Jahres 1945 hatten die Alliierten die Einflusssphären in Europa aufgeteilt. Diese brachen erst 1989/1990 ein. Der „Geist“ von Jalta scheint dem „Maidan“ Steine in den Weg zu legen.

Entscheidend wird sein, wie sich die europäischen Gesellschaften öffnen, um bei der Europäisierung Europas voranzukommen. Der beschleunigte Abschied vom Nationalen fehlt auf dem „Maidan“. Und dennoch gibt dieses Manko fremden Militärs kein Recht, in verdrehter Verlängerung der Okkupations-Jahre 1956 (Budapest), 1968 (Prag) und 1979 (Kabul) im Land des „Maidan“ einzumarschieren.

Seit vielen Jahren verbreitet sich – ausgehend vom Krim-Konflikt – zum ersten Mal wieder Sorge um den Frieden in Europa. Mag auch ein militärisch-kriegerisches Szenario überzogen sein, so wird doch wenige Wochen vor den Europa-Wahlen die Bedeutung der Europäischen Union für den Erhalt einer nichtkriegerischen Interessensaushandlungskultur überdeutlich. Europa entfaltet grundsätzlich die Möglichkeit zur nichtmilitärischen Überwindung des Nationalstaatsdenkens. Jüngst erst hatte auch der Philosoph Jürgen Habermas eine Beschleunigung der Europäisierung und Demokratisierung des Kontinents gefordert.

Ernst Bloch hatte 1918 in seinem „Vademecum für heutige Demokraten“ gegen Ende des Ersten Weltkrieges warnend geschrieben: „Der Krieg selber kann gewiss nicht alles leisten. Durchaus nicht, er kann nur brechen, nicht bilden.“

Das Wesentliche

(Foto: © Welf Schröter)

„Du warst Sozialistin aus der Kenntnis der Welt da unten, die Du aus der Perspektive des Staubs ansahst –, Ernst eher aus planetarischer Sichtweite.“ Mit diesen Worten gratulierte dereinst Walter Jens Karola Bloch zu ihrem 85. Geburtstag. Humorvoll fuhr er fort: „Ich erinnere mich an das Jahr 1968. Es gab auch in diesem Gebäude eine Reihe von Go-In’s der Studenten bei Professoren. Ernst missbilligte das. Er fand, einen Professor stört man nicht bei der Arbeit. … Du hingegen fandest die Go-In’s ganz richtig. Die Studenten sollten ruhig kommen und die Leute mal auf Trab bringen.“

Auch der Leipziger Schüler Ernst Blochs und guter Freund der Familie, der Philosoph und Lektor Jürgen Teller, bezeugte, wie die Polin, Sozialistin, Jüdin und Architektin Karola Bloch selbstbewusst Leute mal auf Trab brachte. Er erinnerte an das Jahr 1956 in der DDR, als Karola Bloch die SED nach der militärischen Niederschlagung des Aufstandes in Ungarn angriff: „Den beiden mächtigsten Parteisekretären … sagtest Du mitten ins Gesicht: ,Aber das ist ja roter Faschismus!‘ und ,Wo bleiben denn die Denkmäler für die entsetzlich vielen Opfer Stalins?‘“

Energisch war Karola Bloch 1932 als Studentin gegen den drohenden Nationalsozialismus in die damalige KPD eingetreten. Doch ihr Verständnis von Kommunismus und Sozialismus unterschied sich von den Positionen der Zentralkomitees und Politbüros. In den dreißiger Jahren war sie einerseits als Agentin „Olga“ für ihr Geburtsland Polen gegen Hitler tätig und unterstützte andererseits Parteifreunde, die von Stalins Geheimdiensten verfolgt wurden.

Als Karola Bloch vor zwanzig Jahren in Tübingen starb, ging ein nicht aufhören wollendes politisches Ringen zu Ende. Das Rebellische ihrer Jugendjahre blieb ihr erhalten. Irene Scherer zitiert sie dazu in ihrem Beitrag über Kontinuität und Bruch in „Architektin, Sozialistin, Freundin“: „Von Kindheit an war ich selbstständig. Durch mein Leben war und bin ich eine emanzipierte Frau. Das gehört zur Kontinuität in meinem Leben.“

Die schwerste Last bildete die Shoah und ihre Folgen. Karola Blochs Eltern und ein Teil ihrer weiteren Angehörigen wurden ins „Warschauer Ghetto“ verschleppt und im KZ Treblinka ermordet. Obwohl Karola Bloch nicht religiös war, hatte sie doch ihre jüdische Herkunft kulturell nie vergessen und nie geleugnet. Bis zuletzt stand eine kleine Menora in Sichtweite.

Im Sommer 1990 zog die 85-Jährige in einem Gespräch eine persönliche Bilanz. Auf die Frage, was die wichtigste Botschaft sei, die sie mit dem Wort Sozialismus verbinde, antwortete sie rauchend: „Wenn sich Menschen für etwas Positives einsetzen, so treten sie für Gleichberechtigung, Gleichverantwortung und für Gerechtigkeit ein. Darin liegt das Wesentliche. Es geht um die Würde des Menschen.“

Assistenz des Humanoiden

(Foto: © Welf Schröter)

Gibt es eine Art physische Integrität des menschlichen Körpers? Gilt eine ethisch-normative Grenze der wechselseitigen Integration menschlicher Körperlichkeit und humanoider Technik? –

Hinter den Fragen verbergen sich sowohl Hoffnungen wie auch Sorgen hinsichtlich des Wandels unseres modernen Menschenbildes, wie es aus christlicher-religiöser und aufklärerisch-gesellschaftlichem Werdens-Prozess hervorgegangen ist.

Neu und aktuell entfaltet sich das Thema vor dem Hintergrund der Diskurse über Technikinnovationen, die den menschlichen Körper bzw. seine Gliedmaßen durch künstliche Bauteile ergänzen wollen. Seien es medizinische Prothesen, die dem Menschen nach erlittenen Unfällen behilflich sein sollen, seien es technische Unterstützungssysteme, die Hände und Beine in ihrem Leistungsvermögen stärken oder deren Belastungen erleichtern sollen, seien es mobile Serviceroboter, die mobil eingeschränkte Personen beweglicher werden lassen, – die Betrachtenden folgen einem inneren Zwiespalt. Dieser verliert in der Regel seine Spannung, wenn erkennbar ist, dass es sich bei der Assistenztechnik um Gegenständliches handelt, das außerhalb des menschlichen Körpers verbleibt und vom Menschen nach eigener Entscheidung auf Bedarf genutzt wird.

Die derzeitigen Entwicklungen der Assistenztechnik zeigen nun aber eine veränderte Perspektive: Durch die zunehmende Verkleinerung der Robotik mit Hilfe von Mikrosystemtechnik und Nanotechnologie sowie durch die steigende Einfügung modernster interaktiver Informations- und Kommunikationstechnik versuchen die miniaturisierten Helfersysteme schrittweise Bewegungen, Verhaltensweisen und Reaktionsmuster des Menschen aufzunehmen. Assistenztechnik ist auf dem Weg menschenähnlich, humanoid zu werden. Mehr noch: Die bisherige Trennung von menschlichem Körper und Mikrotechnik beginnt sich umzukehren. Die Distanz bzw. Nähe von Mensch und Technik wandelt sich experimentell hin zur körperlichen Integration von Assistenztechnik in die organische Umgebung.

Der potenzielle Chip im menschlichen Muskel oder im organischen Prozesszusammenhang begründet sich zunächst medizinisch. Doch aus der medizinischen (Fern-)Kontrolle durch IT im Sinne von Fernwartung lässt sich soziale Fernkontrolle oder Fernüberwachung mit anderen Absichten oder Motiven herausdestillieren. Zugespitzt: Die militärische „Cyborg“-Debatte zur Nutzung intelligenter humanoider Assistenztechnik innerhalb der Körper von Berufssoldaten stellt nicht nur das tradierte Menschenbild in Frage.

Über Jahrhunderte ist in den Gesellschaften durch Religion, Wissenschaft und Philosophie ein Bild der Körperlichkeit hervorgekommen, das sich in unserem gesellschaftlichen Bewusstsein festgegraben hat. Dieses steht heute den Wahrnehmungen der technologischen Verheissungen auf dem Feld der humanoiden Assistenzrobotik geradezu ungleichzeitig gegenüber. Der gesellschaftlichen Unabgegoltenheit der Humanisierung des Menschen drängt sich eine Technikutopie entgegen, die das Körperliche vom Sozial-Emanzipatorischen abzuspalten droht. Für Ernst Bloch stand Technik nicht selten auf der Seite des modernisierenden Fortschritts. Die physische Veränderung der Architektur des Menschen durch Technik war für ihn noch nicht erkennbar. Sein „Geist der Utopie“ mass sich noch am (ur-)christlichen Schöpfungsbild.

Verstrickt ins Hier

(Foto: © Welf Schröter)

Im Jahr 1926 wurden sie Freunde, der Soziologe und Geschichtsphilosoph Siegfried Kracauer und der Philosoph Ernst Bloch. Während „Krac“ – wie ihn später Karola Bloch freundlich nannte – sich mehr dem Frankfurter Institut für Sozialforschung um Theodor Adorno annäherte, wandte sich Bloch mehr dem Marxschen Denken und dem Materialismus zu. Verbunden hatte beide Denker das Ringen um Entzauberung und Entmythologisierung im gesellschaftlichen Diskurs.

Im Jahr der beginnenden Freundschaft zu Ernst Bloch schreibt Kracauer 1926 an diesen: „Gerade das Entschleiern und Bewahren zusammen erscheint auch mir als das von einem letzten Aspekt aus Geforderte, und als großes Motiv dieser Art von Geschichts-Philosophie würde ich das Postulat ansprechen, daß nichts je vergessen werden darf und nichts, was unvergessen ist, ungewandelt bleiben darf.“

Zu Ernst Blochs 80. Geburtstag am 8. Juli 1965 pointiert Kracauer: „Daher meine Überzeugung, daß einer, der nicht verstrickt ins Hier ist, niemals in ein Dort gelangen könne.“

Kracauer – wie Bloch aus einem jüdischen Elternhaus kommend – flieht vor den Nazis nach Amerika. Auf eigene Weise hatte er die Gründe für die Machtbasis Hitlers vor allem in der sich verändernden ökonomischen Lage der Angestellten analysiert. Anders als Bloch will Kracauer nach 1945 nicht mehr in das Nachkriegsdeutschland zurückkehren. Er bleibt in den USA.

Doch die Freundschaft zwischen Siegfried und Lili Kracauer sowie Ernst und Karola Bloch bleibt herzlich und humorvoll leicht. Schmunzelnd formuliert Karola Bloch in ihrem Brief vom 21. Juni 1962 Richtung USA: „Die Männer habens besonders leicht – sie altern ja gar nicht.“

Am 8. Februar 2014 jährt sich Siegfried Kracauers Geburtstag zum 125. Mal.

(Näheres zu Kracauer siehe: http://www.polunbi.de/pers/kracauer-01.html)

We shall overcome

Ein Denkender (Foto: © Welf Schröter)

Lange bevor die Rolling Stones mit ihren Songs „Streetfighting Man“ und „Sympathy for the Devil“ die braven Tanzschulen durcheinander brachten, lange bevor John Lennon mit den Beatles „Revolution“ sang, lange bevor The Cream, Jerry Garcia und die „Greatful Dead“, Miriam Makeba, Janis Joplin, Jimi Hendrix, MC5, Frank Zappa und die „Mothers of Invention“, Bruce Springsteen, John Lee Hooker, Bob Dylan („Blowin’ in the Wind“) mit ihren politisch-lyrisch-musikalischen Botschaften ihre Zuhörer inspirierten und aufrüttelten, war jener Sänger mit Leidenschaft und politischer Parteilichkeit sowie seinen selbst geschriebenen bzw. bearbeiteten Songs solidarisch bei jenen, die seine Stimme brauchten: Pete Seeger, brillanter Musiker, aufrührerischer Songwriter, Gewerkschafter und Menschenfreund sang für Benachteiligte, an den Rand der Gesellschaft Gedrängte, streikende Arbeiter, rebellierende Schwarze, Umweltschützer, Kriegsgegner, Pazifisten. Seine Waffen waren sein Banjo, seine Stimme, sein Verstand und sein Herz.

Sein künstlerischer Kommunismus kam Ernst Blochs „Aufrechtem Gang“ sehr nahe. Sein „Noch-Nicht“-Song – auf der Basis eines alten Gospelstücks – „We shall overcome“ wurde in seiner Version und der Neuaufnahme durch die Sängerin Joan Baez zum Leitmotiv der Jugendrevolte der sechziger und siebziger Jahre gegen den Vietnamkrieg, gegen Rassismus und Unterdrückung. Ähnlich wie Ernst Bloch wurde Pete Seeger vor den McCarthy-Ausschuss gegen unamerikanische Umtriebe zitiert. Ein langes Radio- und Medienverbot und ein Urteil über zehn Jahre Gefängnis machten ihn bei den späteren Berkeley-Rebellen erst richtig populär. Für ihn galt ein Motto, nach dem Karola Bloch, – die zeitweise ebenso wie Pete Seeger in der amerikanischen KP war –, ihr Leben ausrichtete: „Ich gehe zu jenen, die mich brauchen, nicht zu denen, die ich brauche.“

Einer von Pete Seegers bekanntesten Protestsongs „Where have all the Flowers gone“ wurde für viele junge Männer Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre in Europa zu einem markanten Aufruf, sich pazifistisch dem Kriegsdienst mit der Waffe zu verweigern. Seine nüchterne unprätentiöse Stimme, sein bescheidenes Auftreten, seine Klarheit der Aussage waren für junge Ohren im Lande des Heintje- und Roy-Black- und Egerländer-Kitsches eine Initialzündung, die konsequent hinüberleitete zu den bitteren bluesnahen Antikriegsstücken von Jimi Hendrix wie „The Star Spangled Banner“ und „Machine Gun“.

Pete Seeger ist am 27. Januar 2014 im Alter von 94 Jahren gestorben. Er wollte mit seinem Leben der Gerechtigkeit mehr Einfluss verschaffen. Er forderte von seinen Zuhörenden vor allem eines: Mut zur Einmischung, denn „This Land is your land“ (Pete Seeger). Dieser Imperativ ist mit seinem Tod nicht erloschen.

Warum Mandela nicht nach Tübingen kam

Textauszug Karola Bloch (Sehnsucht I, 142)

Wie Martin Luther King hatte auch Nelson Mandela einen Traum, einen Tagtraum. Mandela sah eine afrikanische Gesellschaft entstehen, die er hoffend als „Regenbogen-Nation“ bezeichnete. Ähnlich wie Kings Traum von der gemeinsam-wechselseitigen Emanzipation von Schwarz und Weiß in den USA.

Mandela war Jurist. Er war in seiner Wahrnehmung den gesellschaftlichen Prozessen weit voraus. Er wollte Selbstbefreiung hin zu einer gleichberechtigten Versammlung der Citoyennes und Citoyens in einem Staat der gesicherten demokratischen Rechte aller. Sein Tod im Alter von 95 Jahren am 5. Dezember 2013 hinterlässt zwar eine errungene politisch verankerte Richtung der Entwicklung, aber dennoch mit großem unabgegoltenem „Noch-Nicht“:  „Ein Mensch, der einem anderen die Freiheit raubt, ist ein Gefangener des Hasses. […] Der Unterdrückte und der Unterdrücker sind gleichermaßen ihrer Menschlichkeit beraubt.“ (Aus seiner Autobiografie)

Jahre und Jahrzehnte gab es ein weltweites Ringen um die Freilassung des Bürgerrechtlers und bekanntesten Mitglieds des African National Congress. Auch in Tübingen sprachen sich viele Personen für seine Befreiung aus. Zu ihnen zählte unter anderem die Architektin Karola Bloch: „Die verbrecherische Regierung dieses Landes, den Schöpfern der Apartheid, muss von allen rechtschaffenen Menschen geächtet werden.“

Im Juni 1985 – anlässlich des 25. Jahrestages der blutigen Niederschlagung des schwarzen Aufstandes von Sharpeville 1960 – brachte ein Doktorand der Geschichtswissenschaft den Antrag in den Senat der von Studierenden in „Ernst-Bloch-Universität“ umbenannten Alma Mater ein, den bekanntesten Juristen Südafrikas, den jahrzehntelang mit der Häftlingsnummer 46664 gefangen gehaltenen Rechtswissenschaftler Nelson Mandela, an die Universität Tübingen einzuladen, ihn mit einer Ehrung der juristischen Fakultät zu begrüßen und ihm den Campus als Ort der öffentliche Rede anzubieten. Diese symbolische Einladung an einen Inhaftierten sollte – im 100. Geburtsjahr Ernst Blochs – ein Zeichen zivilgesellschaftlicher Verbundenheit und Solidarität setzen. 

Der damalige Präsident der Hochschule, Adolf Theis, zugleich Vorsitzender des Senats, schloss sich diesem Anliegen grundsätzlich an. Das Gremium beschloss mit Mehrheit, die öffentliche Einladung an Nelson Mandela auszusprechen und Vertreter der Professorenschaft zu beauftragen, die Einladung zu überbringen.

Doch die Vertreter der damaligen Professorenschaft stießen auf so viele eigene Hemmnisse, dass es nie zur Einladung an Nelson Mandela kam. So mancher wollte damals in ihm noch immer einen Gewalttäter und Terroristen sehen. Die 508-jährige Universität Tübingen hatte eine große Chance der Selbstkorrektur verpasst.

Nelson Mandelas Tagtraum ist derweil von einem afrikanischen zu einem globalen Tagtraum geworden. Dessen Realisierung erfordert Zivilcourage und solidarisches Agieren. Noch heute.

„Ich komme aus der Hölle“

Foto: © Welf Schröter

Mit diesen Worten eröffnete Fritz Bauer einen seiner eindrücklichen öffentlichen Vorträge, die er in einer Zeit hielt, als in Frankfurt der Auschwitz-Prozess lief. Fritz Bauer, der Citoyen, der Bürgerrechtler und Rechtsstaatler, der Radikaldemokrat und hessischer Generalstaatsanwalt hatte es geschafft, dass am 20. Dezember 1963 der erste große Auschwitz-Prozess gegen die KZ-Mörder begann, beginnen konnte. Die Süddeutsche Zeitung nennt ihn heute – 50 Jahre danach – einen jüdischen Deutschen, der nicht Rache sondern Recht wollte.

Bedrängt, bedroht und beharrlich bereitete Bauer gegen die damalige Richterschaft die Durchführung des Prozesses vor.  Er wollte Recht, er wollte Wahrheit, er wollte Wissen. Mit seinem Prozess schrieb er Justizgeschichte. Mehr noch, er war davon überzeugt, dass ohne Kenntnis des Holocaust und ohne Auseinandersetzung mit der Shoah sich ein selbst tragendes wirklich demokratisches Gemeinwesen dauerhaft nicht halten könne. Fritz Bauer schrieb damit ein Stück Demokratiegeschichte.

„Ich komme aus der Hölle“. Mit diesen Worten beschrieb er die Aussagen und Schilderungen der Überlebenden des KZ’s. Die Zeugen erzählten erstmals öffentlich in einem bundesdeutschen Nachkriegsgerichtssaal das unbeschreibliche Grauen des Holocaust. Die Sätze der Menschen, die nach Jahren erstmals wieder mit ihren Peinigern in einem Raum waren, offenbarten den Medien Leidensgeschichten, die schon von den Journalisten, Staatsanwälten und Zuhörern kaum auszuhalten waren. Die Last der Schilderungen empfand Fritz Bauer als „Hölle“. Doch um wieviel schlimmer war es für die Überlebenden, die diese Schrecken unentrinnbar ihr Leben lang als gleichzeitig ungleichzeitige Erfahrung in sich trugen, ertrugen und oft nicht mehr ertrugen. Fritz Bauer gab den Opfern einen Teil ihrer Würde zurück.

Im Juli 1968 skizzierte ihn die ZEIT anlässlich der unerwarteten Nachricht seines Todes posthum mit den Worten: „Mit seinem über die Jahre hinaus zerfurchten Gesicht, seinen flammenden, weißen Haaren, seiner rauhen, stoßartigen Stimme wirkte er auf den ersten Blick wie ein Patriarch, ein Prophet der Aufklärung: etwas von Ben Gurion, etwas von Ernst Bloch, ganz ins Pragmatische gewendet.“ Er war ein Verfechter der Verteidigung der Würde des Menschen. Darin war er sich mit Karola Bloch einig.

„Es möchte unsere kriminalrechtliche und kriminal-politische Aufgabe sein, zunächst einmal die autoritären Schlacken vergangener und jüngster Jahrzehnte zu beseitigen, um aus Demokraten des Wortes Demokraten der Tat zu werden.“ (Fritz Bauer 1958)

Heute – 50 Jahre nach dem Auschwitz-Prozess – möchte man innehalten, sich zurücklehnen und sagen, Fritz Bauers Arbeit wurde von seinen politischen und juristischen Enkeln erfolgreich zu Ende geführt. Doch das Unaufgeklärte, Ungerichtete und ungleichzeitig Unabgegoltene ist noch immer präsent und wirksam. Die „Zweite Generation“ und die „Dritte Generation“ der Shoah-Getroffenen ringen noch immer um Wahrheit und um weitere Brocken der Würde.

Dagegen wächst bei so manchem Vertreter der sonst immer so aufklärerisch-aufmerksamen Neuen Linken eine „moderne“ Haltung des akademischen Schlussstrichs. Die Thematisierung der Shoah sei unwissenschaftlich geworden. Denn: Damit mache man keine Karriere im Wissenschaftsbetrieb.

Der Wissenschaftler und Jurist Fritz Bauer wußte dies auch schon. Aber genau deshalb tat er, was er tat.